Werbinich : Morgen, morgen, nur nicht heute...

Helmut Schümann

Nach der Schule ist vor der Schule, nicht wahr? Nach der Schule, also zu Beginn der Ferien, ist der Vorsatz gut und der Wille groß. Der Vorsatz: „Täglich ein Stündchen werde ich schon mal ins Lateinbuch schauen.“ Oder in die Matheformeln, die Englischvokabeln, egal. Der Wille: „Den Stress aus dem vergangenen Schuljahr brauche ich nicht noch einmal.“ So fangen Sommerferien an.

Die erste Woche vergeht, die Bücher bleiben zu, man will als Vater oder Mutter ja nichts sagen. Gott ja, denkt man sich, das Kind braucht auch mal Entspannung. Die zweite, dritte und vierte Woche verbringt die Familie im Urlaubsort. Die Schulbücher sind mitgereist. Die Schulbücher sind zu. Man will als Vater oder Mutter ja nichts sagen. Gott ja, denkt man sich, so viele neue Eindrücke hier am Urlaubsort und Reisen bildet.

Wieder daheim, stellen der Vater oder die Mutter abends nach der Rückkehr von der Arbeit die Frage: „Und, heute mal gelernt?“ Das Kind wird antworten: „Ich fange morgen an.“ Mit dem Lernen in den Ferien verhält es sich wie mit der Diät oder dem Abgewöhnen des Rauchens: Beides fängt immer morgen an. In der letzten Ferienwoche werden die Fragen drängender. Man sollte als Vater oder Mutter das Drängeln allerdings langfristig vorbereitet haben, und zwar durch dauerhaftes Verleugnen der eigenen Zeugnisse. Sonst kann es zu Dialogen kommen, die so gehen:

„Und, heute schon gelernt?“

„Mhgmanney, warum muss ich denn? Es hat doch alles geklappt im letzten Jahr.“

„Aber im Zeugnis stand, dass deine Leistungen in Chemie nur knapp ausreichend sind.“

„Sag, Papa, kann es sein, dass bei dir zu Hause der Sekt in Strömen geflossen wäre, wenn du einmal in Chemie knapp ausreichende Leistungen zustande gebracht hättest? Hättest wohl besser mal in den Ferien gelernt.“

Man steht dann als Vater ziemlich dumm da. Wenn man kleinlaut antwortet: „Habe ich doch“, kommt garantiert die Antwort: „Und? Genützt hat es nichts, oder?“

Vor allen Dingen hat sich nicht viel verändert: Nach den Ferien ist nämlich auch vor den Ferien, nicht wahr?

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