Werbinich : Nur die Liebe zählt

Kein Sex vor der Ehe? Das ist wirklich mal was gegen den Zeitgeist. Enthaltsamkeit wird geübt in der Initiative „Wahre Liebe wartet“

Torsten Landsberg

Dass der Werteverfall angeblich Einzug in unsere Gesellschaft halten soll, ist ja nichts Neues. Ob Politiker, Kirchen oder besorgte Eltern – alle warnen ununterbrochen vor einer Verrohung der guten Sitten, besonders, was Jugendliche angeht. Michael Müller gehört der Gruppe der Mahnenden an, als strenger Moralapostel sieht er sich aber nicht. Er ist Betriebswirt und außerdem Aktivist bei einer Minderheit, deren Angehörige eine ziemlich weit reichende, von vielen belächelte Entscheidung treffen: Kein Sex vor der Ehe. Knutschen nur als Mund-zu-Mund-Beatmung im Notfall. „Die Dimension Sexualität ist mehr als ein Abenteuer“, sagt Müller. Verheiratet ist er noch nicht.

Michael Müller ist verantwortlicher Redakteur des deutschen Internet-Auftritts von „Wahre Liebe wartet“ (www.wahreliebewartet.de), einer Bekenntnisinitiative Jugendlicher, die vor der Ehe keine sexuellen Beziehungen eingehen wollen. Gegründet wurde der Klub der Sexlosen 1993 in den USA vom Baptistenpfarrer Richard Ross, der, wie er schreibt, in Reinheit lebende Jugendliche nicht ihrer Einsamkeit überlassen wollte: „Zwei junge Mädchen sagten mir, sie wären die letzten zwei Jungfrauen in ihrer Schule. Ich wusste, dass das so nicht stimmen kann, verstand aber auch, wie sie sich fühlten“, wird Ross auf der Website zitiert. Die Aktion zog Kreise, ein Jahr später hatten sie Deutschland erreicht. Michael war von Anfang an dabei. „Ich hatte mich schon früh für die Enthaltsamkeit entschieden, aber durch Richard Ross wurde meine Entscheidung irgendwie verbindlich.“

Da Sexualität und der Umgang mit ihr eigentlich Privatsache sein und folglich keinen anderen etwas angehen sollten, stellt sich die Frage: Warum soll man mit so einer Entscheidung in die Öffentlichkeit gehen? „Auf das Bekenntnis reagieren Außenstehende oft mit: Da muss was schief gelaufen sein“, sagt Michael. „Wir sind aber ganz normal, weder verkrampft noch fundamental. Wir wollen ernst genommen und akzeptiert werden.“ Der Schritt, sich öffentlich und offensiv zur sexuellen Askese zu bekennen, sei eine Typfrage. „Niemand wird dazu gezwungen“. Na, zum Glück.

Ein potenzieller Mitmacher, wie Mitglieder von „Wahre Liebe wartet“ genannt werden, fordert eine Unterschriftenkarte an, mit der er vor Gott verspricht, bis zum Tag der Heirat sexuell rein zu bleiben. Reinheit als Weg zum Reich Gottes? „Die meisten von uns sind gläubige Christen mit hohen Wertmaßstäben. ,Wahre Liebe wartet’ ist ein Nebenprodukt unserer Lebensführung“, erklärt Müller, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat. Es trägt den pseudocoolen Titel „Be different“. In dem Buch antwortet Michael Müller auf Anti-Aids-Slogans wie „Ich kann mich schützen“ mit der Frage: „Und wie schützt du dein Herz?“ Selbstverständlich ist das Buch mit der WLW-Unterschriftenkarte ausgestattet.

Die Karte verbleibt nach ihrer Unterzeichnung übrigens im heimischen Nachtschränkchen. Sie dient dem Unterzeichner als Erinnerung und Bekenntnis nicht nur vor Gott, sondern auch vor sich selbst. Als sich 2004 anlässlich des zehnjährigen Jubiläums WLW-Aktivisten zu den Olympischen Spielen in Athen trafen, wurden die Mitmacher aus aller Welt gebeten, ihre Karten einzusenden, rund 460000 Stück wurden gezählt. In Deutschland wird die Zahl derer, die in ihren Teenager-Tagen unterschrieben haben, auf mehr als 10000 geschätzt. Gewaltige Zahlen, die das Potenzial der Bewegung verdeutlichen und ihre Anhänger im Paris-Hilton-Zeitalter zu Revoluzzern der Gegenwart und Verweigerern von Zeitgeist und Mainstream werden lassen.

Der anhaltende Trend, dass Jugendliche oft in sehr jungen Jahren sexuell aktiv werden, wird nach Meinung der Initiative durch die mediale Inszenierung fragwürdiger Vorbilder verstärkt. Klar, die bösen Medien. Tatsächlich sind die Erfahrungen mit prominenten Botschaftern der Abstinenz eher zwiespältig. Britney Spears hat es mehr oder weniger ernsthaft versucht, Star-Search-Gewinnerin Florence Joy und R’n’B-Newcomerin Ciara bekennen sich öffentlich zu ihrer Enthaltsamkeit, auch die neue Freundin von Tom Cruise, „Dawson’s Creek“-Star Katie Holmes, ist mit 26 angeblich noch Jungfrau. „Die Britney Spears hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“, meint Michael, „vielleicht war ihr Bekenntnis zur Jungfräulichkeit ein Marketing-Gag, um die Lust an ihr in die Höhe zu bringen.“ Welch treffende Beschreibung. Und jetzt ist es sowieso zu spät: Britney ist schwanger.

Auch Leute mit – zumeist schlechten – sexuellen Erfahrungen sind Mitmacher bei „Wahre Liebe wartet“. „Viele von ihnen sprechen nicht über ihre Erlebnisse, es ist ihnen zu intim. Sie haben eine Entscheidung getroffen, die sie vielleicht bedauern und entdecken erst später den Wert, den das Warten bietet.“

Gegenüber denjenigen, die vorehelichen Sex nicht bereuen, scheint die Initiative weniger tolerant zu sein. So wird auf der Website die angeblich von Pornomagazinen ausgehende Gefahr mit der einer geladenen Waffe gleichgestellt, wer Pornografie als unbedenklich bezeichne, könne ebenso gut einem Jogger Benzin eintrichtern, damit dieser schneller läuft. Aber werden nun aus all den 13-Jährigen, die im Supermarkt schon mal heimlich im „Playboy“ geblättert haben, zwangsläufig militante Herzensbrecher, Reinheitsrauber oder gar Triebtäter, vor denen unsere Gesellschaft dringend geschützt werden muss?

Nein, sagt Michael Müller. Er plädiert lediglich für eine alternative Sexualerziehung. „Es wird ständig suggeriert: Ihr könnt nicht warten! Es reicht aber nicht, die Thematik auf den Gebrauch von Kondomen zu reduzieren und so zu tun, als wäre Verzicht unmöglich!“ Den Zeigefinger will Michael nicht erheben, mit Vorträgen in Schulen, bei Jugendtreffen oder auf Kirchentagen möchte er lieber mit Argumenten überzeugen und Alternativen aufzeigen. „Man muss den 14-Jährigen vermitteln, dass es um sie persönlich geht und ihre jetzigen Entscheidungen den Rest ihres Lebens beeinflussen.“ Mit der Möglichkeit, dass auch die Entscheidung für Sex für jeden individuell richtig sein kann, beschäftigt sich Michael nicht so sehr, auch den Namen der Initiative findet er gut gewählt, obwohl er genau genommen bedeutet, dass diejenigen, die nicht warten, auch nicht wirklich lieben: „Es ist natürlich herausfordernd formuliert, um Aufmerksamkeit zu erregen.“ Hoffentlich findet Michael Müller seine große Liebe bald. Es ist ihm zu wünschen.

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