Nervige Eltern : Was guckst du?

Wenn Eltern unsere Privatsachen durchsuchen, überschreiten sie eine Grenze. Dagegen kann man was tun

Nina Apin
Erwischt. Wenn Mama heimlich im Tagebuch liest, kommt sie nicht ihrer Aufsichtspflicht nach, sondern begeht Vertrauensmissbrauch.Foto: Mauritius Foto: mauritius images
Erwischt. Wenn Mama heimlich im Tagebuch liest, kommt sie nicht ihrer Aufsichtspflicht nach, sondern begeht...Foto: mauritius images

Papa durchforstet heimlich den SMS-Eingang auf dem Handy, und vor Mama ist keine Schreibtischschublade sicher. Wenn Eltern unsere Privatsachen durchsuchen, erfahren sie mehr über uns, als uns recht ist. Zum Beispiel, wer unser neuer Schwarm ist oder welches Computerspiel wir zurzeit am liebsten spielen.

Aber dürfen unsere Eltern überhaupt unsere Tagebücher lesen, sich unter falscher Identität im Online-Chat tummeln oder bei einem Rendezvous mit dem Auto folgen? Und: Wie können wir uns gegen allzu große Einmischung wehren?

Rein theoretisch ist die Lage eindeutig. „Jugendliche haben ein Recht auf Privatsphäre“, sagt Beate Friese von der Telefonberatung „Nummer gegen Kummer“ in Wuppertal. „Das Postgeheimnis gilt auch für Eltern.“ Das Öffnen und Lesen von Briefen, Tagebüchern, E-Mails und SMS-Nachrichten sei tabu. Auch Unterlagen und Zettel auf dem Schreibtisch sollten wir vor neugierigen Blicken besser schützen. „In einer vertrauensvollen Umgebung braucht man keine abgeschlossenen Schubladen und Geheimfächer“, sagt die Jugendberaterin.

Dass es in vielen Familien anders läuft, weiß Friese aus Erfahrung. Bei ihr melden sich manchmal Jugendliche, die sich in ihren Zimmern regelrecht verbarrikadieren, weil sie ihren Eltern nicht mehr trauen. Die Eltern wiederum reagieren auf die Heimlichtuerei mit immer größerem Misstrauen – ein Teufelskreis.

Beate Friese weiß, wie man da wieder rauskommt. „Bevor es zur Eskalation mit aufgebrochenen Schlössern kommt, muss man miteinander reden“, rät sie. „Am besten so früh und so deutlich wie möglich.“ Ein ehrliches Gespräch hilft, die Fronten zu klären und Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Vielleicht hat die Mutter gar nicht das Zimmer durchwühlt, sondern nur aufgeräumt. Und dem Vater war vielleicht nicht bewusst, dass er beim Checken des E-Mail-Postfachs eine Grenze überschreitet.

Auch Marthe Kniep vom Doktor-Sommer-Team der „Bravo“ empfiehlt klare Worte: „Man muss deutlich sagen, was einen stört und was man als Einmischung empfindet.“ Eine entschiedene Abgrenzung sei wichtig, um den Eltern klarzumachen: „Ich bin kein Kind mehr und möchte manche Sachen alleine machen.“ Wenn dies ausgesprochen ist, könne sich die Familie gemeinsam auf bestimmte Gepflogenheiten und Regeln einigen. Etwa das Einrichten passwortgeschützter Benutzerkonten für den gemeinsamen Computer, einen Schlüssel für das Jugendzimmer oder zumindest einen Bereich, in dem fremde Augen und Hände nichts zu suchen haben. Wenn Eltern trotzdem weiter spionieren, sollte man ruhig die Vertrauensfrage stellen, sagt Marthe Kniep. Es gelte gemeinsam herauszufinden, warum die Eltern kein Vertrauen haben und worum sie sich Sorgen machen.

Mangelndes Vertrauen ist aber nicht nur ein Problem der Eltern, es kann auch am eigenen Verhalten liegen: Wer unzuverlässig ist oder die Eltern regelmäßig anlügt, dem wird nicht mehr jedes Wort geglaubt. Manch elterliche Ängste kann man recht simpel zerstreuen: „Einfach mal die Freunde mit nach Hause bringen oder zeigen, was genau in einem Online-Chat passiert“, sagt Marthe Kniep.

Die meisten Eltern spionieren aus Verunsicherung, glaubt auch Ulrich Gerth von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth. Der Psychologe rät zur Transparenz: „Je mehr man den Eltern erzählt, desto weniger sind sie auf Spekulationen angewiesen.“ Manchmal stellen sich die Ängste der Erziehungsberechtigten als unbegründet heraus, etwa wenn sich die vermeintlich schlechte Gesellschaft als ganz normale Jungsclique erweist. In bestimmten Fällen seien heimliche Kontrollen sogar gerechtfertigt, etwa wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind selbstmordgefährdet ist oder Drogen nimmt. „Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, dürfen Eltern auch in die Privatsphäre eingreifen – aber nur dann“, sagt Gerth.

In allen anderen Fällen sollte man den Mut aufbringen und seine Empörung über den Vertrauensbruch in deutliche Worte fassen. Das erfordere Geschick, sagt Ulrich Gerth, schließlich seien Eltern Autoritätspersonen, die ihren Kindern oftmals auch argumentativ überlegen sind. „Am besten lässt man die erste Wut verrauchen und überlegt sich in Ruhe eine Gesprächsstrategie, vielleicht zusammen mit Freunden.“ Ob man den Eltern mit gesammelten Beweisen für das Nachspionieren entgegentritt oder an ihr Vertrauen appelliert, hänge vom Verhältnis zueinander ab.

Wenn Eltern sich gar nicht gesprächsbereit zeigen, kann man eine Beratungsstelle aufsuchen. Familienberatern gelinge es meist, Eltern zu einem offenen Gespräch zu bewegen und mit allen gemeinsam eine Lösung zu finden. „Auseinandersetzungen sind erst einmal unangenehm, aber letztlich unvermeidlich“, sagt „Bravo“- Beraterin Marthe Kniep. Nur sollte man sich dabei bloß nicht unterbuttern lassen: „Nicht das Kondom in der Handtasche ist das Problem, sondern die Tatsache, dass die Mutter in der Tasche gewühlt hat.“ Bloß nicht klein beigeben, findet auch Beate Friese von der „Nummer gegen Kummer“: „Eine Familie ist eine Gemeinschaft mit Rechten und Pflichten, an die gesetzlichen Regelungen müssen sich auch Eltern halten.“ Und zwar nicht nur dann, wenn die 15-jährige Tochter um 22 Uhr zu Hause sein muss. Sondern auch dann, wenn sie in ihr Tagebuch schreibt. Und was dort steht, geht niemanden etwas an. Auch wenn es die Mutter nur zu gern wüsste. dpa

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