Werbinich : Prinz Pi in Afrika: Beats mit Botschaft

Mails aus Tansania: „Prinz Pi“, Szene-Rapper aus Berlin, ist nach Afrika gereist und schreibt mit Straßenkids Hip-Hop-Lieder über Aids und Armut

André Görke
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Grüße nach Berlin! Friedrich posiert mit der örtlichen Rapcrew. Nur: Was macht der Typ eigentlich ganz vorne?Foto: No Peanuts

Hallo Berlin. Sitze im Flugzeug nach Dar Es Salaam, Tansania. Im Flugzeug zeigen sie den Film „Bourne Identity“. Mein Sitznachbar schnarcht wie verrückt und an meiner Schläfe ist nach all den Flugstunden der Abdruck der Armlehne zu sehen. Ach ja, wir müssen in Nairobi umsteigen, in Kenia. Und weil dort Bürgerkrieg herrscht, hat der Steward beim Einchecken in Tegel allen Ernstes gesagt, dass „der Trip euer letzter sein könnte“.

Diese Mail hat uns Friedrich Kautz vor ein paar Tagen geschickt. Er kommt aus Zehlendorf, ist 28 Jahre alt und besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Prinz Pi“ (früher hieß er mal Prinz Porno, aber das ist eine andere Geschichte). Friedrich ist eine ziemlich bekannte Nummer in der Hip-Hop-Szene, weil er sich vom Gangstergehabe absetzt und lieber mit der Sprache spielt und sozialkritisch rappt. Er tritt auf den wichtigsten Hip-Hop-Festivals auf und hat 24 Platten veröffentlicht (und auch ein Lied mit Frank-„Ohne Helm und Ohne Gurt“-Zander, aber egal). Seit einer Woche rappt er in Tansania bei der „Virus Free Generation Hip-Hop Tour“, finanziert wird das Projekt von der Europäischen Union.

„Hallo Berlin. Die Straßen strotzen vor Müll, der einfach abgefackelt wird. Es ist verdammt heiß und unser Mückenzeug, naja: überflüssig. Das Zeug hilft vielleicht im Görlitzer Park, aber definitiv nicht in Afrika. Wir fahren in die Townships, um mit Jugendlichen Musik zu machen. Wir sehen bunte Graffiti, aber keine Crewnamen, sondern Parolen wie: „Don’t give up!“.

Jeder Fünfte in Tansania ist mit dem HI-Virus infiziert, weit mehr als sieben Millionen Menschen. Die Leute von der „Virus Free Generation Hip-Hop Tour“ wollen mit afrikanischen MCs zusammenarbeiten, Songs schreiben, in denen es um Aids geht, eine Dokumentation drehen. Und sie wollen sensibilisieren, dass da eine gewaltige Seuche tobt. Bis 4. April ziehen deshalb fünf europäische Musiker durch den Süden Afrikas, auch nach Malawi, Namibia und Südafrika. Friedrich wurde als einziger Musiker aus Deutschland eingeladen. Als Kind war er in Afrika, „Strandurlaub in Marokko“, sonst nie. In Tansania wohnen sie in einer stickigen Jugendherberge. Zum Frühstück gibt’s angefaulte Mango. Alle haben Durchfall.

„Hallo Berlin. Überall Straßenkinder. Sie bilden Gangs, um Schutz zu haben. Sie verticken Klebstofftüten zum Schnüffeln und bieten ihren Körper für Sex an. Aids ist ein Don’t-Thema. Wir versuchen, die Musik als positiven Virus, der alle ergreift, zu beschreiben. So nähern wir uns dem HI-Virus, ohne erhobenen Zeigefinger.“

Bis Sonntag ist Friedrich noch in Tansania, fast 7300 Kilometer von seiner Freundin entfernt. In Deutschland, seien wir ehrlich, ist Aids zum politisch korrekten Randthema verkommen. Dabei sagen die Statistiken: In Deutschland leben 56 000 Menschen mit einer HIV-Infektion.

„Hallo Berlin. Die Bar, in der wir bis tief in die Nacht Cocktails tranken, könnte sich auch in Kreuzberg befinden. Die Leute tragen lässige Klamotten im Hip-Hop-Stil. Leider fällt hier oft der Strom aus, deswegen hapert es beim Computer-Workshop. Die Kids sind diszipliniert, immer. Sie wollen unbedingt lernen, wie ein Dokumentarfilm geschnitten wird, wollen wissen, was wir in Europa für Musik machen. In Berlin wären sie mustergültige Schüler.“

Die Straßenkinder bekommen keinen Plattenvertrag, hier spielt keiner D.S.D.A., also „Deutschland sucht den Afrika-Star“. Es geht darum, mit der Hilfe einfach mal anzufangen, von jungen Leuten zu jungen Leuten,ein Generationenprojekt – es müssen ja nicht immer 1000 Kameras dabei sein, wenn sich mal ein Politiker im Anzug in die Slums verirrt. Es ist doch so: Geht es bei uns um Afrika, hören wir immer nur Kriege und Seuchen. Und sonst?

„Hallo Berlin. Vor uns stand eben ein 7-jähriger Junge, der hat so leidenschaftlich gerappt wie 2Pac. Er rappte auf Suaheli.“

Hip-Hop ist Jugendkultur, funktioniert auch in Afrika, ohne Glitzer-Glitzer und Gangbang. Musik berührt eben mehr als eine Straße, die gebaut wird. Sie haben dort einen Hip-Hop-Sender, der so populär ist in Afrika wie MTV. Aber wer erzählt so etwas schon den Europäern?

„Hallo Berlin. Eine Woche ist vorbei, die Eindrücke erschlagen mich. Viele Kids wissen nicht, wie alt sie sind und wer ihre Eltern sind. Aber sie haben mit uns Weißen Spaß, sagen sie. Sie lachen, ja, sie lachen oft.“

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