Werbinich : Nach oben getrommelt

Die Kinder- und Jugendstiftung hilft Ganztagsschulen, den Nachmittag sinnvoll zu gestalten – Jetzt treten Kinder der Boddin-Grundschule sogar mit Profi-Musikern auf

Dorothee Nolte

Der Anfang der Geschichte: Ein Saxofonist der SanaBana-Band wohnt in Neukölln, zufälligerweise gegenüber der Hermann-Boddin-Grundschule. Eines Tages hört er Trommelklänge vom Schulhof her und denkt: Gar nicht übel, die will ich kennenlernen.

Das Ende der Geschichte: Kader, Alev, Elma, Behare und andere Schüler der 6b stehen mit ihren leuchtend orangen Congas, ihren großen und kleinen Samba-Blechtrommeln, Bongos und Jam Sticks im Garten der Museen Dahlem und geben ein Konzert – zusammen mit den Profi-Musikern der SanaBana-Band und dem türkischstämmigen Sänger Derya. Weltmusik alla turca, mit den zwölfjährigen „Boddin-Beatz“ als special guests: Sänger Derya mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart und dem Strohhut auf dem Kopf strahlt.

Zwischen dem Anfang und dem Ende der Geschichte liegen einige Monate Proben, das Engagement einer Lehrerin und die Initiative „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“. Musiklehrerin Regina Himberg hatte mit ihren Klassen schon lange Trommeln geübt. Die Boddin-Grundschule besitzt eine außergewöhnlich gute Ausstattung mit Percussion-Instrumenten. Ansonsten gehört die Schule nicht zu den privilegierten Bildungseinrichtungen der Stadt: Von den rund 400 Schülern sind über 90 Prozent nichtdeutscher Herkunftssprache, die Schule liegt im Gebiet des Quartiersmanagements Flughafenstraße.

Für die Lehrerin mit dem auffallend kräftigen Händedruck – „das kommt vom Trommeln!“ – war das Projekt, das sich durch den zufälligen Kontakt zur SanaBana-Band entwickelte, wie maßgeschneidert. „Ich habe mir eine Klasse ausgesucht, mit der ich schon viel getrommelt hatte“, sagt sie. „Einige Musiker sind in die Schule gekommen, haben sich auf einem Elternabend vorgestellt und mit uns geprobt.“ In zusätzlichen Musikstunden übte sie mit den Schülern die Rhythmen ein, die zu den Liedern von SanaBana passten, und eine Eigenkomposition.

Der Plan, die ganze Klasse dafür zu begeistern, ging zwar nicht auf: „Einige musste ich wegen Unzuverlässigkeit und schlechtem Benehmen rauswerfen, andere haben es musikalisch einfach nicht geschafft, weil sie die Eins nicht hören, und ein bosnisches Mädchen musste aufhören, weil sie wegen eines Todesfalls in der Familie ein Jahr lang keine Musik machen darf.“ Aber die, die blieben, bearbeiteten ihre Surdos, Congas und Repinique-Trommeln so hartnäckig, dass sie Konzertreife erlangten. Zuerst traten sie mit der SanaBana-Band beim Karneval der Kulturen auf, dann in der Reihe „welt.meister“ in den Museen Dahlem. „Am Anfang waren wir sehr aufgeregt“, sagt die zierliche Alev, „und glücklich, dass gerade wir ausgewählt wurden. Von den Musikern können wir viel lernen, das sind echte Profis.“

Gefördert wurde die Arbeit von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und den Besucherdiensten der Staatlichen Museen. Die Kinder besuchten die musikethnologische Abteilung des Ethnologischen Museums in Dahlem, erfuhren viel über den kulturellen Hintergrund ihrer Instrumente und probten dort.

„Die Projekte, die wir fördern, sollen vor allem nachahmbar sein, damit sie auch von anderen Schulen mit anderen außerschulischen Lernpartnern umgesetzt werden können“, sagt Thomas Busch von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Ein gutes Beispiel dafür ist auch das Projekt „Rundherum Arbeit“ der Jens-Nydahl-Grundschule in Kreuzberg: Eine vierte Klasse zog dort, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, im eigenen Kiez los und befragte Passanten und Geschäftsinhaber nach ihrem Traumberuf und ihrer tatsächlichen Arbeit. Unterstützt wurde die Schule dabei vom Quartiersmanagement und dem Verein „Kommunikation durch Kunst“, einem Zusammenschluss von Menschen aus kreativen Berufen, die alternative Angebote für Schulen entwickeln („Kunst macht Schule“). Heraus kam nicht nur ein Videofilm, sondern auch Gemälde und Objektkästen rund um das Thema Arbeit – gestaltet von Schülern, deren Eltern ihnen häufig keinen geregelten Arbeitsalltag vorleben können.

Für Elma, Behare und Kader ist es mit dem Trommeln erst mal vorbei, denn sie verlassen die Boddin-Grundschule nach ihrem sechsten Schuljahr. Alle haben in der Zeit „viel Spaß gehabt“, sagen sie. Für die kleine Alev aber steht schon fest: „Ich will Schlagzeugerin werden.“

Mehr Informationen über die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und ihr Programm zum ganztägigen Lernen im Internet unter www.dkjs.de/a2111.htm. Über den Verein „Kommunikation durch Kunst“ kann man sich unter Tel. 25 93 93 86 informieren. Weitere Konzerte in der Reihe „welt.meister“ in den Museen Dahlem jeweils sonntags um 16 Uhr (bis 20. August, www.museumsinselfestival.info).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben