Werbinich : Nimm Twaii

Diese Band ist gut, schafft aber den Durchbruch nicht. Oder wollen Silke und die Jungs gar keinen Erfolg?

Katja Michel[Belfort]

Die ersten Takte klingen noch unsicher. Die Stimme wackelt ein bisschen, kaum hörbar. Dann löst sich der Knoten. Die junge Frau denkt nicht mehr daran, was alles schief gehen könnte. So ein großes Publikum hatte sie noch nie. Jetzt hört sie nur noch den Klang der Instrumente und ihre Stimme. Sie lässt sich ganz in die Musik fallen. Ihre langen, dunkelrot gefärbten Haare glänzen im Licht der Scheinwerfer. Sie trägt ein cremefarbenes Kleid über einer blauen Jeans. Sie fühlt sich wohl auf der Bühne.

Silke Kleinschmidt ist Sängerin und Frontfrau der Würzburger Band Twaii. Auch zwei Stunden nach dem Auftritt ist sie noch ganz euphorisch. „Der Sound hat mich einfach geplättet“, sagt sie. „Auf so einer Bühne spielen zu dürfen, das ist ein Geschenk.“ Normalerweise treten Twaii in kleinen Clubs in Deutschland auf. Manchmal kommen zu ihren Gigs nur zehn Leute, heute waren es mehrere hundert.

Vor so großem Publikum konnten Twaii spielen, weil sie einen Nachwuchswettbewerb im Café Atlantik in Freiburg gewonnen haben – das ist einer dieser alternativen, verrauchten und leicht heruntergekommenen Clubs, die es nur noch in westdeutschen Studentenstädten gibt. Der Sieg in Freiburg hat Twaii direkt auf die überdachte „Loggia“ in Belfort gebracht, auf das Festival Eurockéennes. Zu dem großen Open Air in Frankreich, das am vergangenen Wochenende rund 85000 Menschen besuchten. Dort sind unter anderem so bekannte Bands wie die Chemical Brothers, Nine Inch Nails, Garbage oder Kraftwerk aufgetreten – und eben die Würzburger Twaii.

Außer Silke besteht Twaii aus den beiden Gitarristen Christian Karl und Ingolf Rein, dem Bassisten Mathias Henne sowie dem Schlagzeuger Frank Nikol. Die Band hat bisher kein Label und keinen Plattenvertrag. 2003 haben sie ihre EP „Arbeitsplatte“ mit sechs Songs in Eigenproduktion aufgenommen.

Twaii ist eine Band, die irgendwo dazwischen steht: die Partykeller-Proberaum-und-nur-so-zum-Spaß-Phase haben sie hinter sich gelassen, aber Berufsmusiker sind sie auch keine. Ein- oder zweimal in der Woche treffen sie sich zum Proben. Sie haben drei oder vier Auftritte im Monat, oft in der Nähe von Würzburg, aber sie spielen auch mal in Leipzig oder in Wien. In der Region sind sie gut bekannt, außerhalb sagt ihr Name fast niemandem etwas. Leben können sie von ihrer Musik nicht, ihre Gagen sind eher ein Taschengeld, das sie sich dazuverdienen. Sie sind so etwas wie der Mittelstand des deutschen Pop.

Zusammengefunden haben sie sich vor drei Jahren so, wie das bei Bands ihrer Größenordnung wohl oft passiert. „Wir kannten uns schon länger aus der Uni und weil wir alle auch vorher Musik gemacht haben“, sagt Frank. Außer Silke, die Psychologie studiert, sind alle Sozialpädagogen. „Drei Monate haben wir nur rumgedümpelt und einfach ins Blaue gespielt, dann haben wir jemanden gesucht, der singt“, erzählt Frank. Als Silke sich vorgestellt und zwei Songs gesungen hat, war klar, dass sie die Frontfrau werden soll.

Es fing langsam an, ihren ersten Auftritt hatten Twaii im Dezember 2002 im Cairo in Würzburg. „Dann ging es so weiter“, sagt Ingolf, „wir haben alle zwei Monate mal irgendwo gespielt.“ Nach und nach haben sie immer mehr Leute kennen gelernt, denen ihre Musik gefällt und die ihnen jetzt Auftritte vermitteln.

Twaiis Musik klingt ähnlich wie die von Wir sind Helden: deutscher Frauengesang, eingängige Melodien, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Bei Twaii hört man ab und an auch dezente Elektronik. Manche Lieder, zum Beispiel „Ich mag Tiere“, sind ziemlich hart und erinnern an alternative, rockige Indie-Songs, andere wie „Krakau“ klingen eher nach sanftem Indie-Pop. Twaii schwimmen mittendrin in der Deutsch-Hype-Welle, werden ständig in einen Topf geschmissen mit Bands wie Silbermond oder Juli – Vergleiche, die ihnen nicht unbedingt gefallen. Warum haben es diese Bands geschafft und Twaii nur so halb?

„Ich will nicht ständig mit Modebands verglichen werden, die auf den Zug aufspringen“, sagt Ingolf und redet sich richtig in Rage. „Uns gibt es schließlich schon seit über drei Jahren.“ Twaii habe sich also gegründet, bevor sie die Musik der anderen Gruppen gekannt hätten. Man stecke viel zu schnell in einer Schublade, dann höre keiner mehr richtig zu, findet auch Silke. Der Vergleich mit den „Helden“ allerdings ehrt sie. Vor allem Sängerin Judith Holofernes findet Silke toll: „Der würde ich gerne mal einen Schnaps ausgeben.“

Silkes Texte sind nachdenklich, dabei schön, oft ein bisschen melancholisch und meistens sehr wahr. „Dass keiner von uns beiden glücklich wird, geschieht uns recht, denn wer sein Leiden zelebriert, dem geht es schlecht“, singt Silke. In ihren Zeilen geht es um Alltägliches, aber nicht um Nichtigkeiten. Silkes Sprache ist klar und dennoch versteht man nicht alles im ersten Moment: „Ich kann sagen, ich mag Menschen, ich mag Tiere, was noch lange nichts beweist.“

„Unsere Musik ist sehr emotional, es geht darum, Gefühle loszuwerden“, sagt Frank. Aber vor allem machen Twaii Musik, weil sie Musik lieben. „Wir wollen mit unseren Liedern nicht die Welt verbessern“, erklärt er, und Silke ergänzt: „Ich fände es anmaßend, anderen Leuten das Leben zu erklären und ihnen zu sagen, wie sie sein sollen.“

Direkt nach dem großen Auftritt in Belfort sitzen alle zusammen auf Bierbänken im Catering-Zelt für die Bands. Dass sie überhaupt hier sein dürfen, scheint sie immer noch ein bisschen zu erstaunen. „Als ich erfahren habe, dass wir in Belfort spielen dürfen, war mir die Größenordnung gar nicht klar“, sagt Silke. „Ich dachte, für uns gibt es eine Art Kinderbühne und wir kommen nur in einen Kinderpressebereich, aber das hier ist ja alles echt“, erzählt sie, und ihre Verwunderung wirkt authentisch.

Am Tag nach dem Gig hat sich die Aufregung wieder gelegt. Die Mitglieder von Twaii hängen vor ihren Zelten herum, spielen Frisbee, kochen auf dem Gaskocher und quatschen mit Freunden. Fast 20 Leute aus Würzburg sind mitgekommen, um bei dem großen Auftritt in Belfort dabei sein zu können. Wie alle anderen auch zelten die Bandmitglieder auf dem Festivalgelände und haben sich nicht extra ein Hotel genommen. Um hierher zu kommen, haben sie sich den Kleinbus vom Würzburger Jugendzentrum geliehen.

Die fünf sind weit davon entfernt, supercoole Musiker zu sein. Twaii, das sind fünf junge Menschen, die gerne Musik machen, manchmal vielleicht vom großen Erfolg träumen, im Leben aber noch ganz andere Pläne haben. Manchmal lässt sich das mit der Musik gar nicht so leicht unter einen Hut bringen: Christian zum Beispiel scheidet aus der Band aus, weil er in Regensburg einen Job in der Jugendarbeit bekommen hat.

Berühmt werden um jeden Preis wollen Twaii gar nicht. „Klar träumt man manchmal davon, richtig bekannt zu werden“, sagt Mathias. Aber gleichzeitig wisse er ja, dass dieser Traum nicht sehr realistisch sei.

Der Auftritt auf dem Eurockéennes war gelungen, das finden sie alle. Aber einen Plattenvertrag versprechen sie sich davon nicht. Der wäre aber nötig, um es dauerhaft auf die großen Bühnen zu schaffen. Manchmal könnte man denken, dass Twaii eigentlich ganz zufrieden sind in ihren kleinen Clubs, auch wenn da weniger Leute zuhören und die Technik nicht ganz so toll ist. Erfolg heißt auch Verlust von Freiheit.

Die Zukunft von Twaii ist ungewiss. „Weich, wild und weise werde ich sein, wirst schon sehen“, singt Silke.

Mehr über die Band im Internet unter www.twaii.de – nach Berlin kommt sie erst im Oktober.

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