Werbinich : Musikstunde bei Gerta Dorn

Unsere Leserin Karin Milde schöpft bis heute Kraft beim Singen

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Musikstunde bei Gerta Dorn: Was für eine Frau! Sie hat mein Leben verändert. 50 Jahre alt, klein und rundlich. Mit gebieterischer Stimme verschafft sie sich Ruhe und Aufmerksamkeit. Schon in der ersten Stunde habe ich es entdeckt, dieses begeisterte Blitzen in ihren Augen. Gerta Dorn lebte für die Musik und sie hat mich mitgerissen.

Ich war 15 Jahre alt und wollte plötzlich auch singen können. Nicht mehr nur mit meinen Eltern kleine Volkslieder, sondern richtig singen – nach Noten. Ich war dann in mehreren Schulchören gleichzeitig, bin zu allen Proben gegangen: Egal ob sie vor Schulbeginn um halb sieben oder nachmittags stattfanden.

Nach dem Abitur dann konnte ich mir ein Leben ohne das regelmäßige Chorsingen gar nicht mehr vorstellen. Atem- und Stimmübungen versetzen mich bis heute in euphorische Stimmung. Das ist kaum zu beschreiben.

Dabei habe ich mir selbst immer höhere Ziele gesteckt, wollte immer besser und besser singen. Während des Geologie-Studiums in Rostock habe ich die Aufnahme in die Singakademie geschafft. Die war dem Stadttheater angeschlossen und so durften wir bei den Opernaufführungen manchmal den Theaterchor ergänzen. Ich war schon ein hingebungsvolles Klageweib in Glucks „Orpheus und Eurydike“ und sang auch „die Neunte“ und die „Missa solemnis“ mit.

Ganz klar: Eine professionelle Sängerin hätte ich nie werden können. Dazu fehlt mir das stimmliche Potenzial. Aber das Chorsingen ist in meinem Leben eine ganz wichtige Stütze geworden. Eine sehr schwere Krankheit habe ich vor ein paar Jahren nur deshalb so gut durchgestanden, weil mir das Singen so viel Kraft gegeben hat.

Das Singen lenkt von traurigen Gedanken ab, nicht nur, weil man sich konzentrieren muss, sondern auch, weil man sich aktiv mit etwas Schönem beschäftigt. In der Zeit, als es mir schlecht ging wegen meiner Krankheit, habe ich sehr oft an Gerta Dorn gedacht. Die Disziplin und die Begeisterung, die ihr Musikunterricht bei mir ausgelöst haben, hält bis heute an.

Aufgezeichnet von Juris Lempfert.

Karin Milde ist 71 Jahre alt und hat das Umweltamt in Zehlendorf geleitet.

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