Werbinich : Neubeginn nach dem Untergang

Im April 1945 wurden alle Berliner Schulen geschlossen. Im Mai machten die ersten schon wieder auf

Thomas Loy

An normalen Tagen beginnt die Schule um 8, nach Bombennächten erst um 10. Die 13-jährige Lucia träumt vom Endsieg: „Endsieg hieß Ausschlafen, kein Alarm, nicht mehr aufstehen, vier Geschwister anziehen und in den Keller bringen. Die Kinder waren todmüde, haben geweint.“ Lucia wohnt im Frühjahr 1945 am Rande Berlins – präzisere Angaben sind nicht überliefert. Seit Januar fällt der meiste Unterricht aus. Alle Lehrer sind im Volkssturm. Die Schule wird zum Flüchtlingslager. Lucia kocht Milchsuppe, fegt die Zimmer und findet das „viel besser als Unterricht.“ * Dann kommen die Russen.

Mit dem Ende von Nazi-Deutschland und der Zerstörung seiner Hauptstadt kommt auch der pädagogische Betrieb zum Stillstand. Im April werden die letzten Schulen pro forma geschlossen. An einen regulären Unterricht ist seit Jahren nicht zu denken. 1943 wurden viele Schulen samt Kollegium und Schülern in die Provinz evakuiert. Die Schulhäuser waren fortan Lazarett, Unterkunft für Zwangsarbeiter oder Möbelspeicher für ausgebombte Familien. Von 608 Schulen sind bei Kriegsende 316 zerstört.

Gerhard Dallmann, Schüler des Humboldt-Gymnasiums in Tegel, verbrachte die Jahre ab 1943 bei seiner Tante in Görlitz. Anfang 1945 kommt er zurück. Seine Schule ist teilweise zerstört, die intakten Räume voller Zwangsarbeiter. Der Direktor, Schulreformer Wilhelm Blume, hat in Baracken in Hermsdorf zusammen mit pensionierten Kollegen eine Notschule eingerichtet. Diese Schule – praktisch eine Lehrerinitiative ohne amtliche Aufsicht – wächst ständig, weil immer mehr Kinder zurückkehren. Von den älteren Schülern haben schon einige Kriegserfahrung als Flakhelfer.

Am 2. Mai kapituliert der Berliner Kommandant, General Weidling. Am 17. Mai schreibt der neue Bezirksbürgermeister an Blume, er möchte doch die Humboldt-Schule wieder aufmachen. Am 21. Mai melden sich nach einem öffentlichen Anschlag 234 Schüler. Seit der offiziellen Schließung waren gerademal vier Wochen vergangen.

Die sowjetische Kommandantur machte sich sofort daran, das öffentliche Leben der Stadt in Gang zu bringen. Die Wiedereröffnung der Schulen gehörte dazu. Alle Volksbildungsstadträte in den Bezirken mussten KPD-Genossen sein. Otto Winzer, der mit der „Gruppe Ulbricht“ aus Moskau gekommen war, übernahm die Abteilung Volksbildung im Magistrat.

Im Mai und Juni 1945 wird an vielen Schulen erst mal Inventur gemacht: Wie viele Lehrer und Schüler sind zurückgekehrt? Was sind die schlimmsten Schäden? Welches Unterrichtsmaterial ist noch vorhanden? Dann wird gemeinsam repariert, sauber gemacht und der erste Unterricht improvisiert. Schon am 20. Mai ergeht ein Befehl an alle Lehrer, sich auf den Bezirksämtern zu melden. NSDAP-Mitglieder sollen aus dem Schuldienst entlassen werden. Auch wenn dieser Beschluss später aufgeweicht wird, müssen sich rund die Hälfte der Berliner Lehrer einen neuen Job suchen.

Zum Schuljahr 1945/46 soll der Schulbetrieb offiziell wiederaufgenommen werden. Unterrichtsbeginn ist allerdings erst am 15. Oktober. Es werden dringend Hilfslehrer und Schulhelfer gesucht – fürs Erste reicht als Qualifikation eine „antifaschistische Gesinnung“. Der Geschichts- und Geografieunterricht, ideologisch am meisten belastet, fällt weg. Stattdessen sollen die Schüler mehr Goethe und Schiller lesen. Viele Lehrer klagen über Disziplinschwierigkeiten. Ihre Schüler müssen manchmal eine ganze Familie durchbringen und haben kein Interesse am Unterricht. Andere sind im Chaos der letzten Kriegsmonate völlig verwahrlost. Im November 1945 wird eine generelle Schulspeisung eingeführt, was zumindest dem verbreiteten Schwänzen entgegenwirkt.

Inzwischen haben die West-Alliierten ihre Sektoren übernommen. Mit den vorgefundenen Tatsachen in Sachen Schule finden sie sich vorerst ab. Die Entnazifizierung der Lehrer und erste Überlegungen in Richtung einer Einheitsschule stoßen durchaus auf Wohlwollen. 1946 wird in der sowjetisch besetzten Zone die „demokratische Einheitsschule“ eingeführt, ein Jahr später beschließen die Stadtverordneten ein ähnliches Gesetz für Berlin: Alle Schüler durchlaufen eine achtjährige Grundstufe. Vorgesehen sind Elternausschüsse, Schülermitverwaltung, Lernmittelfreiheit und Erziehungsbeihilfen. Die Einheitsschule wird im Juni 1948 von den Alliierten in Kraft gesetzt, aber sofort zwischen den aufbrechenden Fronten des Kalten Krieges zerrieben. Im Mai 1951 wird das Gesetz in den Westsektoren rückgängig gemacht.

Die ersten Jahre nach dem Krieg waren durch Hunger und Entbehrungen geprägt, doch mit der Moral ging es aufwärts. Horst Havenstein kam 1948 als Schulhelfer an eine Volksschule in Britz. Vorher arbeitete er in einer Cuxhavener Fischfabrik. Das Kollegium nahm ihn vorbehaltlos auf, gab Tipps für die erste Unterrichtsstunde: „Vorstellung, straffe Haltung, Name an die Tafel, setzen, Lesebücher raus, Seite 145.“ Havenstein: „Es lief wie geschmiert. Man teilte Essen, Wissen, machte Ausflüge, feierte Feste.“* Eine neue Zeit war angebrochen.

Die mit einem Stern gekennzeichneten Passagen entnahmen wir: „Heil Hitler, Herr Lehrer“, Volksschule 1933-1945, Rowohlt 1983, und: Schulreform, Kontinuitäten und Brüche II. Das Versuchsfeld Berlin, Leske u. Budrich 1999

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