Werbinich : Mit knapper Not

Adrian Finn Lacin[17 Jahre]

Als ich klein war, erzählte mein Großvater manchmal von seiner Kindheit. Er tat es nicht oft, weil ihm damals viel Schlimmes zugestoßen ist. Geboren wurde er 1942 als Sohn eines Imams im jugoslawischen Prizren war er ein stabiles Elternhaus gewohnt gewesen. Seine Eltern kamen beide ums Leben, so lebte er bei seiner Großmutter. Als er 13 war, starb auch sie. Er schaffte es trotzdem, einen guten Abschluss zu machen, studierte türkische Literatur und wurde Lehrer. Mit den Jahren geriet er mehr und mehr in politische Bedrängnis und siedelte 1970 mit seiner Familie nach Berlin über. Es gelang meinem Großvater, am Hermann-Hesse-Gymnasium eine Stelle als Lehrer zu bekommen, meine Großmutter arbeitete in einer Fabrik.

2009 besuchten meine Großeltern meine Tante, die inzwischen in Istanbul wohnt. Sie sind mit meinen beiden Cousins in der Stadt unterwegs, als in einem Abfalleimer eine Bombe detoniert.

Wie sich später herausstellte, war es die kleinere von zwei Bomben, die von der PKK gelegt worden waren.

Mein Großvater und mein älterer Cousin eilen sofort zu Hilfe. Augenblicke später zündet die zweite Bombe und reißt mindestens 30 Menschen in den Tod. Meine Großmutter beginnt aus Angst um Mann und Enkel zu schreien und zu weinen. Sie ist sich sicher, dass sie tot sind.

Unsere Familie hatte Glück im Unglück. Mein Großvater und mein Cousin blieben körperlich unversehrt, doch der psychische Stress hat alle, die das Attentat miterlebt haben, schwer verletzt. Als ich sie kurz danach in Berlin besuchte, zeigten sie mir Bilder aus türkischen Zeitungen und Zeitschriften. Blut und Körperteile überall, mir wurde schlecht. Einen Moment später sah ich meinen Großvater, das Oberhaupt unserer Familie, in Tränen ausbrechen. Niemand sagte etwas. Wir schwiegen, und jeder der im Raum Sitzenden dankte Gott – sofern er an ihn glaubt –, dass er es nicht hat schlimmer kommen lassen.

Adrian Finn Lacin, 17 Jahre

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