Pferde beschlagnahmt : Ist der Huf erst ruiniert

Mehrfach bemängelte der Amtstierarzt die Pferdehaltung von Frau N. aus Linow, dann schritt er ein. Die teils verwahrlosten Tiere wurden beschlagnahmt und versorgt.. Doch Frau N. wehrt sich.

von

Die Männer sollen an diesem Tag vor zwei Wochen Ordnung in einen Haufen von mehr als 50 Pferden bringen, was eine zähe Angelegenheit ist. Sie treiben die Tiere, denen das nicht gefällt, einzeln oder zu zweit in ein schmales Rindergatter, verpassen ihnen einen Chip in den Hals, legen ihnen ein Nylonband mit einer Nummer um, impfen sie, entwurmen sie und notieren, wie die Tiere aussehen, wie menschengewohnt sie sind, welchen Eindruck sie machen. Der Ort, an dem die Männer dies tun, ist ein nie fertig gebauter Kuhstall in Zühlen bei Rheinsberg, in den es von vorne und hinten eiskalt hereinzieht, was die zügige Erledigung des Auftrags noch wünschenswerter macht. Und doch halten alle Männer – Tierärzte, Landwirte und Vertreter des Landgestüts Neustadt/Dosse – mit der Arbeit inne und schauen hoch, als die Nachricht sie erreicht: „Dahinten sind sie.“

Dahinten sind ein älterer Mann und eine junge Frau, die hinter dem Kuhstall, hinter einem Zaun noch, im Schnee stehen und durch ein Fernglas zu den Männern spähen. Die Pferde, die da sortiert werden, sind ihre gewesen, bis die Verbraucherschutzbehörde des Landkreises Ostprignitz-Ruppin mitsamt Staatsanwaltschaft auf ihrem Hof einrückte und sie beschlagnahmte.

„Tierwegnahme in Linow“ heißt der Kasus seither, und er ist in seiner Dimension einzigartig: Insgesamt 160 Pferde wurden der Tierhalterin Manuela N., deren Tochter und Mann nun in Zühlen am Zaun stehen, im März weggenommen, weil Verdacht bestand auf Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Die Tiere, hatte das Amt festgestellt, seien schlecht versorgt, einige in einem verwahrlosten Zustand, sehr junge Stuten seien tragend. Einen Großteil der Tiere hatte N. im Jahr 2012 einem Halter aus der Uckermark abgenommen, der mit einem Haltungsverbot belegt worden war. Doch auch N. versäumte dann mehrere Aufforderungen des zuständigen Amtstierarztes Matthias Rott, die Haltung auf ihrem Hof zu verbessern. Also erfolgte der Zugriff.

Die Tiere wurden in drei Gruppen auf drei Höfe in der Umgebung gebracht, einer davon in Zühlen. Dessen Chef steht in Gummistiefeln mit im Stroh zwischen den Pferden und hilft, sie zu dem Rindergatter zu treiben. Eine Tonne Heu würden die Pferde am Tag fressen, sagt er. Unglücklich muss er darüber nicht sein, der Landkreis bezahlt ihm seine Hilfe.

Video
Tierisch Berlin - Lämmer im Britzer Garten
Tierisch Berlin - Lämmer im Britzer Garten

Amtstierarzt Rott ist auch da. Er steht etwas abseits und schaut zu. Die Familienmitglieder von Manuela N. hinten am Zaun hat er gesehen. Mit ihnen reden? Wozu? Einsicht ist nicht zu erwarten. Ein Anwalt vertritt seit zwei Wochen die Halterin und kehrt alle Vorwürfe um. Nicht Manuela N. habe die Tiere schlecht versorgt, jetzt, unter Amtsaufsicht, würden sie mit schimmeligem Heu gefüttert, stünden auf rohem Beton, außerdem habe es unbegründete Tötungen gegeben. Rott wird zum Unterlassen verleumderischer Behauptungen über Manuela N. und ihre Tierhaltung aufgefordert, was den aber nicht anficht. Rott beobachtet die Pferdehaltung von N. seit gut einem Jahr, seit sie die Tiere aus der Uckermark übernahm. Aufgefallen ist der Betrieb schon zuvor, als er viel kleiner war, weil Tiere auf der Straße herumliefen. Die Bauern der Umgebung sagen, die Pferde seien ausgebrochen, um sich auf ihren Feldern satt zu fressen. Der umgekehrte Vorwurf lautet, Unbekannte hätten die Gatter absichtlich geöffnet. Die Polizeieinsätze jedenfalls, die die herumlaufenden Tiere auslösten, sind in der Gegend Legende.

Rott sagt, dass er der Halterin immer wieder Auflagen gemacht habe, die nicht erfüllt wurden. Wenn er dann mit Zwangsmaßnahmen wie einem Haltungsverbot ankam, hatte der Hof plötzlich einen neuen Chef, und das Prozedere aus Beobachten, Verwarnen, Auflagenmachen und Überprüfen ging wieder von vorne los. Fünf Mal habe kurz vor Vollstreckung von Zwangsmaßnahmen ein neuer Halter den Betrieb von Manuela N. übernommen, sagt Rott, deshalb kennt er für den Fall nur noch ein Adjektiv. Es lautet: „nervig“.

Sortieren und kennzeichnen. Amtstierarzt Matthias Rott (links) besucht die Männer, die die beschlagnahmten Pferde identifizieren. Die Tiere werden auf Formularen beschrieben, bekommen dann Entwurmungspaste aus der Einwegspritze ins Maul, wogegen die meisten sich wehren, was die Arbeit schwierig macht. Fotos: Ariane Bemmer
Sortieren und kennzeichnen. Amtstierarzt Matthias Rott (links) besucht die Männer, die die beschlagnahmten Pferde identifizieren....

Hinten am Zaun lässt die Tochter das Fernglas sinken. „So sehen doch keine verwahrlosten Tiere aus“, murmelt sie. Was stimmt. Die Tiere sind rund und machen einen zufriedenen Eindruck.

Weil sie sich bei uns fett gefressen haben, sagt drinnen der Chefbauer. Und Rott erzählt von den anderen zwei Gruppen, die auf anderen Höfen stehen, die schlimmer aussähen. Mehrere Pferde wurden von den Tierärzten bereits getötet. Eines wegen einer eiternden, nicht mehr zu behandelnden Wunde auf dem Rücken. Zwei Hengste, die aggressiv und gefährlich gewesen seien. Ein Pferd hatte einen Schnabelhuf, eins ein kaputtes Knie. In diesen Fällen erging bereits oder ergeht noch Anklage von Amts wegen gegen Manuela N.

Wie kommt es überhaupt so weit? Wieso hält jemand 160 Pferde, wenn er sie nicht versorgen kann? „Pferde-Messie“, sagt einer der Männer im zugigen Stall. „Überforderung?“, fragen andere. Ihre Mutter habe den Tieren helfen wollen, sagt die Tochter am Zaun. Deshalb habe sie die Pferde aus der Uckermark zu sich genommen.

Inzwischen sind alle beschlagnahmten Tiere untersucht und mit einem vorläufigen Pferdepass ausgestattet. Das Ziel des Landkreises ist es, die Pferde gruppenweise zu verkaufen. Ein erster Veräußerungsversuch wurde aber gerade auf Antrag von N.s Anwalt durch das Verwaltungsgericht gestoppt. Und Rott ist deshalb im Moment besonders genervt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben