Werbinich : New Orleans, bitte melden

Die Rudower Clay-Schule verbindet eine Partnerschaft mit der überfluteten Franklin-Highschool

Annette Kögel

„Hallo Susan! Wie geht’s dir? Ich habe gute und schlechte Nachrichten. Die gute: Wir kommen wahrscheinlich bald nach Berlin. Die schlechte ist, dass wir für eine kleine Weile evakuiert werden, weil sich da wohl ein ziemlich furchterregender Hurrikan zusammenbraut. Wirst also vielleicht mal kurz nichts von mir hören. Jenny“

Die E-Mail stammt aus einer anderen Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Nur ein paar Tage ist es her, dass die 19-jährige Susan Borstelmann die Nachricht aus New Orleans bekam, von ihrer Gastfamilien-Schwester. Susan war vor drei Wochen privat da. Die 19-Jährige geht in die 13. Klasse der Clay-Schule in Rudow – die Gesamtschule unterhält seit über 15 Jahren eine Partnerschaft mit der Benjamin-Franklin-Highschool in New Orleans. Unterhielt, muss man wohl besser sagen. Denn die Schule am Leon C. Simon Drive nahe dem French Quarter ist auch überschwemmt, zerstört. Ob hier jemals wieder unterrichtet wird, weiß niemand.

„Ich habe im Fernsehen das Dach vom Superdome im Wasser wiederkannt, ich kann das alles nicht glauben“, sagt Susans Mitschülerin Alexandra Kroenert. Die Bilder im Fernsehen „ kann ich gar nicht ertragen, da müsste ich ständig heulen“. Die Rudower haben gleich in New Orleans angerufen. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Mails geschrieben, von denen viele noch unbeantwortet sind. Einige Freunde haben geschrieben, dass sie jetzt über den ganzen Kontinent verstreut sind.

Das alte New Orleans, das die Neuköllner Schüler seit 1990 kannten, ist konserviert in bunt beklebten Fotoalben. Es ist das New Orleans der netten Amerikaner, die Stadt, in der in jeder Gasse Straßenmusiker den Jazz zelebrierten. „Einmal sind wir mit meiner Gastfamilie mit dem Boot rausgefahren auf eine Insel mit Häuschen und Hollywoodschaukel. Das vergesse ich nie“, sagt Alexandra.

Aber natürlich sind die Clay-Schüler nicht jedes Jahr drei Wochen an den Golf von Mexiko gereist, um Urlaub zu verbringen. Die Aufenthalte gehörten zum „German American Partnership Program (GAPP)“, das Bund und Land unterstützen, damit die Schüler ihr Englisch verbessern und Amerika kennenlernen. „Wir gucken genau hin, wen wir mitnehmen“, sagt Peter Ingenhütt, der die Partnerschaft ins Leben gerufen hat. Er verfällt wie die meisten ins Präsens, so gegenwärtig ist alles. Für die 15 Reiseplätze haben sich zuletzt 47 Schüler beworben.

Ausgewählt wurde, wer schon gut Englisch spricht. „Außerdem haben wir auf soziale Kompetenzen geschaut und den Schülern klar gemacht, dass sie Botschafter Deutschlands sind“, sagt Englisch-Lehrer Rainer Block. Während des Irakkriegs fuhr niemand, auch die Eltern hatten Angst vor Anschlägen. Roland Brenke hatte wie Alexandra vor drei Jahren die Zwillinge Nicolas und Matthew Ferg aufgenommen, bevor er den Gegenbesuch antrat. Die Clay-Schüler fuhren immer zu Ostern – außerhalb der Hurrikan-Saison. Während die Mitschüler in Berlin derweil die Osterferien genossen, drückten die Austauschschüler an der „Ben-Franklin-Highschool“ die Schulbank. Dort wurde bislang auch Deutsch unterrichtet, Lehrer Andrew LeBlanc geht aber bald in den Ruhestand. „Im Unterricht drüben zählt mündliche Mitarbeit viel weniger “, erinnert sich Roland. Die meisten an der Elite-Highschool waren Weiße, die wenigen schwarzen Schüler seien aber völlig gleichberechtigt gewesen. Im Bus erlebte sie als einzige Weiße zwischen Farbigen eindrücklich, wie man sich als Außenseiter fühlt, erzählt Alexandra Kroenert. Die Schulordnung verbot das Tragen von Sonnenbrillen, Lockenwicklern – und lockerer Hiphop-Kleidung. Weil man Waffen verstecken könnte. Die Überfälle, aber auch die zu spät angelaufene Hilfsaktion sind in Rudow jetzt oft Unterrichtsthema. Wenn es ums nackte Überleben gehe, würden sie sicher auch Lebensmittel entwenden, sagen hier viele Lehrer und Schüler. Und dass die, die jetzt Schießbefehle ausgeben, doch auch die seien, die die Schuld daran tragen, dass es mangels rechtzeitiger Hilfe erst soweit kommen musste.

Die Gastfamilie von Susan Borstelmann, das weiß sie jetzt, ist in ihr Ferienhaus ins Landesinnere geflüchtet. Pädagoge Peter Ingenhütt hat auch eine E-Mail bekommen, von einem Lehrerkollegen.

„Lieber Peter, letztes Jahr hast du mir Dresden gezeigt. Ihr habt 60 Jahre gebraucht, um die Frauenkirche nach dem Weltkrieg wieder aufzubauen. Wir hier werden mindestens 60 Jahre brauchen. Dann wäre ich 118 Jahre alt.“

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