Religion : Putzen für die Selbsterkenntnis

Behnaz aus Wedding ist gläubige Baha’i. Zurzeit absolviert sie in Israel ihren „Dienst an der Menschheit“

Lea Hampel
Verschnaufpause. An das Leben in Haifa musste sich Behnaz erst gewöhnen. Vor allem an die körperlich anstrengende Arbeit im Gemeindezentrum der Baha'i.
Verschnaufpause. An das Leben in Haifa musste sich Behnaz erst gewöhnen. Vor allem an die körperlich anstrengende Arbeit im...Foto: Kobi Wolf

Auf den ersten Blick passt sie tatsächlich besser in den Wedding als nach Haifa. Mit grauer Jogginghose, Sneakers, den langen schwarzen Haaren und einem frechen Grinsen sieht Behnaz bei unserem Treffen an diesem Tag ein bisschen aus, als würde sie in ihrer Freizeit HipHop hören und Basketball spielen. Aber Behnaz, 19, verbringt ihre Tage damit, Toiletten zu putzen, zu beten und gemeinsam mit anderen jungen Menschen heilige Schriften zu lesen.

Behnaz ist Baha’i. Das ist eine Religion, die vor über 140 Jahren von Bahá’u’lláh im damaligen Persien gegründet wurde. Er sah sich als Prophet und glaubte, es sei an der Zeit, eine moderne Religion zu schaffen. Dafür hat er heilige Schriften verfasst, Feiertage eingeführt und Regeln aufgestellt. Die Grundidee der Baha’i ist die der Einheit. Behnaz und ihre Glaubensgefährten sind überzeugt, dass es nur einen Gott gibt, den alle Religionen anbeten – und dass sie sich nur in der Form unterscheiden. Mit einem „Dienst an der Menschheit“ wollen Baha’i die verschiedenen Kulturen, Völker und Religionen vereinen, eine Art Weltfrieden, den Religionsstifter Bahá’u’lláh als zentrales Ziel festgelegt hat.

In Behnaz Fall bedeutet das: Sie arbeitet seit August freiwillig im Weltzentrum der Baha’i in Haifa. Hier befinden sich die heiligsten Stätten der Religion, das Grab des Stifters Bahá’u’lláh, die Verwaltung, und regelmäßig treffen sich hier Abgesandte der Gemeinden. Acht Stunden täglich schrubbt Behnaz Marmorböden und Toiletten. Andere Freiwillige schneiden die Sträucher in den weltbekannten Gärten, führen die vielen Besucher täglich herum oder sortieren Bücher in den Bibliotheken.

Dass auch sie ein „Jahr des Dienstes“ absolvieren würde, stand für Behnaz nie in Frage. Ihr Vater ist Baha’i, ebenso ihre aus dem Iran stammenden Großeltern. Seit sie klein war, hat sie jeden zweiten Samstag Kinderklassen besucht, Kurse, in denen Kinder von Baha’i-Eltern über Werte und Pflichten in der Gemeinschaft unterrichtet werden, sie singen gemeinsam Lieder, malen Bilder. Schon mit fünf Jahren unternahm sie mit ihrem Vater die erste Pilgerreise nach Israel. Gleichzeitig hat Behnaz durch ihre evangelische Mutter christliche Traditionen erlebt. „Das war nie ein Problem“, erzählt sie, „mein Vater hat sogar Ostern und Weihnachten mitgefeiert.“ Ein wichtiger Aspekt ihrer Religion, denn das Studium der anderen Glaubensrichtungen, ihrer Schriften und Traditionen, ist bei den Baha’i Teil der Lehre.

Laut Studie bekennen sich wenige Jugendliche klar zur Religion

Toleranz und vor allem Eigenständigkeit prägen viele Aspekte der Religion. Erst mit 15 kann man offiziell Baha’i werden, indem man eine Mitgliedskarte an das deutsche Baha’i-Zentrum in Hofheim-Langenhain bei Frankfurt am Main schickt. Die jungen Menschen sollen sich bewusst und selbständig für die Religion entscheiden. Obwohl sie von zwei Religionen geprägt ist, stand für Behnaz nie wirklich zur Debatte, dass sie Baha’i sein will. Mit ihrer Familie ging sie damals zum Briefkasten, warf das Schreiben ein. „Aufregend war das schon ein bisschen“, erinnert sie sich. Danach war sie mit ihren Eltern und den zwei Schwestern essen. Mehr nicht. Denn der Schritt war für sie natürlich.

Mit dem klaren Bekenntnis zur Religion ist Behnaz eine Ausnahme. Die Zugehörigkeit Jugendlicher zu religiösen Einrichtungen nimmt stetig ab, das zeigen Studien. Immer weniger Menschen unter 25 gehen regelmäßig zum Gebet in Gotteshäuser oder beteiligen sich am Gemeindeleben. „Gleichzeitig entwickelt sich zunehmend eine Art persönliche Spiritualität“, sagt Professor Heinz Streib, Experte für Jugend und Religion. Das Weltbild sei heute viel offener – im Ergebnis „suche ich mir von verschiedenen Religionen Vorstellungen und Praktiken aus, die mir zusagen“. Das gehe durchaus auch gleichzeitig und nebeneinander, sagt Streib.

Angesichts dieser Entwicklung verwundert es wenig, dass die Baha’i-Religion von Jugendlichen, deren Eltern schon Baha’i sind, aktiv angenommen wird. Es gibt vergleichsweise wenige Vorschriften: Die Länge der Gebete kann an den Tagesablauf angepasst werden, die Hochzeit mit Andersgläubigen ist gern gesehen, andere Religionen werden ebenfalls unterrichtet. Behnaz geht regelmäßig in Studienkreise, wo sie unter anderem die Schriften Bahá’u’lláhs liest und meditiert. Außerdem ist sie aktiv in verschiedenen Jugendinitiativen, hält selbst Kinderklassen ab.

Mit ihrem religiösen Engagement ist Behnaz eine Ausnahme, das ist ihr bewusst. Gelegentlich muss sie auf Partys erklären, warum sie keine Zigarette möchte und auch auf Bier verzichtet. Klar kann sie nicht immer mithalten, wenn die Stimmung angeheitert ist. „Das ist schade“, findet sie, „aber nicht schlimm, weil ich es nicht möchte. Erst recht, wenn ich sehe, wie sich Leute verändern, wenn sie betrunken sind.“ Letztlich sind es diese Regeln, ihre für sich als richtig befundenen Maßstäbe, die Behnaz an ihrer Religion mag. Sie geben ihr eine Richtung. Und Selbstdisziplin ist für sie seit jeher normal.

Trotzdem war sie die ersten Wochen nach Beginn ihres Haifa-Aufenthalts sehr kaputt vom Putzen, von der körperlichen Arbeit. Die Ansprüche an die Reinlichkeit der Räume sind hoch – eine ästhetisch ansprechende Umgebung ist wichtig für den Geist, davon sind Baha’i überzeugt. „Seitdem passe ich sehr genau auf, wie oft ich eine Glasplatte anfasse und was ich an Spuren hinterlasse mit Schuhen und so“, sagt sie und lacht.

Sich an den neuen Alltag zu gewöhnen, hat eine Weile gedauert. Warm ist es in Haifa, im Norden Israels. Behnaz wohnt mit zwei Amerikanerinnen in einer Wohnung, die der Gemeinde gehört. Ihre Einkäufe erledigt sie in einem Laden im Gemeindezentrum, dessen Währung nicht Geld, sondern Vertrauen darauf ist, dass jeder nur nimmt, was er braucht.

Mittlerweile hat sich Behnaz gut eingelebt, auch der Arbeitsbeginn morgens um sechs ist für sie kein Problem mehr. Noch ein Jahr will sie in Haifa bleiben. In der Zeit hofft Behnaz, mehr Nähe zu ihrer Religion zu finden, andere Baha’i kennenzulernen und viel zu lesen. Außerdem will sie Arabisch lernen. Sie sieht ihren Aufenthalt pragmatisch: „Das ist eine Möglichkeit, zu wachsen.“

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