Werbinich : Okay, meine Suppe ess’ ich doch

Was essen, wenn zu Hause nur alte Brötchen und eine Tomate herumliegen? Ein neues Kochbuch hilft.

Ariane Bemmer

Wenn jemand sagt: Dinge, die ich tun muss, mache ich sowieso nicht, ist ja klar, dass der keine Kochbücher mag: Man nehme, man messe, man beachte unter gleichmäßigem Rühren.

Wenn dieser jemand dann selbst ein Buch mit Rezepten schreibt, kann das natürlich kein Kochbuch sein. Es ist ein Küchenzauberbuch. Sagt Jovanka von Willsdorf und freut sich quer über ihr Gesicht.

Es ist ein Buch, in dem viele Rezepte stehen und kleine Texte über Nahrung, Essen, Kochen. Jovanka hat sie lange, lange in einem Karton gesammelt, bevor ein Buch daraus wurde. Ein Text ist eine Trennungsgeschichte aus lauter Phrasen, die sich ums Essen drehen: auf den Keks gehen, in die Suppe spucken. Ein anderer ist ein Loblieb auf den Blätterteig („das wunderbarste Rahmenprogramm unter der Ofen-Sonne“) „Das Buch ist eine Einladung“, sagt sie. An alle, die was probieren wollen.

Aber Kochen macht doch so einen Dreck. Sie, Jovanka, hat ja sicher eine Geschirrspüle, die alles spült!

– Nein, sagt sie. Und behauptet im Buch: Wer kocht, muss nicht abwaschen. Und im Gespräch: Abwaschen sei meditativ. Sie könne dabei abschalten.

Aber sie hat viele Küchengeräte!

– Nein, sagt sie. Einen Pfannenwender und einen Sparschäler. Ein Sparschäler sei überhaupt das Tollste, sagt sie. Und ein Obstmesser hat sie immer dabei. In ihrer roten Tasche mit dem weißen Stern drauf. Es hat einen roten Glitzergriff. Einen Pürrierstab hat sie nicht. Trotzdem macht sie Suppen. Wie denn nur?

– Man kann das gekochte Gemüse auch mit der Gabel zerdrücken.

Man brauche keine Geräte und keine Rezepte. Man müsse nur wissen, wie Nahrungsmittel funktionieren, sagt Jovanka von Willsdorf. Sie hat einen Geschmacksadel ausgerufen (Thymian, Ingwer, Parmesan) und ein Kapitel in ihrem Buch widmet sich der Resteküche.

Sie sagt einem auch, was man im Kühlschrank haben sollte. Anchovis. Kokosmilch. Dosenmais. Brühwürfel. Wer solche Dinge zu Hause hat, kommt sich schon ziemlich wie ein Koch vor.

Man kann seinen Kühlschrank natürlich auch nur zum Bierlagern benutzen. Oder sich von Tüten-Graubrot mit Nutella (morgens) und mittelaltem Gouda (abends) ernähren. Aber man muss ja nicht stumpfsinnig sein. Sagt Jovanka von Willsdorf und freut sich wieder quer über ihr Gesicht. Man hat das Gefühl, wenn man nur etwas kochen würde aus ihrem Buch, würde man vielleicht von ihrer guten Laune etwas abbekommen.

Nutzwertfrage für alle, die trotzdem nicht kochen wollen: Welche Pizzeria ist für eine Küchenzauberbuchautorin die beste der Stadt?

– Wie heißt noch die Pizzeria in Kreuzberg am Kanal, wo man auch draußen sitzen kann?

Jovanka von Willsdorf ist schmal und blass, sie hat eine spitze Nase und blaue große Augen mit dunklen Sprenkeln drin. Ihre Fingernägel sind rot lackiert, so sieht man sie besser, wenn sie rumwirbeln. Sie ist Musikerin, ihre Zwei-Personen-Band heißt „Quarks“. Jovanka hat eine klassische Gesangsausbildung, die sie sich wieder abtrainiert hat, um ihre kleine, feine Elektropopwohnzimmermusik machen zu können. Nach was schmeckt Quarks-Musik? Da muss sie überlegen. „Auf Platte wie Koriander. Live wie Ingwer mit Rumms“, sagt sie dann.

Allerdings ist die Musik das anspruchsvollere Gewerbe. Aus einer Melodie ein Lied zu machen, sei kompliziert, sagt Jovanka von Willsdorf. Man müsse Instrumente beherrschen, das Handwerk.

Das geht beim Kochen schneller. Schneiden und rühren. Beim Kochen muss man eben die Zutaten kennen.

Wenn sie kocht oder Musik macht, hat das nur eins gemein: „das Willkommenheißen von Unfällen“.

Aber das geht natürlich nicht in einem Buch. Also wurde alles gegengekocht. Auch die „Gequälten Brötchen“, nach denen das Buch heißt (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 192 Seiten, 19,90 Euro). Den Titel hat eine Freudin erfunden, die Jovanka beim Herummatschen in alten Brötchen ertappte. Dass das Buch so heißen sollte, war ihre Bedingung an den Verlag. Dass es ganz anders aussieht, als viele sonstige Koch- und Küchenbücher, liegt an der Illustratorin Chrish Klose. Ein Verlagsmann hat die beiden jungen Frauen bekannt gemacht, sie stellten fest, dass sie sich mögen. Gekocht wurde bei Jovanka, die sich auch Nudeln auf die Haare legte und Verrenkungen machte, die Chrish dann gemalt hat. Und Pflanzen hat sie gemalt, Gemüse oder Blumen. Was man im Buch nicht sieht, sind fertige Gerichte.

Viel zu indoktrinär schon wieder. So und so muss etwas aussehen, dann ist es richtig. Und dazu erniedrigende Grammangaben. Nein, alles falsch. „Skrupellos und liebevoll“ solle man draufloskochen, sagt die Autorin, die auch so gute Ideen hat wie: Schoko-Osterhasen und -Weihnachtsmänner zerklopfen und ins Gefrierfach tun, bis sie in Kuchen oder Puddings eine letzte Verwendung finden.

Ihr Lieblingsspeise?

– Glückskekse.

Der letzte Spruch?

– „Starday! You have the mighty touch!“

Das beste Asia-Essen?

– Der Vietnamese in der Münzstraße.

Der beste Döner?

– Ess’ ich nicht.

Morgens um vier Uhr, Hunger nagt. Was hilft?

– Heißer Carokaffee.

Das kann auch jeder Nichtkoch. Heißes Wasser und Pulver. Auch einen Apfel zerschneiden kann jeder. Und vom Apfelschneiden bis zum Honig draufträufeln, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Jovanka von Willsdorf hofft, dass ihr Buch Barrieren abbaut.

Ein Lied von Quarks heißt „Königin“. Darin heißt es: „Wenn ich könnte,was ich kann, wäre ich Königin.“ Und von Königin bis Köchin ist es auch nicht weit.

Am 8. Oktober machen Jovanka von Willsdorf und Chrish Klose eine „Gequälte Brötchen“-Lesung. Motto: Sehen, hören, schmecken. Im Roten Salon der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, um 21 Uhr

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