Werbinich : Nur die Liebe fehlt

Es soll ja Orte geben, an denen es leicht ist, jemanden kennen zu lernen. Alles Lüge, meint unsere Autorin

Marika Mettke

1. Im Büro

Die meisten Paare, so die Statistik, lernen sich bei der Arbeit kennen. Doch wer in Praktika verschiedene Büros kennen gelernt hat, weiß, dass die Strukturen dort nicht den Boden nähren, auf dem große Liebe wächst. In einem Büro gibt es den Chef, der meistens verheiratet ist, was einer von ganz vielen Gründen ist, warum man in ihm nicht den Traumpartner sehen sollte. Und es gibt den netten Kollegen. Der nette Kollege ist semi-attraktiv und ein sehr guter Mensch. Bald weiß man über ihn fast so viel wie über die beste Freundin. Zum Beispiel, dass er Frauen gerne mit gutem Rotwein, Käse und „Betty Blue“ auf DVD rumkriegt. Da auch er nach einem sturzbetrunkenen Kuss auf der Weihnachtsfeier weiß, dass er sich nie in die Kollegin verlieben wird, lassen beide das Thema fallen und sehen sich am Wochenende gemeinsam Woody-Allen-Filme an. Sie erklärt ihm weiterhin wie Frauen ticken und er holt regelmäßig ihre verloren gegangen Dokumente aus der Computerversenkung. Da der Rest im Büro entweder aus der IT-Abteilung stammt oder vom gleichen Geschlecht ist, wäre dieser Ort passé.

2. Im Supermarkt

Für den immerwährenden „Supermarkt gleich Flirtchancen hoch zehn“-Tipp der Magazine gibt es eigentlich nur die Erklärung, dass Redakteurinnen genauso am Ende ihres Lateins sein müssen wie ihre tippgierigen Leserinnen. Versucht man tatsächlich, aus dem Inhalt eines Einkaufswagens zu erschließen, ob der attraktive Zwanziger hinter einem an der Kasse noch allein ist, blickt man erst auf einen Rahmjoghurt Schoko, dann auf einen toskanischen Pecorino von der Käsetheke – was ho, ho! auf Solvenz schließen lässt –, auf ein Glas Mixed Pickles und Weißbrot, und danach in das Gesicht eines großen, braungelockten Mannes im schwarzen Hugo-Boss-Mantel. Der schaut einen sehr, sehr gelangweilt an. Vielleicht, weil man zur Tarnung des haschenden Kontrollblicks seit fünf Minuten versucht, 87 Cent aus dem Geldbeutel zu fischen?

Ein paar Minuten später zieht man eine Armada von Bierflaschen aus dem großen Rucksack, mit dem man schon die Welt bereist hat, und steckt sie in den Pfandrückgabe-Automaten. Die Traumtyp-Kandidaten in der Schlange hinter einem sind: Eine alte Frau mit Oma-Porsche und die zwei 14-jährigen Punks, denen man vorhin an der U-Bahn sein altes Ticket zugesteckt hat. Nein, hier findet man seinen Traumpartner nicht.

3. Im Flugzeug

Leider ist das Leben keine Fernsehserie. Nur Leute wie Sigmar Solbach oder Christian Kohlund treffen ihren Traumpartner im Flugzeug – in Serien, die „Traumhotel“ heißen und auf den Seychellen spielen. Im Flugzeug können sich zwar tolle Bekanntschaften ergeben, der Traumpartner ist jedoch nie dabei.

Mit Glück sitzt man bei einer Billig-Airline zwischen wuchtigen, aber sehr fröhlichen Typen in Motorradlederjacken, die alle aussehen wie DJ Ötzi. Sie baggern die Stewardess an und erheitern das Mädchen mit Flugangst neben ihnen mit lautstarken Witzen wie „Da ist gerade ein Teil von den Tragflächen abgefallen“. Doch die Jungs sind freundlich und nehmen das Mädchen später in ihrem Jeep mit in die Stadt. Die nette Bekanntschaft ist spätestens dann ad acta gelegt, wenn sich auf der Fahrt herausstellt, dass sie gerade mit den „Hells Angels“ unterwegs ist.

Bei einer Qualitäts-Airline sitzt man – wenn man Glück hat – neben einem 66-jährigen Manager, der in seine Powerpoint-Präsentation vertieft ist und weder fragt „Was machen Sie in Frankfurt?“, noch genervt guckt, weil man seine Flugangst mit Rotwein bekämpft und alle fünf Minuten aufs Klo muss. Nein, das Flugzeug ist kein Ort für Wolke-Sieben-Gefühle. Und mal ganz ehrlich: Wenn das Leben doch eine Fernseh-Serie wäre, in Sigmar Solbach würde man sich auch dann nicht verlieben.

4. Im Fitnessstudio

Auch das Fitnessstudio schafft es in Frauenzeitschriften immer in die Top-Ten der besten Orte, an denen man seinen Traumpartner findet. Seltsame Erwartung an einen Ort, wo sich alle keuchend auf Power-Steppern abmühen, dabei auf das Viva-Programm glotzen und sich wünschen, so auszusehen wie Jennifer Lopez oder Mark Terenzi. Sie schwitzen, haben rote Flecken auf der weißen Haut und würden in Wahrheit nie auf die Idee kommen, jemanden anzusprechen.

Das gilt für alle, außer den schlaksigen Mann mit der Glatze und dem Pferdeschwanz, der graue Leggins trägt und ein himbeerfarbenes „Fruit-of-the-Loom“ T-Shirt von 1987. Mit sich selbst ist er längst im Reinen, er schwebt durch den Yoga-Kurs, lächelt in die Frauenrunde und setzt zum Leidwesen der Kursteilnehmerinnen mit seinem starken Eigengeruch hie und da ein paar interessante Duftmarken.

Dann gibt es noch den Mittzwanziger, der sein dunkles Gelhaar mittig gescheitelt trägt. Er zweifelt eigentlich auch nicht an sich. Erst als er der jungen Schönheit im zitronengelben Jogginganzug erklären will, wie sie ihren Power-Stepper optimal justieren kann, ist er für einen kurzen Moment irritiert. Die sieht ihn nämlich nur verächtlich an. Kein Wunder: Welche Frau möchte schon von einem Möchtegern-Latino angesprochen werden, der in einem T-Shirt steckt, auf dem in großen Lettern „Overfucked And Undersexed“ steht?

5. Im Internet

Die Zeiten, in denen es noch peinlich war, seinen Partner im Internet kennen zu lernen, sind vorbei. Wer Internet-Dating heute für eine unsinnliche Verzweiflungstat hält und sich selbst noch für so verwegen, einen realen Menschen in einer Bar ansprechen zu können, gehört einer kleinen Minderheit an. Millionen von Singles lassen sich von merkwürdigen Menschen wie „asterix77“ aufs Glatteis führen. Asterix gehört nämlich einer noch kleineren Minderheit an, die ihren Traumpartner im Internet gefunden hat. In einem Forum, das „lovestories“ heißt, erzählt Asterix mit schlechter Grammatik seine rührende Geschichte.

Die Wahrheit sieht so aus: Wer im Internet auf die große Liebe hofft, wird von Menschen angemailt, die sich Pseudonyme geben wie „Kuschelmaus“. Das führt zur festen Annahme, dass sie in der IT-Branche tätig sind und ihre kleine Wohnung mit Diddl-Maus-Accessoires voll gestopft haben. Oder es melden sich verheiratete Männer namens „Nur_bl....“ und „Swinger-Club69“ („in Bielefeld kann ich nicht“), die Frauen jeden Alters und Aussehens mit der Größe von 144 – 190 cm suchen. Wen es ganz schlimm trifft, stößt auf den Ex, der einen ähnlich schrecklichen Namen trägt. Spätestens jetzt sollte man die Kiste ausschalten und einen Wodka-O trinken gehen. Denn auch der Ex hat sich hiermit als möglicher Traumpartner endgültig disqualifiziert.

6. Im Heimatort

Alle aus der alten Clique, die seit Jahren mit dem gleichen Mädchen oder dem gleichen Jungen zusammen sind, und manche von ihnen haben sogar kleine Kinder, sind dicker geworden. Doch diese Beobachtung kann einen nicht vor einem diffusen Neidgefühl bewahren. So kommt es, dass man bei einem Aufenthalt im Heimatort schnell auf den falschen Pfad kommt. Der alte Freund von damals ist auch auf Besuch und auch nicht vergeben. Egal, dass man ihm damals, mit 15, einen Korb gab. Heute ist er Vize-Chef-Designer einer Autofirma, die nicht Opel ist. Außerdem kann er unglaublich gut Komplimente machen. So treibt er einem den Irrsinn in den Kopf, dass der Weg „Back to the Roots“ vielleicht der wahre ist. Der Weg, den man jahrelang nicht gesehen hat. In Gedanken schreibt man Geschichten, die denen des Internetforums „lovestories“ ähneln. Allein die Tatsache, dass man jemanden seit 20 Jahren kennt, bewahrt einen nicht vor dem Unglück. Genauso gut hätte man mit der erstbesten Discobekanntschaft nach Hause gehen können – eine Rubrik übrigens, die es erst gar nicht in diesen Artikel geschafft hat. Nach einer gemeinsamen Nacht tritt man in Katerstimmung auf die Straße und zündet sich eine Zigarette an. Pärchen mit Kinderwagen ziehen vorüber. Spätestens jetzt gesteht man sich ein, dass man auch mit dem Bekannten aus der alten Clique nie Kinder haben wird. Also, ab nach Hause.

7. Zu Hause

In romantischen Hollywood-Filmen sitzen die Hauptdarsteller am Ende des letzten Akts immer am Fenster, putzen sich die Zähne oder füttern die Katze. Sie sehen dabei sehr gut aus. Wer ein Anhänger solcher Filme ist, sollte sich von Parallelen zum echten Leben verabschieden. Hier gilt die gleiche Regel wie bei den Fernsehserien: Niemand wird unten im Regen auf der Straße stehen und bei Opernmusik den Namen rufen. Es gibt keinen Hundeblick hinterm Türspalt, keinen zweistündigen Lobgesang auf dem Anrufbeantworter und auch keine Lastwagenladung Rosen auf dem Bürgersteig. Wer so etwas im echten Leben tut, hat Kai Pflaume bemüht und sich allein deshalb disqualifiziert. Man sollte sich von der Vorstellung verabschieden, den Traumpartner gleich bei sich zu Hause anzutreffen.

Es sei denn, man hat ihn vorher im Flugzeug, im Supermarkt oder im Internet kennen gelernt. Dann herzlichen Glückwunsch. Das ist eine absolute Ausnahme.

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