Werbinich : Ohne dich

Sie kannten sich ewig. Dann wurde Jenni krank – Krebs. Wie es ist, die beste Freundin zu verlieren

Erzählt von Anne Frick Aufgezeichnet von Jean

Dieses Geschenk war typisch Jenni. An meinem 15. Geburtstag überreichte sie mir einen riesigen Schreibtischstuhl-Karton. Ich packte aus, eine Schicht nach der anderen, 20 bestimmt, zog geknülltes Papier und Styropor heraus, es dauerte ewig, und das ganze Wohnzimmer war zugemüllt. Schließlich fand ich: ein winziges Döschen silberner Lidschatten. Jenni lachte sich kaputt. Ich sehe diesen Lidschatten nun jeden Morgen im Bad liegen. Und denke an sie. Ich grinse – oder bin nur noch traurig.

Jenni ist tot. An einem Tag im November vor zwei Jahren ist sie mit 16 Jahren an Krebs gestorben. Für mich ist das nicht lange her. Ich denke oft: „Wenn ich das jetzt Jenni erzählen könnte.“ Obwohl ich noch eine andere sehr gute Freundin habe. Kurz nach dem Geburtstag mit dem Lidschattengeschenk hat sie von der Krankheit erfahren. Ich weiß noch, wie sie auf der Feier über Rückenschmerzen klagte, und wir alle gesagt haben: „Stell dich doch nicht so an“. Vor ihr lagen damals acht Chemotherapien, 21 Bestrahlungen und drei Operationen, Tage, an denen sie jeden Mageninhalt ausspie und stets eine Nierenschale dabei hatte. Sie hatte noch anderthalb Jahre, würde ein Buch schreiben und ein Mal verliebt sein.

Ich fuhr in diesem Sommer mit meiner Familie nach Frankreich, Freunde besuchen. Nachmittags klingelte das Telefon, und Jennis Mutter rief an. „Jenni hat Krebs“, sagte sie. An diesem Abend lag ich im Bett, und dachte daran, dass sie voriges Jahr mit in Frankreich war, genau hier lag.

Unsere Elternhäuser stehen sich genau gegenüber in einer Einfamilienhaussiedlung in Wassenberg in Nordrhein-Westfalen, mit gepflegten Vorgärten und verputzten Fassaden. Wenn ich an meine Kindheit denke, ist Jenni immer mit dabei: im Baumhaus, beim Schaukeln im Garten, beim Badminton auf der Straße, beim Schlittenfahren. Sie war von klein auf meine beste Freundin. Als Teenie wäre ich ohne sie zu schüchtern gewesen, ins Jugendcafé zu gehen. Wir waren immer unterwegs: Disco, Freizeitpark, shoppen.

Ich habe viel von der Trauer verdrängt – und auch von der Krankheit. Ich habe nie gedacht, dass sie wirklich sterben könnte. Der Tumor saß an der Halswirbelsäule, war tennisballgroß und umklammerte ihre Nervenstränge, deshalb die Rückenschmerzen. Jennis Mutter nahm mich nach der Schule oft zum Krankenhaus mit, das ist eine Stunde weit weg. Wir machten weiter, wie bisher: redeten über Jungs, was es Neues aus der Clique gibt, wir lachten. Ein paar Mal fragte sie: „Anne, muss ich sterben?“ Ich sagte: „Ach was, das wird schon wieder.“

Ich dachte, meine Aufgabe ist, sie aufzuheitern. Jenni hat vom Krankenbett aus per Chat und Webcam geflirtet. Zwischen den Therapien war sie immer mal zu Hause. Wir sind Döner essen gegangen, haben in der Stadt Oberteile angeschaut. Jenni bastelte an ihrer Homepage, sie wollte Webdesignerin werden. Ich dachte, alles wird gut.

Im Oktober 2003 fielen ihre Haare aus. Sie stand vor meiner Tür und sagte: „Rasierst du mir den Kopf? Das sieht doch blöd aus, diese kahlen Stellen.“ Überall würden ihre Haare herumliegen. Wir sind ins Bad, haben den Schädel ganz glatt rasiert, und zum Schluss Glitzergel auf die Kopfhaut gerieben.

Irgendwann durfte ich sie nur noch mit Mundschutz besuchen, ihr Immunsystem war wegen der Chemo ganz schwach. Sie hat mir Einweg-Nierenschalen mitgebracht, falls sie mal kotzen muss, wenn sie bei mir ist. Von den Medikamenten war ihr ständig übel.

An einem Tag im Schwimmbad mit der Clique, als Jenni gerade zu Hause war, hab’ ich ihr Thomas vorgestellt. Einmal hat sie gesagt, sie wüsste selbst nicht, ob sie das machen würde, wäre sie gesund, jemanden zu nehmen, der keine Haare hat und so krank ist. Thomas sah das anders. Sie waren über ein Jahr zusammen.

Der Tumor wurde nicht kleiner. Er befiel Nerven und Muskeln, das ist selten und schwierig zu behandeln. Jenni bekam immer wieder Schmerzattacken, wie einmal beim Zeitungsaustragen, als sie mich begleitet hat. Sie musste sich auf den Boden setzen, krümme sich, jammerte. In solchen Momenten half gar nichts. Weder Worte, noch das Morphium, was sie zum Schluss bekam.

Mir half Musik. Techno, House. Ich wollte nicht nachdenken. Jenni machte eine Therapie nach der anderen, sie litt, sie schimpfte auf das Krankenhaus und die Kinder, mit denen sie auf der Station lag und derentwegen sie um 19 Uhr 30 das Licht löschen musste. Sie schrieb ein Buch über all’ die Prozeduren und ihre Gedanken zur Krankheit. Sie sah immer kaputter, bleicher aus. Ich konnte nicht mehr verdrängen, als Jenni eines Tages anrief und nur noch heulte.

Jenni war zwar motzig und jammerig, wenn es ihr schlecht ging, aber geweint hat sie bei mir fast nie. Sie hat geredet ohne Ende, Sprüche gekloppt und ist noch mit Tropf an der Hand im Krankenhaus im Karnevalskostüm, kurzem Rock und weitem Ausschnitt rumgelaufen. Jetzt sagte sie: „Anne, wenn diese Therapie nicht funktioniert, muss ich sterben.“

Jenni fuhr zu einem Geisterheiler. Der sollte den Tumor kleiner werden lassen. Ich konnte damit nichts anfangen. Sie stellte Fotos von einer ihrer Operationen ins Internet. Vielleicht, weil sie es erklären wollte, was so ein Tumor bedeutet. Ihr linker Arm war inzwischen gelähmt.

Meine beste Freundin war manchmal stolz darauf, dass sie bei den Krankenschwestern rumzickte oder ihre Mutter anfuhr. Ich war oft die, die sagte: „So nicht, auch wenn’s dir schlecht geht.“ Aber kann ich mit meiner kranken Freundin streiten? Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber Wochen, bevor sie starb, gab es großen Krach. Dann war Funkstille.

Vertragen haben wir uns erst im Wintergarten von Jennis Eltern. Unzählige Spieleabende haben wir hier gemacht. Jetzt lag meine Freundin dort in einem Krankenhausbett, einen Kittel um den Körper. Das war die einzige Kleidung, die ihr nicht weh tat. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, man konnte sie nicht anfassen, sie hätte sonst vor Schmerzen geschrien. Ich habe ihr auf Wiedersehen gesagt. Auf unsere Art – wir redeten über Jungs und die Clique. Als ich ging, sagte sie: „Du bist die Letzte, die kommen darf, dann ist Schluss. Ich bin ja hier kein Affe im Zoo.“

Drei Tage später war Jenni tot.

Ich habe ihr Buch nicht gelesen. Einmal habe ich es aufgeschlagen. Es war die Stelle, an der sie erfährt, dass sie sterben muss, wenn die nächste Therapie nicht anschlägt. Ich hörte Jenni sofort wieder heulend am Telefon, sah uns kauernd da liegen. Ich kann das noch nicht.

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