Werbinich : Rettung vor dem Chaos auf der Straße Vor 60 Jahren bot

Schule Schutz

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Als im Frühsommer 1945 die Schulen wieder geöffnet werden, bin ich 15 Jahre alt und habe seit Juli 1944 kein Schulhaus mehr von innen gesehen. Zwischenzeitlich war ich in Schlesien gewesen, aber auch dort wurden die Schulen geschlossen. Zurück in Berlin musste ich einige Monate in einer Rüstungsfabrik arbeiten. Das war so schrecklich, dass ich Anfang 1945 nach Potsdam lief, wo die Schulen schon wieder geöffnet hatten. Hätte man mich da genommen, hätte ich nicht mehr in die Fabrik gemusst. Aber man sagte mir: „Kind, geh nach Hause, in Berlin werden die Schulen auch bald wieder eröffnet.“

Im Juni dann macht auch meine Schule in Dahlem wieder auf. Erstaunlich viele ehemalige Schülerinnen finden sich wieder ein, auch viele Lehrerinnen. Schulbücher gibt es nicht, Papier ist sehr knapp. Aber das ist alles nicht so wichtig. Was zählt, ist dieses Gefühl von Beschütztsein. Es ist beruhigend, wieder in einem Klassenzimmer zu sein, vor einer Tafel zu sitzen, lernen zu dürfen. Hier herrscht Ordnung, alles ist geregelt, das Chaos bleibt draußen. Auch bekommen wir jeden Tag etwas zu essen. Im Klassenraum sind wir Mädchen auch vor den Übergriffen der russischen Soldaten geschützt. Draußen ist man sich selbst überlassen. Die Eltern sind so sehr damit beschäftigt, ihr Leben zu organisieren, dass sich keiner um uns Kinder kümmert. Alle versuchen, irgendwo etwas zu klauen. Die Moral ist erschreckend weit heruntergekommen. Und dann die furchtbare Armut. Viele Kinder haben nicht mal Schuhe und kommen barfuß in den Unterricht.

Die Lehrerinnen appellieren an unseren Stolz und sagen: „Ihr seid Schüler dieser Schule. Benehmt Euch gefälligst.“ Das klingt wie Musik. Man muss uns das nicht dreimal sagen. Es wird nicht geklaut, keiner kommt zu spät, alle lernen wie verrückt.

Ursula Krötz ist 75 Jahre alt und hat als Gärtnerin gearbeitet und Genetik studiert. Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Ursula Krötz (75) war mehr als froh, als ihre Schule in Dahlem nach dem Krieg endlich wieder öffnete. Dort gab es zwar weder Papier noch Bücher, aber dafür Ordnung und Regeln.

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