Werbinich : Promis persönlich porträtiert

von

Hans Baluschek brachte den Kaiser zum Schäumen. „Ein Rinnsteinkünstler!“, schimpfte Wilhelm II. Nur Verachtung hatte er übrig für den sozialkritischen Maler. Müde Arbeiter auf dem Weg zur Frühschicht, Tingeltangel – so etwas wollte Seine Majestät auf Bildern nicht sehen. Der öffentliche Kunstgeschmack scherte sich nicht darum. Trotz des kaiserlichen Verrisses bekam Baluschek viel Anerkennung, schon wegen seiner Illustrationen zu „Peterchens Mondfahrt“. 1929 erhielt er eine Ehrenwohnung im Atelierturm der Siedlung Ceciliengärten in Friedenau.

Nachlesen kann man das in dem Band „Prominente in Berlin-Friedenau und ihre Geschichten“ von Harry Balkow-Gölitzer – dem sechsten einer Reihe über Persönlichkeiten in den noblen oder unter Künstlern angesagten Ortsteilen des Berliner Westens. Auch diesmal stellen die spannend geschriebenen Porträts 17 höchst verschiedene Berliner aus Literatur, Kunst und Politik vor, so Marlene Dietrich, den Kabarettisten Werner Finck, Harry Frommermann, den Gründer der Comedian Harmonists, die Sozialreformerin Elly Heuss-Knapp, Kritiker Friedrich Luft, Kurt Tucholsky oder Günter Grass.

Schon gewusst, dass Bully Buhlan, Schlagergesicht der Fünfziger, in der Handjerystraße 77 so laut Piano spielen durfte, wie er wollte, weil die Nachbarn stolz waren auf ihren Promi? Dass Rosa Luxemburg oft bei den Sozialdemokraten Luise und Karl Kautsky in der Saarstraße 14 zu Gast war? Solche persönlichen Geschichten sind die Stärke des Buches. Es ist weit mehr als ein Friedenauer Prominenten-Lexikon. Christoph Stollowsky

Harry Balkow-Gölitzer: Prominente in Berlin-Friedenau und ihre Geschichten. be.bra Verlag Berlin. 288 Seiten, 19,95 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben