Werbinich : Noch kein Plan für die Wertekunde Inhalte des neuen Faches sind bisher sehr vage

Kirchen und CDU starten Postkarten-Aktion

Susanne Vieth-Entus

Gut zwei Wochen sind vergangen seit dem SPD-Parteitag mit seiner umstrittenen Entscheidung für einen verpflichtenden Ethikunterricht. Aber von dem angestrebten Dialog mit den Kirchen ist bislang ebenso wenig zu hören wie von Fortschritten bei der Ausgestaltung des neuen Faches. Im Gegenteil: Die Fronten sind verhärtet wie eh und je.

Die Synode der Evangelischen Landeskirche erneuerte am Wochenende ihre scharfe Kritik an dem Vorhaben, Religion nicht als gleichwertiges Wahlpflichtfach zuzulassen. Hunderttausende Protest-Postkarten sind unterwegs zu Bildungssenator Klaus Böger (SPD): 250 000 wurden gedruckt im Auftrag des Kirchenkreises Schöneberg-Tempelhof, weitere 100 000 steuert die CDU bei. Außerdem sind allein im Evangelischen Konsistorium weit über 10 000 Unterschriften eingetroffen, die den gemeinsamen Aufruf der evangelischen und katholischen Kirchen und der Jüdischen Gemeinde für ein ordentliches Unterrichtsfach Religion unterstützen.

Aber wie verhalten sich die Kirchen, wenn sie, wie von Böger angekündigt, schriftlich gebeten werden, bei der Gestaltung des neuen Fachs mitzuarbeiten? Die Katholiken wollen noch nichts sagen und verweisen auf laufende „Beratungen“. Auch die Protestanten halten sich bedeckt: „Wir müssen abwarten, was drinsteht“, sagt Markus Breuer, Sprecher von Bischof Wolfgang Huber.

Noch ist dieser Brief aber nicht einmal unterwegs, denn die Bildungsverwaltung weiß selbst noch nicht, wohin sie steuert. Vielmehr herrscht Ratlosigkeit angesichts der Frage, ob Berlin sich am Brandenburgischen LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) orientieren soll oder am Berliner Modellversuch Ethik/Philosophie. Dem Vernehmen nach tendiert Bildungssenator Klaus Böger (SPD) zu LER, da ihm das Berliner Fach „zu philosophielastig“ sei, wie ein Mitarbeiter berichtet. Allerdings betonen die Lehrer, die das Fach in 35 Schulen unterrichten, dass sie keineswegs „philosophielastig, sondern am Schüler orientiert“ arbeiten.

WAS LEHRT ETHIK/PHILOSOPHIE?

Im Mittelpunkt stehen vier Lernfelder, die sich an Kants Grundfragen orientieren: Was kann ich wissen? (Elementare Erkenntnistheorie) 2. Was soll ich tun (Moral und Ethik), 3. Was kann ich hoffen? (Religiöse Glaubenswelten und -lehren), 4. Was ist der Mensch? (Anthropologie: Geburt/Tod, Glück/Leid). Als zentrale Themen nennt das Landesinstitut für Schule und Medien rund 50 Stichworte von „A“ wie Adoleszenz bis „Z“ wie Zukunft über Altern und Sterben, Antisemitismus, Diskriminierung, Drogen, Gerechtigkeit, Gewissen, Sexualität, Religionen und vieles mehr.

WAS LEHRT LER?

Der Rahmenplan enthält sechs Themenfelder: Soziale Beziehungen (z.B. Familie, Clique, Konflikte und Gewalt, Liebe und Sexualität); existenzielle Erfahrungen (Suche nach Glück und Erfolg, Sterben); individuelle Entwicklungsaufgaben (Erwachsenwerden, Stars/Idole/Vorbilder, Lebensentwürfe); Welt, Natur und Mensch (Vorstellungen vom Entstehen und vom Verständnis der Welt, Menschenbilder in verschiedenen Kulturen, Globalisierung); Weltbilder, Kulturen, Interkulturalität („Kulturraum“ Europa: Wurzeln, Eigenarten und Aufgaben, Exkurs zum Christentum); Frieden und Gerechtigkeit (Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft, Religionen und Weltanschauungen als System der Lebensgestaltung und Zukunftssicherung).

WO LIEGT DER UNTERSCHIED?

Beim Fach Ethik/Philosophie ist die Philosophie die eindeutige Bezugswissenschaft. Es ist konzipiert als Alternative für all jene Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen wollen, geht aber davon aus, dass die beiden Fächer stark kooperieren. LER bezieht sich auf Sozial- und Religionswissenschaft sowie Philosophie. Im Vordergrund steht der Aspekt der Lebensgestaltung: „Die Philosophie hat dabei nur dienende Funktion“, wie es der Bundesvorsitzende des Fachverbandes Ethik, Peter Kriesel, ausdrückt.

WER SOLL UNTERRICHTEN?

Grundstock wären wohl die Ethik/Philosophielehrer, die berufsbegleitend fortgebildet werden könnten. Sie würden aber nicht ausreichen, wenn alle rund 1200 siebten Klassen 2006/07 mit dem Fach begönnen. Zumal man sie ja nicht einfach aus dem Ethik/Philosophie-Modellversuch abziehen kann, der ja bis Klasse 10 angelegt ist und erst mal auslaufen müsste. Inwieweit Lebenskunde- und Religionslehrer zum Einsatz kommen könnten, ist noch völlig offen. Fest steht nur, dass alle fortgebildet werden müssten – vor allem im Bereich „Islamkunde“, denn anders als in Brandenburg müssen in Berlin zehntausende muslimische Schüler erreicht werden: Mit diesem Ziel hat die Diskussion um den Werteunterricht schließlich einst begonnen.

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