Mode : Jacke wie Hose

Reden Mädchen zu viel über Mode? Oder sollten Jungen sich mehr damit beschäftigen? Vielleicht tun sie das ja auch, aber ohne viel Aufhebens zu machen. Denn uns ist allen klar: Das Erste, was andere von Dir wahrnehmen, ist Dein Aussehen.

Das Klischee hat sich mal wieder bestätigt. Wie sich wahrscheinlich jeder denken kann, wurde das Thema Mode von den weiblichen Mitgliedern der Unter-18-Redaktion vorgeschlagen. Bis auf sehr vereinzelte Wortmeldungen der männlichen Mitglieder haben sich auch nur die Mädchen an der Diskussion beteiligt. Die Jungen saßen weit zurückgelehnt mit skeptischen Mienen da. Sie schwiegen oder unterhielten sich über die (zu diesem Zeitpunkt bevorstehende) Fußball-Weltmeisterschaft, während alle Mädchen euphorisiert die vielen Facetten des Themas unserer Seite diskutierten. Schnell wurde klar: Mode ist mehr als nur Shoppen oder Konsum.

„Was drücke ich mit meiner Kleidung aus?“, „Wie fühle ich mich darin?“ oder „Warum interessieren sich hauptsächlich Mädchen für Mode?“ sind Fragen, über die wir die meiste Zeit gesprochen haben.

Damit diese Seite nicht von den Mädchen dominiert wird, wurde bei der Gestaltung jedes Mitglied gebeten, ein Foto von sich in seinem Lieblingskleidungsstück zu schicken. Es haben nicht alle mitgemacht – vielleicht war es einfach nicht ihr Thema.
An die männlichen Leser: nicht von diesem Thema abschrecken lassen. Jetzt ist die Gelegenheit, einen Einblick in die Köpfe unsere Journalistinnen zu erhaschen.
SIMON BÜSCHER, 18 Jahre

Gar nicht gibt’s nicht

Meiner Meinung nach kann der Satz: „Mein Aussehen interessiert mich null“ von keinem gesagt werden, ohne ein bisschen zu lügen.

Das ist auch gar nicht schlimm, denn meiner kleinen Verhaltensthese nach liegt fast allen unseren Taten Angst zugrunde: Wir gehen zur Schule, weil wir Angst haben, später ungebildet zu sein und keinen Job zu finden. Wir suchen uns Freunde, weil wir Angst haben vor der Langeweile des Alleinseins. Wir putzen uns die Zähne, weil wir Angst vor Karies haben. Wir passen uns Gruppen an, weil wir Angst haben unangepasst zu sein und nicht angenommen zu werden. Vielleicht heiraten sogar viele von uns nur aus Angst, im Alter allein zu sein.

Meiner Meinung nach verleitet uns die größte Angst – die vorm Alleinsein – dazu, morgens in den Spiegel zu gucken. Denn keiner ist gerne allein, jeder möchte in irgendeiner Form in der Gesellschaft angenommen werden. Und es ist leider so, dass das Aussehen das Erste ist, was dem Gegenüber begegnet. Egal, ob einer sagt, dass er nur auf die inneren Werte achtet – er hat dich angesprochen, weil er dich äußerlich ansprechend fand.

Eine minimale Beachtung schenkt fast jeder dem eigenen Aussehen, einen kurzen Blick in den Spiegel, ob die Haare nicht in die falsche Richtung abstehen oder die Hemdfarbe sich vollkommen mit der Hosenfarbe beißt. Natürlich gibt es Leute, die sich mehr mit ihrem Äußeren auseinandersetzen als andere, doch gar nicht gibt’s nicht. Gleichgesinnte erkennt man als Erstes an demselben Klamottenstyle, an der Frisur oder einer anderen Äußerlichkeit.

Vielleicht ist Angst auch der Grund dafür, dass alle irgendwann mal über das Aussehen von jemand anderem lästern: Man lenkt die Unsicherheit seiner eigenen Person auf eine andere, weil man selbst Angst davor hat ausgeschlossen zu werden und allein zu sein. Anna Dissmann, 16 Jahre

Manchmal ist Kleidung so wirkungsvoll, dass sie hübsche Mädchen schrecklich aussehen lässt.

Bei zu engen Hosen, aus denen der Bauch hervorquillt, oder Leggins und Top fragt man sich: Fehlt da nicht was?
Ein Rock vielleicht? Oder eine lange Jacke? Hat sich da jemand ganz massiv in seiner Jeansgröße geirrt? Viele kommen so rüber, als hätten sie beim Einkaufen eher an ihre Lieblingszeitschrift gedacht als an ihre eigene Figur. Da sah alles so perfekt aus – allerdings nur durch das Model, den professionellen Fotografen, das richtige Licht und die Retusche.

Überhaupt scheinen einige Menschen gar kein Gefühl für ihren Körper zu haben. Pummelige Mädchen unterschätzen sich oft und verstecken ihre Figur in sackartigen Tuniken, die sie nur noch pummeliger aussehen lassen. Würden sie etwas Körperbetonteres anziehen, nicht ganz eng, aber auch nicht zu weit, würden sie gleich nicht mehr aussehen wie ein Zelt.
Oft sieht man in Hollywoodfilmen, wie aus dem unscheinbaren Mädchen eine attraktive junge Frau wird – und das alles durch den richtigen Haarschnitt und ein hübsches Kleid. Die Verwandlung ist selten realistisch oder authentisch, aber der Grundsatz stimmt. Durch Mode drückt man nicht nur seine Gefühlslagen und seine Gruppenzugehörigkeit aus oder den Versuch, Individualität zu zeigen. Kleidung kann auch das Körpergefühl eines Menschen radikal verändern. Julia Suris, 17 Jahre

Redet von was anderem!

Mal ganz im Ernst, liebe Mädchen, ist es nicht eigentlich egal, ob auf einem T-Shirt „Bench“ oder irgendeine Billigfirma draufsteht?

Macht es wirklich einen solchen Unterschied, ob eure beste Freundin Markenklamotten trägt oder nicht? Diese Unterhaltungen sind völlig sinnlos und gehen fast jedem Jungen gründlich auf die Nerven. Viele sind es leid, sich das tagtäglich aufs Neue anzuhören, und interessieren sich schon allein deshalb immer weniger für Mode. Gespräche über Sport oder Technik haben wenigstens einen Inhalt.

Während die Mädchen die Jungen beschuldigen, nichts anderes als den „blöden Fußball“ im Kopf zu haben, regt sich jeder Junge mindestens einmal am Tag über die Modediskussionen der Mädchen auf. Klar, kein Junge würde bestreiten, dass er viel, vielleicht auch ein bisschen zu viel, über seinen Lieblingssport redet. Aber Sport ist eine Aktivität, die mit all ihren Transfers, Hintergründen und Spielen immer Gesprächsstoff für lohnenswerte Diskussionen liefert. Bei Mode diskutiert man rein oberflächlich.

Ich will damit nicht sagen, dass das Thema Mode selbst uninteressant ist. Es ist die Art, wie viele Mädchen von der Mode reden, die mich nervt. Dass sich zum Beispiel fast alles nach Marken und teuren Preisen richtet und Jugendliche oft schon voreilig auf Grund ihrer Klamotten beurteilt werden, finde ich übertrieben und unangebracht. Es ist doch komplett egal, ob ihr euch die Tasche von Gucci für 500 Euro oder eine andere bei Karstadt für „nur“ 50 Euro kauft; was zählt, ist ja nun wirklich nicht nur das Äußere. Alles hat seine Grenzen – auch die Mode! Leon Redlinger, 15 Jahre

Das Emo-Lebensgefühl

Ich – ein Emo? Das kam mir schon morgens ganz falsch und fremd vor. Es gibt nämlich viele Vorurteile gegenüber Emos: Dass sie depressiv sind, alles negativ sehen, und speziell bei Jungen, dass sie schwul sind und sich ritzen.

Ich versuch’s, kann ja nicht so schwer sein. Eine Leggins, rosa Accessoires, jede Menge Schminke. Fertig! Ich rechne fest damit, dass alle mich für komisch, durchgeknallt halten, weil ich auf einmal so anders aussehe.

Am Morgen sieht meine Mutter mich entsetzt an: „Wie siehst du denn aus?“ Ich sage nichts, meine Verkleidung darf ja nicht enttarnt werden. An der Bushaltestelle sehe ich die ersten Leute aus meiner Schule. Ich fühle mich extrem unwohl. Aber ich muss die Sache jetzt sauber über die Bühne bringen. Zum ersten Mal wirkt die Magie des Emo-Looks im Bus. Ich hätte es niemals gedacht, aber dadurch, dass ich mich nicht wie die Masse gekleidet habe, habe ich das Gefühl, mich nicht wie die Masse verhalten zu müssen. Ich kann mich auf den Sitz fläzen wie ich will, ich muss nicht normal sein.

Es ist ein Gefühl von Freiheit, auch nicht an die unausgesprochenen Gesetze der Jugend angepasst zu sein. Vor der Schule merke ich, dass es ernst wird. Bald werde ich auf meine erbarmungslos ehrlichen Klassenkameraden stoßen. Tief durchatmen ... Ein paar stutzende Blicke, dann wird mir sogar gesagt, dass ich hübsch aussehe. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Das ist doch gar nicht, was ich bezwecken wollte! Leute, die mich nicht kennen, gucken mich überhaupt nicht an. Aber schließlich – ich fühle mich außergewöhnlich. Als mir das klar wird, komme ich viel besser zurecht. Zu Hause will ich trotzdem nur noch raus aus den Leggins, rein in die Shorts. Shannon Doyle, 15 Jahre

Zeig mir, was du trägst. Sag ich dir dann, was du denkst?

Mit unserer Kleidung versuchen wir, uns Gruppen zuzuordnen, unserer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, uns zu wärmen und uns vielleicht auch noch ästhetisch aufzuwerten. Daraus folgt, dass die Menschen, die uns in unserer Kleidung wahrnehmen, ein bestimmtes Urteil über uns fällen – ein Vorurteil, das wir meistens selber bewusst provoziert haben.

Allerdings stimmt dieses Vorurteil mit dem gewünschten Eindruck, den man hinterlassen möchte, nicht immer überein. Besonders problematisch werden diese modischen Missverständnisse bei „politischer Kleidung“. Früher konnte man vielleicht noch eindeutig erkennen, ob jemand links oder rechts ist, heute ist das nicht mehr so einfach. Es gibt autonome Neonazis, die T-Shirts mit Che-Guevara-Aufdruck tragen, es gibt linke und rechte Skins. Die Marke „Lonsdale“, die man früher eindeutig dem rechten Milieu zuordnen konnte, hat sich inzwischen distanziert und produziert T-Shirts, auf denen umrandet von Regenbogenfarben „LONSDALE loves all colours“ steht.

Ein besonders gutes Beispiel für ein häufig missverstandenes Kleidungsstück ist das Palituch (Palästinenser-Tuch). Jeder zweite trägt eins und die Meinungen, was so ein Tuch bedeutet, gehen weit auseinander. Die einen reden von Antisemitismus, die anderen von Antizionismus oder der Unterstützung palästinensischer Befreiungsorganisationen. Ein Großteil der Palituchträger weiß allerdings noch nicht mal, wie die Dinger heißen, die sie sich um den Hals hängen, geschweige denn, wer Arafat war.

Nur weil man nicht mehr auf 100 Meter Entfernung erkennen kann, wie ein Mensch denkt, heißt das nicht automatisch, dass wir unsere Vorurteile alle sofort über den Haufen schmeißen sollten. Wenn mir eine Gruppe Jugendlicher in Bomberjacken und Springerstiefeln entgegenkommt, wechsle ich trotzdem lieber die Straßenseite. Natürlich kann es sein, dass genau diese Gruppe sich nur so kleidet, um darauf Aufmerksam zu machen, dass es naiv ist, zu glauben, man könne Menschen aufgrund ihrer Kleidung politischen Ansichten zuordnen. Vielleicht suchen sie aber auch einfach jemanden, dem sie ordentlich die Fresse polieren können. Wer weiß?

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ (Joachim Ringelnatz)

Allerdings bin ich in so einer Situation schon ein kleines bisschen sicherer, wenn ich mich an mein Vorurteil halte und die Straßenseite wechsle. Friederike Sander, 17 Jahre

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