Werbinich : Probeabitur und Büchner–Herbst

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Die erste Herbstferienwoche ist um, die zweite erheblich angeknabbert – und schon packt Schüler und Lehrer die unangenehme Gewissheit, dass die Zeit wieder viel zu schnell vorbeigeht. Denn dieses Jahr sind die Berge auf den Schreibtischen wegen des Probeabiturs besonders hoch. Die Deutschlehrer haben das zweifelhafte Vergnügen, sich durch Hunderte Seiten mit Schülertexten rund um Büchners Prosa zu wühlen, den Englischlehrern geht es nicht besser. Wenig tröstlich mag da die Vorstellung sein, dass die Schüler ebenfalls über ihren Schreibtischen brüten müssen, um sich auf die noch ausstehenden Probeabiturarbeiten in Mathematik und den anderen Fremdsprachen vorzubereiten.

Noch ist nicht absehbar, wie die Berliner Schüler bei dem ersten zentralen Abitur nach der Wende abschneiden werden. Sicher ist aber, dass es von Lehrerseite schon jede Menge Kritik am jetzt erprobten Verfahren gibt. So will ein Fachbereichsleiter gehört haben, dass sich Schüler telefonisch über die konkrete Abituraufgabe ausgetauscht haben sollen – am Tag vor der Prüfung. Er vermutet, dass der betreffende Deutschlehrer die Aufgabe ausgeplaudert hat – aus Angst, seine Schüler nicht gut genug auf das Thema vorbereitet zu haben. Der Fachbereichsleiter hielte es deshalb für besser, wenn die Aufgaben künftig nicht schon am Tag davor, sondern erst am Morgen der Klausur bekannt gegeben werden.

Andere Lehrer bedauern, dass Vielfalt verloren gehe, weil sie die Schüler einseitig auf die erwarteten zentralen Themen vorbereiten müssen: Dieses Jahr werde ein regelrechter Büchnerjahrgang herangezüchtet. Und dann gibt es da noch den Einwand, dass manche Schüler an drei zentralen Prüfungen teilnehmen müssen, andere aber nur an einer – je nachdem, welche Abiturfächer sie gewählt haben.

Wie auch immer die Diskussion endet – sie muss geführt werden. Nach den Ferien geht’s los. sve

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