Werbinich : Nazis in der Nachbarschaft

Sie sind 17 und 19 Jahre alt, deutsch, auch sie werden von Gangs bedroht – aber nicht von Migranten. Felix und Michael haben Angst vor deutschen Faschisten. Uns haben sie jetzt ihre Geschichte anvertraut

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Es ist ein kalter Abend im Dezember, kurz nach 18 Uhr. Am S-Bahnhof Hohenschönhausen leuchten schummrig die Laternen, in den Hochhäusern sitzen die Familien mit ihren Kindern am Esstisch.

Es ist jener Abend am S-Bahnhof Hohenschönhausen, kurz nach 18 Uhr, als Felix mit voller Wucht eins in die Fresse kriegt. Einen Schlag, einen Tritt, dann – knack! – ist das Nasenbein gebrochen. „Verpiss dich!“, knurrt einer der Typen.

Und Felix rennt blutend davon.

Hohenschönhausen liegt im Nordosten Berlins, 30 Minuten mit der S-Bahn von den Clubs in Prenzlauer Berg entfernt. Felix mag seinen Bezirk, den Malchower See wenige Schritte entfernt mit der Badestelle im Sommer, wo er sich mit Kumpels trifft, mit Sixpacks und Kassettenrekorder. Felix mag auch die Parks, die Bars.

Doch jetzt sagt Felix: „Ich will da nicht mehr leben, ich will raus aus Hohenschönhausen. Ich hab’ Angst vor den Nazis.“

Wir treffen uns einige Tage nach dem Überfall in einer Kneipe. Felix, 17 Jahre alt, hat seinen Kumpel Michael, 19, mitgebracht. Sie wollen reden, erzählen, sich „auskotzen“. Zur Polizei wollte Felix nicht gehen („die Typen würden sich rächen, die sind meine Nachbarn, die wüssten doch, wer Anzeige erstattet hat“), deshalb bleiben Felix und Michael anonym. Die Namen stimmen nicht. Aber die Orte, von denen sie reden.

Die Opferberatungsstelle „Reach out“ hat vor einigen Tagen vor einem deutlichen Anstieg rechtsextremer Übergriffe in Berlin gewarnt – in ganz Berlin, nicht nur in Hohenschönhausen. 2006 waren es 145 rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Angriffe; das sind 30 mehr als noch im Jahr zuvor.

Auch das ist unsere Stadt.

„Erst mal’n Glas Bier, ja?“ Michael und Felix sitzen in der Kneipe in einer dunklen Ecke, sie sind nervös. Wer gibt schon gern preis, dass er Angst hat?

Nun, in West-Berlin kann man sich das in diesen Tagen gut vorstellen. In bürgerlichen Bezirken wie Zehlendorf oder Steglitz wird allerdings nicht über junge Deutsche geschimpft, die Wut richtet sich gegen Migranten. Die Rede ist von der täglichen Furcht, verprügelt zu werden.

So ist das auch in Teilen Ost-Berlins, zumindest so ähnlich. Michael sagt: „Nur dass es bei uns die Deutschen sind. Die Nazis. Junge Typen, die genauso handeln wie die Türken-Gangs. Guckst du doof, kriegst du eins auf die Fresse.“

Berlin ist manchmal ganz einfach.

Felix hockt daneben und streicht sich seit einer halben Minute über den Unterarm. Wir bestellen noch ein zweites Bier. Nazis und Türken (oder Araber oder auf welche Klientel sich die Gruppen oder „Crews“ oder „Boys“ oder „Gangs“ auch berufen mögen): Natürlich hinkt der Vergleich gewaltig. Aber ist es nicht so, zumindest ein bisschen: Dieser Hass auf andere? Der Spaß am Erniedrigen? Hier „Scheiß Zecke!“, dort „Scheiß Kartoffel!“?

Sind es nicht so oft junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren, die in Gruppen unterwegs sind und laut?

Denen man den Bürgersteig überlässt und stattdessen lieber die andere Straßenseite wählt, wenn man abends allein ist?

Die durch ihr Erscheinungsbild Respekt einflößen und oft bewaffnet sind?

Hier der Teleskopschlagstock, dort das Butterfly-Messer?

Ja, ist es nicht so? Ein bisschen?

Mit so einem Teleskopschlagstock hat einer von Felix’ Freunden auch mal eins abbekommen, in Lichtenberg war das. Der Täter hatte so doll zugeschlagen, dass der Stock in der Luft zischte wie beim Ausholen mit einer Peitsche. An der Spitze war ein Metallkügelchen befestigt. Wenn das auf den Knochen trifft, kann man sich vorstellen, wie lange die dünne Haut hält, bis sie aufreißt.

In fünf Bezirken mischen die rechten Parteien seit der vergangenen Wahl im September 2006 mit. Vier davon liegen im Osten der Stadt. Pankow, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und eben Lichtenberg, wozu auch Hohenschönhausen zählt. Vor einer Woche wurde zum zweiten Mal in zwei Monaten ein Nachwuchspolitiker der Linkspartei, 18 Jahre alt, überfallen und verletzt. Er ist Politiker in – genau – Lichtenberg.

„Anfangs“, sagt Michael, „hatte ich ’ne Scheiß-Wut auf die, wollte die bekämpfen. Manchmal denke ich heute: Hat doch keinen Sinn. Scheiße, lass’ die da draußen ihr Nazi-Ghetto aufmachen, wenn sie Ghettos so geil finden. Ich hau ab.“ Leider reicht das Geld noch nicht für eine andere Wohnung, trotz des Jobs.

Michael ist ein großer Kerl, nicht links, hat kurze, normale Haare, trägt keinen politischen Anstecker, wirkt sehr schüchtern. Nur welche Rolle spielt das Aussehen überhaupt: Scheren sich Nazis darum, auf wen sie eindreschen? Auf Skater? Sprüher? Psychobillys? Auf Deutsche, deren Großeltern einst aus einem anderen Land hierher kamen, oder auf Muttersöhnchen, die nicht mit 20 Mann selbstbewusst durch die Straßen ziehen?

Die Linken sind nicht immer besser. Als Michael neulich mal bei einem Konzert im Kreuzberger Schuppen „SO36“ war, wurde einer aus seiner Gruppe als „Nazi“ beschimpft. Weil der kurze Haare hatte. „Der war aber Skinhead, kein Nazi“, sagt Michael. Das ist in der Tat ein feiner Unterschied, Skinheads gehörten einer ursprünglich linken Jugendbewegung in England an. Nazis dagegen, sagt Michael, „sind Boneheads, also Knochenköpfe.“

Die Nachbarn im Kiez bekommen wenig von der Ohnmacht vieler Jugendlicher mit. Es wohnen 70 000 Menschen in Hohenschönhausen, einem Stadtteil, der damit mehr Einwohner hat als Frankfurt (Oder). Gebaut wurden die Hochhäuser in den Achtzigern, heute gibt es preiswerten Wohnraum für junge Familien, Döner-Läden, vietnamesische Blumenhändler und eine Russendisko. Ins Grüne nach Brandenburg sind es 200 Meter.

Junge Menschen erzählen andere Anekdoten aus Berliner Problemvierteln. Etwa jene, wie einem Typ mal der Döner aus der Hand geschlagen wurde mit der blaffenden Bemerkung, dass „man so etwas nicht frisst“. Andere berichten, dass in einer Schule mal ein 15-Jähriger mit Schlips in den Unterricht kam. Es mag Zufall gewesen sein, aber es war am 20. April.

Felix und Michael brechen selten nach Einbruch der Dunkelheit auf. „Wir fahren mittags los“, notfalls schläft man halt beim Kumpel auf der Couch. Nur wenn es gar nicht anders geht, nehmen sie die Straßenbahn. Da ist ein Fahrer in der Nähe, die Tram hält oft, sie fährt auf beleuchteten Straßen und nicht so monoton zwischen dunklen Fabrikgebäuden oder verlassenen Schrebergärten wie die S-Bahn.

Die mag Felix gar nicht. „Wenn da drei Nazis einsteigen, kribbelt’s“, sagt er und streicht sich demonstrativ über den Magen. „Es kribbelt, eine halbe Minute, noch eine. Erst wenn die Typen wieder aussteigen, atme ich aus“, sagt Felix. „Da merke ich, wie oft ich eigentlich Angst habe.“

Es ist ein ähnliches Gefühl wie im Westteil der Stadt, wo die Leute Angst haben, sich nachts in eine U-Bahn zu setzen und durch die dunkle Röhre zu rollen. Lieber setzt man sich im Nachtbus vorn zum Fahrer; „Crews“ oder „Boys“ oder „Gangs“ setzten sich eher selten auf den Behindertenplatz in den BVG-Bussen.

Michael redet ruhig und sehr leise. Er sieht nicht so aus, als würde er einen Waffenschrank in seiner Wohnung haben. Na gut, er besaß mal ein Taschenmesser, gekauft bei „Spiele-Max“, aber das habe ihm die Polizei abgenommen, sagt er. Die Nazis dagegen sind nicht nur zahlenmäßig überlegen. Die tragen sogar Handschuhe mit Quarzsand in schmalen Hohlräumen auf den Fingern. Wenn man die Hand zur Faust ballt, wird der Handschuhe so hart wie ein Pflasterstein. Und wenn jemand damit zudrischt, bricht der Knochen – knack! – ganz schnell.

Die Narbe auf Felix ’Nase ist gerade erst verheilt.

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