Werbinich : Rebellen mit College-Abschluss

Doors-Gründer Ray Manzarek erklärt, wie es war, vor 40 Jahren jung zu sein – und was daraus wurde Kommende Woche spielt er mit Robby Krieger und den „Riders on the Storm“ in Berlin

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Gut 40 Jahre ist es her, dass in Los Angeles zwei junge Männer, Ray Manzarek und Jim Morrison, eine Band gründeten. In der Folge wurden The Doors eine der bedeutendsten Rockgruppen der Welt. 1971 starb Morrison, danach löste die Band sich auf. Kürzlich taten sich Manzarek und Doors- Gitarrist Robby Krieger wieder zusammen, jetzt kommen sie mit dem neuen Sänger Ian Astbury nach Berlin. Wegen eines Rechtsstreits nicht als The Doors, sondern als „Riders on the Storm“. Lars von Törne, Jahrgang 1969, ließ sich von Manzarek, Jahrgang 1939, erklären, wie es sich vor 40 Jahren anfühlte, jung und wild zu sein.

Herr Manzarek, ich habe hier ein Foto von Ihrer Europatournee 1968. Da sehen Sie ziemlich wild aus, aber Ihr Publikum trägt Schlips und Kragen, kurze Haare …

Sehen Sie: Diese Oldtimer stehen für das, gegen das wir rebelliert haben!

Was für eine Atmosphäre war das damals, 1965, als Sie die Doors gründeten?

Oh, das könnt ihr jungen Leute euch gar nicht mehr vorstellen. Als wir Anfang, Mitte 20 waren, haben wir ernsthaft gedacht, wir könnten die Welt verändern. Einen Ort der Freiheit, Harmonie und Liebe schaffen. Wir haben danach gestrebt, wahre Christen zu werden …

Sie hören sich an wie ein Prediger.

Mit Kirche hat das nichts zu tun. Uns ging es darum, den Zielen von Jesus Christus zu folgen, der sagte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das war es, was wir wollten. Wir betrachteten die anderen Menschen als Fortsetzung von uns selbst. Die Einheit aller Dinge.

Klingt abgedreht.

Nun, wir haben LSD genommen, Pilze, Pejote, bewusstseinserweiternde Substanzen. Wir haben die Pforten der Wahrnehmung geöffnet und sind auf die andere Seite gelangt. Das war eine Zeit, in der junge Menschen nach Aufklärung strebten und die Welt vor jenen Katastrophen schützen wollten, die uns heute wieder bedrohen – Krieg, Hass, Gewalt.

Glorifizieren Sie die Vergangenheit nicht ein wenig?

Glauben Sie mir, es war ein enormer Umbruch. Aber das versteht ihr jungen Leute erst, wenn auch ihr die Pforten eurer Wahrnehmung öffnet.

Denken Sie mit Nostalgie zurück?

Natürlich, es war die Zeit, als wir jung und hart und verrückt und verliebt waren – lebendig eben. Wir hatten einen neuen Stamm gegründet von Menschen, die anders leben wollten. Wir liebten einander, liebten die Erde. Wir waren die Generation, der die Welt offen lag. Der Krieg war vorbei, wir waren die Ersten, die ihr Leben frei bestimmen konnten. Und wir machten etwas anderes draus, als unsere Eltern es geplant hatten. Ich zum Beispiel sollte Rechtsanwalt werden. Und Jim Morrison sollte zur Marineakademie gehen oder Diplomat werden.

Stattdessen wurden Sie Rockmusiker. Das muss ein Schock für Ihre Eltern gewesen sein.

Absolut. Das war revolutionär. Das hatte es vorher nicht gegeben. Alle sagten: Musik? Davon könnt ihr doch nicht leben! Aber wir haben den Sprung gemacht. Das war das Besondere an jener Zeit: Wir haben uns der göttlichen Energie hingegeben – und wurden gerettet.

Hört sich ziemlich abgehoben an.

Aber so waren wir damals nun mal drauf: psychedelisch.

Wieso stachen die Doors aus dieser allgemeinen Jugendbewegung so heraus?

Vielleicht weil unsere Musik auf Jazz und Blues basierte und nicht diesen Country-Sound hatte, diesen Jingel-Jangel-Gitarrenklang. Und wir bestanden im Gegensatz zu anderen Bands aus Leuten mit College-Abschluss, wir kannten unsere Philosophen wie Nietzsche und wussten etwas über europäische Künstler wie Brecht und Weill.

Wie wichtig waren Äußerlichkeiten, Ihre langen Haare zum Beispiel?

Das war revolutionär. Die Norm war bis dahin, dass alle mit Armeehaarschnitten rumliefen. Wir ließen unsere Haare wachsen und zeigten: Wir sind kein Teil des militärisch-industriellen Establishments mehr. Wir sind wild und frei.

Ihre Band war berühmt auch für die sexuellen Anspielungen …

Ja, die waren sehr wichtig, auch wenn wir das gar nicht absichtlich einsetzten. Es war einfach das erste Mal, dass man auf der Bühne freizügiger sein und Sexualität thematisieren konnte.

Hin und wieder wurde Jim Morrison deswegen auch eingesperrt.

Natürlich. Wir brachen mit der Generation unserer Väter. Kein Wunder, dass die sich wehrten.

Stichwort Drogen …

Die 60er Jahre sind ohne LSD und Marihuana nicht denkbar. Diese Substanzen ermöglichten uns einen völlig neuen Blick auf die Dinge. Ohne sie wäre das kaum denkbar gewesen.

Viele kommen heute gut ohne so was aus.

Natürlich, man kann Yoga machen, Zen und so weiter. Aber Amerika brauchte damals eine Radikalkur. Lasst uns so viele Leute wie möglich so schnell wie möglich zur Erleuchtung bringen. Da waren LSD, Hasch oder Pilze ganz praktisch.

Waren Sie erfolgreich mit Ihrem Versuch, eine neue Gesellschaft zu schaffen?

Der Kampf geht immer weiter. Damals ging es um einen Neuanfang, um Frauenrechte, Umweltschutz, Frieden und so weiter. Und heute geht es gegen die Bush-Regierung, gegen Fundamentalisten aller Coleur: Moslems, Christen, Juden, oder auch fundamentalistische Kapitalisten. Man muss einfach immer weiter für das Gute kämpfen, für die Liebe.

Sie sind jetzt 66. Wie kam es, dass sie jetzt als Revivalband touren, statt Ihre Rente zu genießen?

Es begann mit einer MTV-Sendung, bei der Robby und ich gemeinsam auftraten. Danach dachten wir: Irgendwie fehlt uns die gemeinsame Musik. Wir gewannen Ian Astbury von der Band The Cult als Sänger, und seitdem treten wir hin und wieder als „Riders on the Storm“ auf.

Ihr Orgelsound prägt die Musik der Doors, die Eröffnungsmelodie von „Light my Fire“ ist wohl das berühmteste Orgelintro der Rockmusik. Ist das eine schwere Bürde?

Die einzige Bürde ist die Abwesenheit von Jim. Er fehlt uns sehr. Wäre es nicht toll, wenn er wieder lebendig wäre?

Manche finden, Sie sollen die Vergangenheit ruhen lassen.

Wieso? Die Vergangenheit ist die Gegenwart. Wir haben riesigen Spaß, gemeinsam zu spielen. Und die Fans lieben es. Es gibt zwar welche, die sagen: Wie könnt ihr es wagen, ohne Jim Morrison aufzutreten. Aber das sind Leute, die ihn nicht als Künstler schätzten, als Poeten, sondern einfach nur in seine knackigen Lederhosen verliebt waren.

Am 13. April spielt Ray Manzarek mit den „Riders on the Storm“ im Tempodrom, Karten an den üblichen Verkaufsstellen

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