Werbinich : Nur ein Thema für Fortgeschrittene

Erst ab der 9. Klasse: Haupt- und Realschüler erfahren wenig über Mauerbau und Ostdeutschland

Andrea Dernbach,Michael Lünstroth

Je weiter die neueste Geschichte zurückliegt, umso mehr wächst die Sorge um die Erinnerung an sie. Erinnern wir uns noch genug? Was wissen vor allem die Jungen, die Nachgeborenen, was lernen sie darüber in der Schule? Fragen, die sich jahrelang an die Aufarbeitung und Vermittlung der NS-Geschichte richteten. Seit ein paar Jahren stellen sie sich auch für die Geschichte der DDR. Zu Gedächtnisdaten wie dem Jahrestag des Mauerbaus bekommen sie Tagesaktualität. Ganz besonders dieses Jahr. Am 13. August, kommenden Sonntag, jährt sich der Mauerbau zum 45. Mal.

Die Stasi-Akten-Beauftragte Marianne Birthler kam kürzlich zu einem erschreckenden Befund: „Leider sind Schulen, in denen über die DDR hinreichend und sachgerecht informiert und diskutiert wird, noch in der Minderheit.“ Ihre Erfahrung sei, dass Lehrer, die diesen Diskurs wollen, nicht selten mundtot gemacht würden. „Sie bekommen zu wenig Rückendeckung von Kollegen, Schulleitung oder Schulbehörden, wenn Eltern oder Großeltern die ehrliche Debatte über deren Vergangenheit nicht passt.“

Auch Günter Kolende ist unzufrieden mit dem, was die Schule über die DDR vermittelt, aber er widerspricht Birthlers Sicht der Dinge: Es gebe viel guten Willen und eine große Offenheit unter Lehrern, über die DDR im Unterricht zu sprechen, sagt Kolende, der am Potsdam-Kolleg unterrichtet und Mitglied im Bundesvorstand des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands ist. Die Kollegien und Fachkommissionen hätten sich in den vergangenen Jahren durchmischt, Lehrer aus Ost und West diskutierten und lernten voneinander. Zudem habe der Geschichtslehrerverband ausgezeichnete Kontakte zur Wissenschaft, etwa zum Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und mit Universitäten mit Schwerpunkten zur DDR-Geschichte. Ihm sei kein Fall bekannt, in dem Unterricht über die DDR an Widerständen gescheitert sei, wie Birthler sie schildert.

Die Lehrer stünden vielmehr vor einer anderen Hürde, sagt Kolende, und die sei praktisch unüberwindbar: „Wir haben zu wenig Geschichtsstunden für die Jahrgangsstufen neun und zehn.“

Die DDR und der Mauerbau stehen sowieso erst in der neunten und zehnten Klasse auf dem Stundenplan. Aber in der zehnten Klasse sei lediglich eine Wochenstunde Geschichte vorgesehen. Damit sei nicht einmal ein auch nur einigermaßen vollständiger Überblick über die Geschichte der beiden deutschen Staaten zu schaffen. Zumal im zweiten Halbjahr der zehnten Klasse weitere Stunden durch Prüfungen und Prüfungsvorbereitungen ausfallen, so Kolende. Auch die Einführung neuer Stoffe und eines Faches wie „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER)“, das er persönlich für wichtig halte, reduzierten den Platz für Geschichte und politische Bildung, weil alles innerhalb der Stundentafel bleiben muss: Mehr als etwa 30 bis 33 Unterrichtsstunden wöchentlich sollen den Schülern nicht zugemutet werden.

Faktisch bedeutet das also, dass Haupt- und Realschülern, die die Schule nach der zehnten Klasse verlassen, nur ein sehr rudimentäres Wissen vermittelt wird. Die DDR ist hauptsächlich ein Thema für Gymnasiasten.

Kolendes niedersächsischer Kollege Thomas Berger sieht die mangelhafte Vermittlung jüngster Geschichte als Symptom einer tieferen Krise des Schulfachs. „Es gibt echte Defizite im Geschichtsunterricht, aber das regt niemanden auf“, sagt Berger, der Fachleiter für Geschichte und Politik an einem Göttinger Gymnasium ist und sich seit vielen Jahren auch in der Entwicklung von Schulbüchern engagiert. In der Schule habe sich „der Fokus verschoben. Die Schule fordert Leistung, Überprüfbarkeit und Verwertbarkeit von Wissen – da segelt der Geschichtsunterricht ganz am Rande“.

Um zu begreifen, wie gering der Wert des Schulfachs Geschichte sei, müsse man sich nur ansehen, wie viele wissenschaftliche Studien es zum Englisch- oder Mathematikunterricht gebe und wie düster es in Geschichte aussehe. Selbst der Pisa-Schock habe nicht geholfen: „In Mathematik hat es durch Pisa ein wirkliches Aufwachen gegeben. Aber das hatte für uns keinerlei Folgen.“

Die Geschichtslehrer werden sich auf dem Historikertag in Konstanz im September gleich mehrfach mit dem Thema DDR- und deutsche Nachkriegsgeschichte befassen: „Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit und ihrer Folgen für Deutschland: Modell für den Umgang mit der Hinterlassenschaft europäischer Diktaturen nach 1945?“ heißt die Sektion, die der Verband zusammen mit der Birthler-Behörde betreut. Außerdem will man in Konstanz ein neues Unterrichtsmodell vorschlagen: Die gemeinsame Betrachtung beider deutscher Staaten soll auch im Unterricht Praxis werden. Günter Kolende ist nicht sehr optimistisch: „Während wissenschaftlich und didaktisch viel gemacht wurde in den vergangenen Jahren, schaffen die Länder wenig Platz, damit das umgesetzt wird.“

Zum Teil liefern die Geschichtsbücher bereits vergleichende Längsschnittuntersuchungen anstatt der rein chronologischen Auflistung der Ereignisse. So wird etwa geschildert, wie unterschiedlich Jugendliche in der DDR und in der Bundesrepublik aufgewachsen sind. Das sei ein neuer Trend, heißt es in den Schulbuchverlagen. Auch finden immer mehr Zeitzeugenberichte Eingang in die Schulbücher. Häufig werden die Texte auch mit großen Bildern oder Grafiken illustriert. Aber selbst einem so markanten Ereignis wie dem Mauerbau widmen die Schulbücher je nach Schulform lediglich eine halbe bis höchstens zwei Seiten. Mehr ist in den Lehrplänen nicht vorgesehen.

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