Werbinich : Pinar oder Unverhofft

„Scheiß Türken“, „scheiß Deutsche“, das Standardprogramm. Irgendwann floss Blut. Und dann tauchte da dieses Mädchen auf

Laura Schlingloff

Okay.

Vielleicht sind an dem Abend wirklich ein paar Sachen blöd gelaufen. Vielleicht hätte ich mich nicht wirklich mit diesen Leuten treffen sollen, die dafür bekannt sind, in Auseinandersetzungen … nun ja, schlagkräftige Argumente einzusetzen … das hier ist ja schließlich Berlin und so.

Ich bin ja eigentlich ganz friedlich.

Vielleicht hätte ich aber auch nicht ganz so viel trinken sollen. Zuerst haben wir alle getrunken, weil wir uns gefreut haben, dass uns die Aldi-Tussi die 18 Jahre abgenommen und uns Wodka verkauft hat. Dann ging’s ans Bechern, weil wir uns gefreut haben, dass der Abend so schön und nett und lustig war. Und am Schluss ... keine Ahnung. Ich glaub, am Schluss war’s einfach die Freude daran, dass wir so betrunken waren.

Malte hatte dann schließlich die geniale Idee, wir könnten noch ein bisschen um die Häuser ziehen. Wie man das halt so macht.

Ich, noch weit von der Bewusstlosigkeit entfernt, war sofort gut gelaunt dabei. Gut gelaunt ging’s also los, man wurde quasi immer guter gelaunt.

Okay, vielleicht hätten wir den Zaun nicht eintreten sollen. Oder dem Protz-Mercedes seine Seite verkratzen. Oder die hässlichen rosa Rosen aus so ’nem Vorgarten abschneiden (obwohl das echt witzig war, also …). Oder die Schlägerei mit den Türken anfangen. Jaaa, ich geb fairerweise zu, wir haben angefangen. DIESMAL. Ernsthaft, wer von uns wurde noch nie von diesem Asim und seiner Clique auf der Straße angemacht??? Die sind echt schlimm. Ich bin ja wirklich nicht rechtsradikal oder so, aber die gehen einem total auf den Senkel. Mit ihren hässlichen Wannabe-Klamotten und den Wannabe-Handys und dem Wannabe-Schmuck und … auch ja. Asim haben alle ganz furchtbar lieb. Also, es war ziemlich spät. Halb zwei oder so. Und wir waren alle nicht mehr nüchtern. Dann ging’s halt los:

„Scheiß Türken“, „scheiß Deutsche“, das Standardprogramm. Irgendwann hat dann jemand von denen einen Spruch über Max’ Intelligenz (mit der es, zugegebenermaßen, wirklich nicht allzu weit her ist …) losgelassen, und wir haben ihn losgelassen, und er hat seine Faust losgelassen … ’ne Schlägerei halt. Nichts Besonderes. Wir sind ja alle gleich stark und so, und es war alles überhaupt kein Problem, bis Malte, dieser Riesenhornochse, der gedankenlose Trottel, ’nen Schlagstock rausholte. Wo auch immer der den herhatte.

Auf jeden Fall ging alles plötzlich furchtbar schnell. Wie, wenn man beim Videorekorder auf Vorspulen drückt. Und dann ganz plötzlich auf Pause, und da liegt dann Asim am Boden, mit schrecklich viel Blut – Himmel, ich wusste gar nicht, dass so viel Blut aus so ’ner kleinen Wunde laufen kann – und zack! Sind die anderen alle weg. Stand-by. Keine Ahnung, warum ich mich nicht auch einfach verdrückt hab. Wär vermutlich das Beste gewesen. Aber dass ich ’nen Typen einfach so liegen lasse – noch dazu, wo ich irgendwo auch daran schuld bin – nee, nee.

Verantwortungsbewusstsein und so. War mir neu, dass ich so was besitze.

Ich hab also das Handy rausgeholt, den Notdienst angerufen und mich hinter die nächste Hausecke verkrümelt – ja, okay, ich wollte sehen, wie’s weitergeht.

Auf jeden Fall tat’s das dann nicht wirklich so, wie ich’s erwartet hab …

Nach ein paar Minuten hab ich mich nämlich verliebt. Oh ja. Wirklich und wahrhaftig. Nein, ich hatte keine plötzliche Gefühlswallung für den am Boden liegenden Asim, und ich glaub nicht mal, dass es am Alkohol lag.

Gelegen hat’s an einem winzig kleinen, winterlich angezogenen türkischen Mädchen, das, wie ein Rohrspatz schimpfend, auf Asim zugerannt kam. (Schimpfend auf Türkisch, wohlgemerkt – so dass ich leider Gottes nicht verstanden hab, was sie da keifte.) Das steht sie also und heult und schreit und scheint vollkommen, also ich mein’ wirklich ganz und gar, nicht mit der Welt klarzukommen … und ich sitz in meiner dunklen Ecke und ZACKBUMM! bin ich verliebt.

O Gott. Liebe. Wirklich. Ein riesengroß gigantisches Wort. Wie Tod oder so. Liebe … das kann man echt irgendwie gar nicht in Worte fassen. Wie können nur irgendwelche Dichtertrottel dieses Wahnsinnsgefühl in abab-Reimschema und Versform und so verpacken? Als ob das möglich wär. Ich hab mich wie in ’nem anderen Universum gefühlt. Wie im Himmel.

Und plötzlich war ich wieder zu Hause, wieder ich selbst. Hallo? Verliebt? Ich kannte das Mädchen nicht mal. Ich hatte sie vor ein paar Sekunden das erste Mal gesehen. Und oha, da kam auch endlich der Krankenwagen. Also ab nach Hause, ins Bett, ausnüchtern....

Wie diese Geschichte weitergeht, kann man nachlesen in der Broschüre mit allen Preisträgertexten, zu bestellen bei der Landeskommission gegen Gewalt, Tel. 9026-5425 / -5453 oder auszuleihen in der Mediathek der RAA Berlin, Chausseestr. 28, Tel. 2404-5100.

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