Werbinich : Nur einen Steinwurf entfernt

Leserin Almuth Heym erinnert sich an eine kollektive Attacke im Klassenzimmer

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Ein bisschen peinlich ist mir die Geschichte schon. Vielleicht sollte man sie lieber ins große Meer des Vergessens sinken lassen. Vielleicht rückt sie aber auch Urteile über die heutige, ach so schlimme Jugend zurecht.

Sie ereignete sich um 1940 in der Kleinstadt Seelow und begann auf dem Schulhof einer Grund und Mittelschule. Ich war damals zwölf Jahre alt. Viele Schüler tobten und schlenderten während der großen Pause auf dem sandigen Hof. Für unsere Klasse, die M II, stand eine Stunde bei Herrn M. bevor, Deutsch oder Geschichte. Ohne dass man wusste, woher es kam, verbreitete sich plötzlich unter uns die Parole: „Kommando: Steinchen sammeln“.

Niemand fragte lange nach dem Zweck des Befehls, jeder fing sofort eifrig an, sich der neuen Pausenbeschäftigung zu widmen. Kleine und große Kiesel wanderten ohne Rücksicht auf Hände oder Kleidung in vorhandene Taschen. Es gab zuletzt wohl keinen von uns ohne Steine.

Als es klingelte, eilten wir alle in unbestimmter Erwartung in unseren Klassenraum. Herr M. erschien, wir standen wie gewohnt auf. Kaum hatten wir uns gesetzt und der Unterricht begann, machte es irgendwo laut und deutlich „klick“: Einer hatte ein Steinchen auf den Boden geworfen. Das war das Zeichen zum Sturm. Jetzt prasselten Steinchen hier und dort nieder, sie prallten gegen die Wand, gegen die Tafel und gegen Fenster, gegen Stühle und Tische – welch ohrenbetäubender Lärm. Aber eines musste klar sein: Wir warfen nicht auf Personen.

Was nützte das Brüllen, was nützten alle Drohungen des Herrn M.? Kein Mensch hätte hier feststellen können, wer was geworfen hatte. Völlig erschöpft verließ der Lehrer den Ort des Grauens und holteHilfein der Person des Rektors.

Ich erinnere mich nicht mehr, was der unternommen hat, welche Strafe er uns auferlegte. Wahrscheinlich haben wir sie als gerechtfertigt angesehen und klaglos hingenommen. Vielleicht war sie auch so schlimm, dass ich sie verdrängt habe. Müsste man mal einen Psychologen fragen. Vielleicht könnte er auch begründen, warum wir uns so etwas bei dem großen, ruhigen Herrn M. wagten und nicht bei den anderen Lehrern? Herr M. hatte ein enormes Wissen, aber offenbar kein Durchsetzungsvermögen.

Aufgezeichnet von Claudia Keller. Almuth Heym ist 76 Jahre alt. Die Pfarrerstochter hat Kunst und Biologie studiert und viele Jahre als Lehrerin gearbeitet.

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