Werbinich : Mit zehn war ich verknallt in Oliver Kahn.

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Damals fand die WM 2002 statt und ich verfolgte zum ersten Mal in meinem Leben Fußballspiele. Sogar im Hort war es erlaubt, etwas anderes anzusehen als ab und zu ein Disney-Video. So saßen wir Kinder mit baumelnden Beinen auf den Tischen, während die Hortner die Nationalelf anfeuerten. Der Blick ganz Deutschlands ruhte besonders auf unserem Torwart und seinen großartigen Paraden. Kahn konnte jeden Ball halten. Ich schnitt Bilder von ihm aus der Zeitung und beklebte die Schränke meines Zimmers damit. Ich schwor mir, in acht Jahren, wenn ich erwachsen und weise geworden war, zur WM zu reisen und mir Kahn von Nahem anzusehen.

2002 konnte ich unser Team bis ins Finale begleiten, dann machte Brasilien den deutschen Traum vom Weltmeister kaputt. Ich fand einen zweiten Platz auch gut, aber mein Bruder, damals sechs Jahre alt, sperrte alle Fanartikel weit hinten in den Schrank und wenn jemand das Wort Brasilien in den Mund nahm, starrte er den Betreffenden minutenlang finster an.

Als 2006 die nächste Weltmeisterschaft stattfand,

war der Hass auf Brasilien weitestgehend verflogen, nur ein leises Grollen war übrig geblieben .

Ich war 14, und trotz meiner Erwartungen war Oliver Kahn gealtert; Lehmann hielt nun die Bälle. Mit gestiegenem Interesse verfolgte ich die WM und kürte bald Philipp Lahm zu meinem Liebling. Er war körperlich nicht gerade groß, aber hatte es voll drauf – genau wie ich. Kurz nach dem Halbfinale, bei dem Deutschland gegen Italien unterlag, hatten wir Sommerferien und ich begann zusammen mit zwei Freunden, den Nationalspielern vor dem Schlosshotel im Grunewald aufzulauern. Wir hatten Glück, Klose und Lahm ließen sich blicken, und ich lief den Rest des Sommers mit Philipps Edding-Autogramm auf meinem Arm herum, das ich immer wieder nachmalte.

Heute bin ich groß und werde wohl nicht mehr mit Popcorn unseren Fernseher bewerfen, wenn Deutschland verliert. Die Spiele gucke ich trotzdem gern, genauso wie Oliver Kahns Kommentare. Nach Südafrika bin ich nicht gereist, stattdessen sitze ich in Berlin und denke über meine persönlichen Sommermärchen nach. Caroline Stelzer, 18 Jahre

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