Werbinich : Mix-Tape-Revolte

Dreht am 1. Mai die Lautstärkeregler hoch – hier kommen unsere ganz persönlichen Protestsongs

Sebastian Leber

„Alles muss zerstört werden“

Naziaufmärsche sind eine unschöne Sache. Und jeder, der etwas gegen sie unternimmt, hat Respekt verdient. Man kann sich in den Weg setzen, Plakate hochhalten, „Nazis raus“ brüllen. Oder laute Musik spielen, um die Reden der Rechten zu übertönen. Einmal kam „Alles muss zerstört werden“ aus unseren Boxen. Das ist von Surrogat und laut und motivierend. Die Glatzen standen auf der Straße, geschützt von der Polizei. Und da lagen die Pflastersteine auf dem Boden, und mit dem Lied in meinen Ohren reizte es mich, einen zu nehmen und auf die Nazis zu werfen. Ich hatte schon einen in der Hand, doch dann zog vor meinem inneren Auge vorbei, was die Polizei nach dem Wurf mit mir anstellen würde: Verfolgungsjagd, Festnahme, Vorstrafe, für immer arbeitslos. Ich habe dann einen Tannenzapfen geworfen. Aber immerhin getroffen.

„Fuck Tha Police“

Mit der Polizei hatte ich nie Probleme, nur einmal hielt mich ein Beamter an und bat mich, künftig ausschließlich bei Grün über die Straße zu gehen. Trotzdem war ich gleich begeistert von der Wut, mit der die Gangsta-Rapper N.W.A. ihre Hasstiraden gegen polizeiliche Willkür runterratterten – 1989 bewies das noch Mut und Haltung. Obendrein waren Ice Cube und Dr. Dré richtig gut im Bösedreingucken und Gefährliche-Handzeichen–Zeigen. Damit verschafften sie sich Respekt. Nur nicht bei meinem Vater. Der wunderte sich: „Haben die Gicht an den Fingern? Wusste gar nicht, dass man das schon in jungem Alter bekommen kann.“ Danach lief das Lied in meinem Kinderzimmer nur noch leise. Nana Heymann

„Gegen den Strom!“

Gut, wir waren nicht die krassesten in unserem Dorf, aber ein bisschen krass waren wir schon. Wir haben heimlich gekifft, gesprüht und ich habe mir die Haare blondiert (was sehr wehtat auf der Kopfhaut und dumm war, weil ich eh blonde Haare habe). In jener Phase erschien ich einmal mit einem „GEGEN DEN STROM!“-Shirt am Frühstückstisch. Ein Lied von Such A Surge, meiner Lieblingsband. Ich wollte meine Eltern mit den Songs zur Verzweiflung bringen. Pech. Mutter sagte: „Hörste wieder Hottentotten-Musik im Kinderzimmer?“ Rückblickend muss ich feststellen, dass meine Rebellion nicht sehr ernst genommen wurde. André Görke

„I Don’t Like Mondays“

Wer Bücher wie „Herr Lehmann“ liest, dem muss das alte West-Berlin wie ein Paradies erscheinen. Keine Bundeswehr, billige Altbauwohnungen und Kreuzberg ein einziger Partykeller. Aber wer denkt schon an die armen Kinder, die nie ein freies Wochenende hatten? Ja, wir mussten auch samstags zur Schule, von acht bis halb zwölf, was Probleme bei der Gestaltung des Freitagabends mit sich brachte. Unsere Wut bekam nicht der Samstag ab, sondern der arme, unschuldige Montag. „I Don’t Like Mondays“ von Bob Geldofs Boomtown Rats lief auf jeder Party acht-, neun-, zehnmal, und den Refrain haben alle mitgesungen: „Tell me why I don’t like mondays. I want to shoot the whole day down!“ (Wir wussten damals nicht, dass der Text von einem Schulmassaker in den USA handelte). Ein paar Jahre später hat Berlin zwar nicht den Montag abgeschafft, aber den Unterricht am Samstag. Immerhin. Sven Goldmann

„Thunderstruck“

Eigentlich war ich immer viel zu brav. Mit fünf stand ich auf Hafen-Schlager. Mit 13 dann auf Jason Donovan. Doch mit 16 kam die große Entdeckung: AC/DC in voller Lautstärke eignete sich unglaublich gut, um meine Mutter in den Wahnsinn zu treiben. „Thunder“ und „TNT“ zum Mitschreien – als Schlusspunkte für die Schreiereien mit meiner Mutter. „Du räumst jetzt dein Zimmer auf!“ Antwort meines CD-Players: „Nananananaaa THUNDER!“ Mutter hatte erst Ruhe, als ich ausgezogen bin. Daniela Martens

„Bullet In Your Head“

Wir hatten lange Haare, spielten schlecht Gitarre und machten gerade Abi. Sie wählten Helmut Kohl, schafften das Asylrecht ab und unterstützten den US-Krieg gegen den Irak. Alles schien Anfang der 90er falsch zu laufen. Doch außer uns merkte das keiner. Wir hassten das System, was auch immer das war. Und dann kam diese Band: Rage Against The Machine. Sie schrien: „Bullet in your Head.“ Wie ein Fanal. Wir hörten das Ding rauf und runter, sprangen und headbangten. Ein Kumpel brach sich beim Tanzen den kleinen Finger, ein anderer holte sich eine Gehirnerschütterung, meine Brille ging mehrfach zu Bruch. Egal. Wir wuschen unsere Haare noch seltener, ließen die Löcher in unseren Jeans noch größer werden und schmierten „You Suck!“ auf unsere T-Shirts. Und wenn uns in der S-Bahn die Systemstreber schief ansahen, dann murmelten wir: „Ya standin’ in line. Believin’ the lies. Ya bowin’ down to the flag. Ya got a fuckin’ bullet in ya head.“ Ein Kumpel hat mir neulich erzählt, dass er den Song heute gerne beim Putzen höre. „Man kriegt so eine Energie davon“, sagt er. Früher hätten wir ihn deswegen mit Steinen beworfen. Philipp Lichterbeck

„Hören mit Schmerzen“

Die Wirkung war phänomenal. Über Slimes „Deutschland muss sterben!“ hatten sich ja nicht mal mehr meine Eltern und Lehrer aufgeregt. Mit „Hören mit Schmerzen“ von den Einstürzenden Neubauten hingegen konnte man allen prima auf den Wecker fallen. Aber wirklich allen! Aufgrund des Verzichts auf Harmonie und konventionelle Instrumentierung zugunsten von Geräusch und metallischem Geschepper zwangen einem plötzlich sogar vermeintlich liberal denkene Gleichaltrige Diskussionen über „entartete Kunst“ auf. Moritz Honert

„Killing In The Name“

Kurz vorm Abi bekam ich Sehnsucht nach dem Schweinesystem. Mein Erdkundelehrer (Vollbart, Ohrring) hatte von der RAF erzählt, der Funke sprang über, auch ich wollte kämpfen. Das Schweinesystem aber ließ sich weit und breit nicht blicken, obwohl man am Niederrhein verdammt weit blicken kann, es gibt da keinerlei Berge. Die Rettung war ein Song von Rage Against The Machine („Killing in the Name“), eine wütende Protesthymne gegen – nun ja, gegen nichts Bestimmtes, das machte den Song so wertvoll. Der Refrain ging „Fuck you, I won’t do what you tell me!“, das konnte man beim Tanzen aus voller Kehle mitschreien, und selbst wenn man mit der Befehlsverweigerung nur die Hausaufgaben meinte, kam man sich vor wie ein gemeingefährlicher Irrer. Jens Mühling

„Das bisschen Totschlag“

Der Text füllt mehrere Seiten, mit dem Schorsch Kamerun seinen Hass auf die neudeutsche Fremdenfeindlichkeit nach dem Anschlag von Mölln zu bändigen versuchte. Ein Autonomer war auch abgestochen worden an dem Wochenende, aber der wurde gar nicht mitgezählt bei den Bedauernsritualen. Die Sätze purzeln nur so aus Kamerun heraus, ungeordnet und giftig, während Die Goldenen Zitronen sich in scheppernd-pulsierendem Fun-Punk ergehen, wie er garstiger nicht sein könnte. Wer den Song 1994 gehört hat, will von Betroffenheitsgesten nichts mehr wissen. Bleibt weg mit eurer Magen- und Darm-Politik. Kai Müller

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