Werbinich : „Privatleute könnten in Schulen viel mehr tun“

-

Frau von Stechow, Sie sind keine Politikerin, keine Wissenschaftlerin oder Schulleiterin – was hat Sie auf die Idee gebracht, als Privatperson ein Schulprojekt in Wedding zu initiieren?

Ich betreue seit vier Jahren ehrenamtlich in einer Weddinger Grundschule Kinder bei den Hausaufgaben. Dort erlebe ich immer wieder, welche Sprachmängel die Kinder haben; dabei sind viele von ihnen so begabt! Ich wollte also etwas tun, um Kinder mit Migrationshintergrund zu fördern, in dem Alter, in dem sie Sprache noch leicht erlernen können. Nach Gesprächen mit der Direktorin der Anna-Lindh-Schule und mit den Theaterpädagoginnen Ulrike Hentschel und Kristin Wardetzky von der UdK wurde mir klar: Das Erzählen von Märchen ist dazu ein hervorragender Weg. Wir haben ein Konzept erarbeitet, ich habe Sponsoren gesucht, denen ich sehr dankbar bin, und nun läuft das Projekt seit September.

Warum ist es so wichtig, dass Kinder Märchen erzählt bekommen?

Das Erzählen von Geschichten gehört zu den Grunderfahrungen aller Kulturen. Denken Sie an die wandernden Sänger, die bis zu Grimms Zeiten das Kulturgut weiter getragen haben! Leider ist das heute völlig verloren gegangen. In vielen Familien wird weder erzählt noch vorgelesen, und in der Schule wird die Sprache überwiegend in analytischen Brocken vermittelt, wie es die Fibeln vorgeben. In Märchen dagegen erfahren die Kinder ein ganzheitliches Sprechen, sie erweitern ihren Wortschatz, lassen sich aus dem Alltag entführen und entdecken etwas, was sie später sonst vielleicht in Drogen suchen: die Freude an der Einbildungskraft des Menschen. Diese Freude ist auch die entscheidende Grundlage, um später gerne zu lesen.

Es gibt bereits viele Projekte, die das Vorlesen fördern. Was ist beim freien Erzählen anders als beim Vorlesen?

Vorlesen ist schön – man sitzt zu zweit vor einem Buch und guckt rein. Beim Erzählen aber guckt man sich an, hat den direkten Kontakt, der vielen dieser Kinder fehlt. Oft haben sie ja niemanden, der zusammenhängend mit ihnen spricht – auch nicht in ihrer eigenen Sprache, die sie ebenfalls nur mangelhaft beherrschen.

Haben Sie Ihren fünf Kindern früher vorgelesen oder frei Märchen erzählt?

Ich habe eher vorgelesen, das ist ja auch für die meisten Eltern, Erzieher und Lehrer der leichtere Weg. Es ist aber möglich, Lehrer zum freien Erzählen auszubilden – die Sprache des Märchens ist erlernbar. Das Erzählen von Märchen sollte in den Unterricht eingebaut werden, und dazu will unser Projekt beitragen.

Würden Sie auch andere Privatleute ermuntern, sich mit Projekten an Schulen zu wenden? Welche Voraussetzungen sind nötig, damit so etwas gelingt?

Man darf sich nicht reindrängen, sondern sollte vorsichtig und ganz im Einklang mit der Schulleitung und den Lehrern arbeiten. Wenn die Lehrer sich überrollt oder gestört fühlen, kann das nicht funktionieren. Bereits jetzt engagieren sich ja viele Menschen in Schulen, etwa die Lesepaten, die der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller vermittelt. Aber es könnte noch viel mehr geschehen! So viele Menschen könnten zum Beispiel Patenschaften für einzelne Kinder übernehmen und sie fördern. In diesem Land braucht sich niemand zu langweilen, es gibt so viel zu tun.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

Marie-Agnes von Stechow (61) ist die Initiatorin des Projekts „Erzählen und Spielen“ an der Anna-Lindh-Schule. Die studierte Germanistin und Romanistin hat fünf Kinder.

0 Kommentare

Neuester Kommentar