Werbinich : Pein und Poesie

Dichten ist super. Aber eigene Werke fremden Leuten vorlesen? Und auf Applaus warten? Poetry Slam funktioniert so Wir haben Anass Mohsen gefragt, ob er Lust hätte. Er war oft unser „Poet der Woche“. Klar, hat er gesagt – und ging auf die Bühne

Anass Mohsen

Was ich hier wollte: Dieses volle Gefühl mitnehmen, das alle Gedanken von Klausuren und Spanischlernen wegbläst. Das beschwingt macht. Nur weil Wörter gesagt werden, die schlicht sind, aber so arrangiert, dass sie Gefühle greifbar wie Zahlen machen.

Wo ich gelandet bin: auf einem Stuhl im Club Bastard, in Prenzlauer Berg. Vor mir Menschen, hinter mir Menschen, aufgereiht auf Stuhlreihen. Auf der Bühne jemand, der einen gereimten Text vorträgt, oder besser: uns entgegenschleudert. Es ist ein Poetry Slam, ein Wettstreit, wer der beste Vorträger des Abends ist. Und ich, Anass, 19 Jahre, gehe da gleich rauf.

Es funktioniert genauso wie zuvor in Kreuzberg, als ich zum ersten Mal Gast war beim Poetry Slam. Es gibt einen Moderator, der die Autoren ankündigt, nacheinander dürfen sie rauf auf die Bühne und erzählen. Eine Jury gibt Punkte. Und das Publikum entscheidet per Höflichkeitsapplaus (nicht so toll) oder Lachen, Lachen, Lachen (so soll es sein) oder Jubelrufe (besser geht’s nicht), wer wie gut ist.

„Als wir nach Hause gingen, vergangene Woche nach dem Slam, schwiegen meine Freundin und ich auf dem Nachhauseweg. Ich dachte an die Worte des letzten Dichters, der schnelle Wortketten aneinanderreihte. Es hieß: „Was ich will“. Er wollte: groß sein, muskulös sein, ’ne Frau haben, geschlagen werden, schlagen. Und beendete seine Aufzählung mit: Ich will ein Wurstbrötchen. Irgendwie funktionierte das wunderbar, dieses Steigern und dann mit Nonsens brechen. „So müssen Texte sein“, dachte ich. Meine Freundin beschloss an diesem Abend, das Buch einer der Autorinnen – Rigoletti hieß sie, und erinnerte an „Carrie“ aus der Serie „Sex and the city“ – zu kaufen. Ich selbst beschloss, dass ich auch auf so eine Bühne will. Dass ich sehen will, wo meine eigenen Gedichte stehen.

Dumme Idee. Zwei Wochen später sitze ich hier, mein schwarzes Ringbuch in der Tasche, zwei ausgesuchte Texte darin, mein Name steht auf der Vorleser- Liste. Und denke: bloß weg hier. Der Typ da auf der Bühne ist gut. Zu gut. Er knallt uns Gründe um die Ohren, weshalb die Skandinavier ganz Europa einnehmen werden, wegen des Knäckebrots, wegen Ikea, und er macht das gut, alle lachen. Eine verdichtete Kurzgeschichte. Was, bitte, soll ich hier? Ich, mit meinen schlichten Gedichten? Die Leute hier sind eine ganz andere Liga. Außerdem ist das hier das Berliner Finale für die Deutsche Meisterschaft. Wer hier gewinnt, darf nach München fahren. Super. Das erfahre ich erst am Einlass. Bei der Anmeldung. Obwohl ich mich schon beim Poetry-Slam in Kreuzberg bei einem der Macher der Slams erkundigt habe. „Klar, mach mit“, sagte Wolfgang, und sagte kein Wort vom Finale. Jetzt bin ich hier. Egal. Ich werde da hochgehen. Und lesen.

Es gibt diese Sendung „Def Poetry Jam“ vom US-Fernsehsender HBO. Ich hab’ die früher immer geschaut, mein Lieblingsrapper Mos Def moderiert sie, alle möglichen Leute sprechen dort Gedichte vor: Asiaten, Weiße, Lesben, Schwule, Heteros, Non-Promis und Profis wie Kanye West, der Rapper. Ich dachte immer: Was für eine Sendung. Ich will da mal hin. Schreiben tue ich schon lange. Fünfzig Gedichte sind es mittlerweile ungefähr. Am Sonntagabend nach dem beeindruckenden Kreuzberg-Slam dachte ich: Jetzt hab ich das optimale Gedicht zum Selbstvortragen gefunden. Eigentlich sollte ich Spanisch lernen. Stattdessen bin ich mit einem Buch von Robert Gernhardt durch die Wohnung gelaufen, las, wie er von seinem Alk-Problem erzählt – und dachte: Das kennst du doch. Was ich mir mit siebzehn, vor zwei Jahren, für Probleme verursacht habe, mich aus Liebeskummer besoffen habe und dann in Diskos irgendwelche Ollen dumm angemacht habe. Das ist peinlich – aber ein super Stoff: Wie ich mich zum Idioten machte. Ich schrieb ein Gedicht, Nonsens, aber mit wahrem Hintergrund, es heißt „Gebrochen und Besoffen“. Ein paar Strophen daraus gehen so:

Heute Abend, da bin ich besoffen

Ich such mir ’ne neue Frau

Denn mir wurde mein Herz gebrochen

So fang ich an, da ist die erste

Für den Abend

Gewöhnlich die schwerste

Ich sage:

Hallo du, nein, ich will nich reden,

Nur etwas Spaß haben

Also lass uns direkt loslegen

Ich habe es säuberlich auf Karteikarten geschrieben, jede Strophe eine Karte. Die stecken jetzt in meiner Hosentasche, zusammen mit noch einem kurzen Gedicht namens „Das Passende finden“. Erleichterung: Der Typ, der jetzt auf der Bühne steht, ist einfach nur langweilig. Er mimt einen Kommentator, der über die Weltmeisterschaft der Kreuzworträtsel berichtet. Trotzdem wünsche ich mir: Bitte lass es noch ewig weitergehen. Sobald der fertig ist, werde ich auf die Fresse fliegen. Aber ich werde mich trauen. Mit Anstand auf die Fresse fliegen ist besser als weglaufen. Atmen, denke ich. Gleichmäßig.

Meine Freundin gibt mir einen Kuss. Der Moderator sagt: „Und jetzt Asnan!“ Mein bester Freund klopft mir auf den Rücken. Ich kann es nicht leiden, wenn man meinen Namen falsch sagt. „Ey! Ich heiße Anass!“, sage ich, „A-N-A-S-S, ganz einfach“. Ich gehe hoch zur Bühne, denke an mein Handy, das ist noch an, ich hab mich noch gefreut, als wir ankamen, wow, ein Klub, in dem ich Netz habe. Scheiße, hoffentlich ruft keiner an. „Hallo“, sage ich in das schwarze Loch Publikum hinein, geblendet von Scheinwerfern. „Das ist mein erstes Mal. Ich habe was Kurzes und was Langes, was wollt ihr?“ „Kurz!“, rufen ein paar Leute. Haben die keine Lust mehr?

Ich fange an. Schulterbreit stehen, fester Stand, die Tipps aus meinem Deutschkurs rattern mir durch den Kopf, ich lese eine Karteikarte, die nächste, ich bekomme nichts mehr mit, ob die da unten, hinter dem Scheinwerferkegel, lachen oder klatschen oder sich kratzen, keine Ahnung. Dann Stille. Fanden sie es nicht gut? Was tun? Ich sage „Ich bin fertig.“ Applaus. Ich denke: scheiße. Das ist bestimmt kein gutes Zeichen, dieser Ruhemoment. Ich will Wasser. Wie Rockstars zwischen den Songs. Mein Mund ist trocken. Es gibt noch kein bereitgestelltes Wasser für Poetry Slammer in Prenzlauer Berg. Ich lese weiter. Alles passiert mechanisch. Diesmal kommt der Applaus pünktlich. Der Moderator sagt: „Brauchst dir keine Sorgen zu machen, wir haben alle unser erstes Mal.“ Na super.

Ich sitze wieder unten im Publikum, und es ist noch schlimmer als zuvor. Mein Freund sagt: „Anass, hast du Drogen genommen? Nur ein Mal versprochen, super!“ Langsam merke ich wieder, dass ich atme. Ich höre die nächsten Texte, und kein Wort dringt zu meinem Verstand durch. Ich sehe mich selbst im Publikum sitzen, fehl am Platz. Ich bekomme 19 Punkte, das ist nicht mal das schlechteste Ergebnis, zwei andere Dichter bekommen noch weniger Punkte. Ist mir egal. Ich würde am liebsten nach Hause gehen. Aber das wäre respektlos. Ich bleibe, bis der Letzte fertig ist. Es gibt kein Eintauchen in die Worte, wie beim ersten Mal, als ich Zuschauer war. Es gibt kein Bewundern. Da ist nur Leere.

Als ich klein war, habe ich angefangen, Saxofon zu spielen. Ich konnte es überhaupt nicht, aber es hat Spaß gemacht. Ich habe weitergeübt. Auf der Dichterbühne habe ich gemerkt: Ich kann das noch überhaupt nicht – und es hat keinen Spaß gemacht. Ich werde weiterschreiben. Lesegedichte. Keine Vortrag-Gedichte. Vortragen werde ich nicht mehr. Es sei denn, ich darf aus meinem eigenen Buch vorlesen. Was ich hoffentlich in den nächsten zehn Jahren herausbringen werde.

Aufgezeichnet von Jeannette Krauth

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