Pro Reli : Wie halten es Berliner Schüler mit der Religion?

Seit Monaten zanken sich Eltern über Pro Reli. Nur: Was sagen die, um die es geht? Hier reden die Schüler.

 Anna Corves
Schüler Pro Reli
Sie mussten schon wählen: Güney, Fabio, Laura und Nasrin (v.l.) sprachen mit uns über Ethik und Religion. -Foto: Uwe Steinert

Die Schöningstraße in Wedding. Aus der schlichten Mietshausreihe sticht eine Werksteinfassade hervor, die Hausnummer 17, das Lessing-Gymnasium. Es ist 11.45 Uhr, noch Pausenzeit, wie unschwer zu bemerken ist. Auf der Straße, vor der Schule und im Hof dasselbe Bild: Kapuzen, Kopftücher und Baseballmützen. Geschrei und Gelächter überall. In der angestaubten Schulbibliothek hingegen, unten im Keller, ist es still.

Hier sitzen Laura Studen, Güney Cicek, Fabio Inserra, alle 16, und Nasrin El-Bandar, sie ist 15 Jahre alt. Die vier Schüler gehen in die zehnte Klasse, in die 10c. Und auch sie wurden in den vergangenen Monaten von einer Diskussion verfolgt, wie so viele in der Stadt: Sollten Schüler zwischen Ethik- und Religionsunterricht wählen können? Bisher ist Religion ja freiwillig, Ethik für alle Pflicht.

Die Initiative Pro Reli warb mit Plakaten, mit Promis, sammelte Unterschriften - und hatte vor zwei Tagen Erfolg. Mehr als 300.000 Berliner haben unterzeichnet, der Volksentscheid ist damit zugelassen, im Sommer wird abgestimmt. Die einen Eltern jubeln, die anderen sind sauer. Aber so geht das ja seit Monaten.

Nur: Was sagen eigentlich die, die zwar nicht wählen dürfen, weil sie noch nicht 18 Jahre alt sind - um die es aber doch letztendlich geht? Was sagen die Schüler?

Kein Islamunterricht am Lessing-Gymnasium

"Das Thema Pro Reli betrachten die Erwachsenen doch eher aus ihrer Sicht", sagt Güney. Und Laura meint: "Dabei geht es um uns, die Schüler - da sollte unsere Meinung eine größere Rolle spielen." Im Schulunterricht war die Debatte schon Thema, aber eher ein unaufgeregtes. Sie wissen es ja besser, denn sie, die Schüler der zehnten Klasse, sind die Experten.

Ihre Klassenstufe hatte nämlich das, was Pro Reli heute so formuliert: Die freie Wahl. Die vier Schüler sind Relikte eines Modellversuchs, den das Lessing-Gymnasium 1994 startete, und der gerade ausläuft. Sie konnten sich zwischen Ethik und Religion entscheiden.

Fabio hat den katholischen, Laura den evangelischen Religionsunterricht gewählt: Sie wollten mehr über ihren eigenen Glauben wissen - aber nicht nur über den, betonen beide. "Wir lernen viel über andere Religionen. Unser Lehrer geht damit offen um und versucht auf keinen Fall, uns irgendwie auf katholisch zu trimmen", erzählt Fabio. Die Bibel? Ach, die wird doch heutzutage eh nicht so oft in der Schule gezückt.

Güney und Nasrin sind Muslime. Sie haben Ethik gewählt - und nicht nur, weil es am Lessing-Gymnasium keinen Islamunterricht gibt. "Würde der angeboten werden, hätte ich nichts dagegen", sagt Güney. "Aber ich würde bei Ethik bleiben. Für mich ist meine Religion Privatsache." Von den insgesamt 29 Schülern der Klasse 10c besuchen sechs den evangelischen, vier den katholischen Religionsunterricht. Die meisten Jugendlichen haben sich für Ethik entschieden, auch einige, die einer christlichen Konfession angehören.

Schüler wollen keine Noten

Laura, Nasrin, Güney und Fabio finden es gut, dass sie dank des Modellversuchs frei wählen durften. Können sie verstehen, warum sich die Gegner von Pro Reli für einen gemeinsamen Ethikunterricht aller Schüler einsetzen? Fabio überlegt eine Weile, dann meint er: "Ich bin zwar generell für das Fach Religion. Aber ich kann das Argument verstehen, dass es besser ist, wenn ein neutraler Lehrer alle unterrichtet." Sonst gäbe es ja vielleicht in einer Klasse drei unterschiedliche Sichtweisen über andere Religionen, meint er. Die evangelische, die katholische, die aus dem Ethikunterricht.

Nasrin schüttelt heftig den Kopf: "Aber darüber kann man ja dann diskutieren!"

Fabio widerspricht: "Das bekommt man doch gar nicht mit!"

Güney vermittelt: "Die Lehrer versuchen doch, das so zu erzählen, dass es aus der gleichen Perspektive gesehen wird."

Sucht, Todesstrafe, Sterbehilfe - gerade weil es bei Ethik und Religion auch um so heikle, moralische Themen geht, legen die vier Schüler auf eine Sache besonders viel Wert: Für Ethik- und Religionsunterricht sollte es keine Noten geben.

So ist es auch im Modellversuch von 1994 geregelt. In der 10c wird die Teilnahme an Ethikstunden lediglich auf dem Zeugnis vermerkt, die Religionsschüler erhalten von den Kirchen ein separates Zeugnis. Damit unterscheidet sich das Versuchsmodell von dem Konzept, das Pro Reli fordert, wonach beide Fächer staatlich benotet würden.

Die Schüler wirken gelassen und tolerant

Für Güney gibt es da ein Problem: "Religion hat was mit Glauben zu tun. Den kann man schlecht benoten."

Und Laura meint: "Religion und Ethik behandeln Themen, bei denen es um unsere eigene Meinung geht. Würde es Noten geben, könnten wir die kaum äußern." Fabio sieht das ähnlich. Aber wichtiger ist ihm, dass die Fächer gerecht behandelt werden. Wenn schon Noten, dann für beide. Deswegen findet er die Regel schlecht, die seit dem Schuljahr 2006/2007 für die anderen Schüler gilt: Ethik als Pflichtfach wird benotet, für Religion gibt es als Extra-Fach keine Zensur. Fabio findet das unfair und zwar gleich in doppelter Hinsicht. "Durch die Note hat Ethik eine viel höhere Bedeutung", sagt er. Und zweitens: "Wer kommt schon freiwillig zur achten oder neunten Stunde?" Da gibt es schönere Zeitvertreibe, wie Fußball oder Kino. Niemand solle für seine Wahl bestraft werden.

Ohnehin wirken die vier Schüler sehr gelassen und tolerant, was die ganze Debatte angeht. "Ich habe volles Verständnis dafür, dass Leute Religion wählen und die Religionsleute haben Verständnis für uns, dass wir Ethik wählen", sagt Güney. "Nach der Stunde kommen wieder alle als Freunde zusammen."

In ihrer Klasse haben zwei Drittel der Schüler einen Migrationshintergrund, verschiedene Kulturen und Religionen sind einfach normal. "Man weiß gar nicht, wer welchen Glauben hat", sagt Nasrin. "Das ist doch auch unwichtig. Man ist befreundet, seit Jahren schon."

Halten sie dann die öffentliche Diskussion darüber, was die bessere Wertorientierung bietet - Ethik als Pflichtfach oder das Recht auf Religionsunterricht - für überflüssig? Die Schüler lächeln. Güneys Antwort ist diese: "Bei uns ist das kein Problem. Ich hab ja gesagt, man sollte das mehr aus der Sicht der Schüler sehen."

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