Werbinich : Probleme – brühwarm

Susanne Vieth-Entus

Einen Unterschied zwischen Flächenländern und Stadtstaaten lernte Berlins neuer Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gleich in seiner ersten Arbeitswoche kennen: In Flächenländern wie dem ihm vertrauten Rheinland-Pfalz beschweren sich Eltern im nächsten Rathaus, wenn Unterricht ausfällt; in Stadtstaaten wie Berlin dagegen wenden sich die Betroffenen direkt an die Regierung, sprich: Zöllner. Deshalb bekommt er zurzeit im Rahmen eines „etwas anderen Adventskalenders“ von Eltern jeden Tag brühwarm übermittelt, an welcher Schule in Steglitz-Zehlendorf gerade wie viele Lehrer oder Erzieher krank sind, zur Vertretung woanders hingeschickt werden oder in Pension gehen.

Mal sehen, wie dem Senator, der es gewohnt ist, in großen Dimensionen zu denken, so viel Kleinklein bekommt. Momentan lautet seine Devise, dass die Schulaufsicht vor Ort die Probleme lösen soll. Das ist an sich richtig, nur hat das auch schon sein Vorgänger Klaus Böger versucht und war damit nicht immer erfolgreich. Denn die Schulaufsicht besteht aus Schulräten sehr unterschiedlicher Qualität, was man beispielsweise am jahrelangen Niedergang der Rütli-Schule beobachten konnte.

Aber selbst wenn ein Bezirk gute Schulräte hat, kann er doch keine neuen Lehrer backen. Das weiß auch Zöllner, weshalb er das Thema „Vertretungslehrer“ mit Hochdruck bearbeitet. Schon nächste Woche will er nicht nur die aktuelle Unterrichtsausfallstatistik vorstellen, sondern auch sagen, wie es weitergehen soll mit dem dringend erwarteten Budget für den Vertretungsunterricht.

Bleibt die Frage, auf welche Weise sich der Senator dem anderen großen Problem nähern will, das in der vergangenen Woche mit großer Deutlichkeit aufgebrochen ist – der akuten Überforderung vieler Lehrer. An etlichen Schulen breitet sich offenbar eine bedrohliche „Land-unter-Stimmung“ aus angesichts der Unmengen von Reformen und zentralen Prüfungen, die formal, organisatorisch und inhaltlich gestemmt werden müssen. Dem beizukommen, ist die diffusere und deshalb schwierigere Aufgabe für Zöllner.

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