Werbinich : Rütli und mehr

Das Jahr 2005/06 hatte es in sich: Fünfjährige wurden schulpflichtig. Die Horte wurden verlagert. Dann lernte ganz Deutschland die Hoover-Schule kennen – bevor Neukölln Schlagzeilen machte

Susanne Vieth-Entus

Jedes Schuljahr ist anders, jedes hat gute und schlechte Seiten. Aber das vergangene wird wohl länger in Erinnerung bleiben als alle anderen. Dafür gibt es etliche Gründe, und der Hauptgrund heißt „Rütli“.

HORTE AN DIE SCHULEN

1. August 2005

Mit einem Schlag sind alle Berliner Grundschulen für die Nachmittagsbetreuung zuständig. Was vorher nur in den Ostbezirken üblich war, wird jetzt auch im West-Teil Realität: Mit den Millionen aus dem Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung können Küchen, Kantinen und Aufenthaltsräume gebaut werden. Anfangs gibt es an einigen Grundschulen chaotische Zustände, weil die offizielle Hortzeit erst um 13.30 anfängt, viele Kinder aber schon um 11.30 Uhr Unterrichtsschluss haben. Früher konnten sie gleich nach der letzten Stunde in ihre Kita-Horte laufen, das geht jetzt nicht mehr. Dramatisch ist das Sterben der Schülerläden: Die Schulen bevorzugen große freie Träger als Kooperationspartner und wollen nicht mit vielen kleinen Schülerläden zusammenarbeiten. Noch immer klagen viele Schulen über zu wenig Räume und Erzieher im Hortbereich. Allerdings gibt es kaum noch Stimmen, die das Rad zurückdrehen wollen.

SCHULPFLICHT FÜR FÜNFJÄHRIGE

8. August 2005

Der erste Schultag für die Berliner Erstklässler. Es ist ein Mega-Jahrgang, weil erstmals die Kinder zwischen fünfeinhalb und sechs Jahren schulpflichtig sind: Rund 13 000 sind es, hinzu kommen die rund 23 000, die zwischen sechs und sieben sind. Es scheint, dass die Lehrer mit den Kleinen gut zurechtgekommen sind, jedenfalls gibt es über diese vorgezogene Einschulung kaum laute Klagen. Manche Eltern und Lehrer berichten, dass die Kleinen schneller ermüden. Immer mal wieder ist zu hören, dass die Ballung von Problemkindern – viele Fünfjährige, viele Migranten und viele mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten – Lehrer überfordert, wenn sie keine Erzieher zur Verstärkung dabei haben. Unreife Kinder zurückzustellen geht nicht mehr: Die Vorklassen, die sie früher aufnahmen, wurden dieses Jahr abgeschafft.

UNTERRICHTSAUSFALL

31. Oktober 2005

Die erste Grippewelle bringt es an den Tag: Die Personaldecke ist dünner geworden, weil Monat für Monat Lehrer in Penson gehen, aber nicht immer ersetzt werden. Eltern der Reinickendorfer Hausotter-Grundschule inszenieren medienwirksam Unterricht in einer Eckkneipe. Im Laufe des Jahres gibt es immer wieder Protest. Auch kleine Anfragen der Opposition fördern den Ausfall hunderter Stunden in einigen Schulen zutage. Im Dezember gibt es im Schnitt nur noch eine Vertretungskraft pro Schule.

NEUE PISA-STUDIE

3. November 2005

Ein Vergleich der Bundesländer wirft ein ungünstiges Bild auf Berlin: Hier sind viele Gymnasiasten auf dem Niveau bayerischer Realschüler. Zudem nutzen überdurchschnittlich viele Schulen ihre Spielräume nicht: Die Pisa-Forscher geben 62 Prozent der Berliner Schulen das Etikett „passiv“ – im Bund sind es nur 53 Prozent. Auch beim Zuspätkommen haben die Berliner die Nase vorn. Zudem wurde deutlich, dass die türkischen Schüler unter allen größeren Migrantengruppen die meisten Probleme in der Schule haben und dass sie in keinem anderen Bundesland einen so hohen Anteil der Migranten bilden.

STREIT UM DIE HOOVER-SCHULE

19. Januar

Im Schulausschuss des Abgeordnetenhauses kritisiert der bündnisgrüne Politiker Özcan Mutlu, dass die Herbert-Hoover-Realschule in Wedding per Schulordnung eine Deutschpflicht vorgeschrieben hat. Tags darauf berichtet der Tagesspiegel darüber. Es beginnt eine heftige Diskussion darüber, ob diese Vorschrift diskriminiernd oder vorbildlich ist. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) stellt sich hinter die Schule. Türkische Verbände, der Migrationsbeauftragte, die GEW, der Verband Bildung und Erziehung kritisieren die Schule, die sich nicht beirren lässt. Am 27. Juni wird ihr der Deutsche Nationalpreis verliehen.

SCHULINSPEKTIONEN

1. Februar 2006

Berlin folgt dem Beispiel der Schulbehörden von Schottland, England und inzwischen auch etlicher deutscher Bundesländer und schickt im zweiten Schulhalbjahr Inspektorenteams durch die ersten 45 Schulen. Inzw ischen liegen die ersten Ergebnisse vor: Zwei Grundschulen erhielten schlechte Noten, es gibt aber auch etliche Superschulen unter ihnen, die jetzt gern von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihre guten Prüfergebnisse ins Internet zu stellen.

HAPPY SLAPPING

3. März 2006

Detlev Buck feiert die Premiere seines Films „Knallhart“ dort, wo er spielt: in Neukölln. Der Streifen thematisiert unter anderem das Phänomen des „Happy Slapping“, also das Filmen von Gewaltszenen mit dem Handy. Zeitgleich häufen sich Berichte aus Schulen, in denen Schüler sich mit dem Austausch derartiger Handy-„Filmchen“ die Pausen vertreiben. Etliche Schulen gehen deshalb dazu über, den Handygebrauch auf dem gesamten Gelände zu verbieten.

ETHIK WIRD PFLICHTFACH

23. März 2006

Nach jahrelangen Diskussionen hat sich die rot-rote Koalition durchgerungen, Ethik ab Klasse 7 zum Pflichtfach zu machen. Der Parlamentsbeschluss beinhaltet, dass Religion nicht statt Ethik, sondern nur zusätzlich belegt werden kann. Bis heute ist nicht bekannt, wie sich das auf den Besuch des Religionsunterrichts auswirkt, denn die Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr wurden noch nicht ausgewertet.

DER RÜTLI-SCHOCK

30. März 2006

An diesem Tag berichtet der Tagesspiegel über den inzwischen berühmten Brandbrief der Neuköllner Rütli-Hauptschule. Die Lehrer beklagen katastrophale Zustände und Gewalt an ihrer Schule, fordern mehr Personal und „perspektivisch“ die Auflösung der Hauptschule als Schulform. Der Brief ist so drastisch, dass er eine monatelange Integrationsdebatte auslöst. Aber auch die Rufe nach der Abschaffung der Hauptschulen werden lauter – zumal andere Hauptschulen ebenfalls Brandbriefe schreiben oder weil immer neue Gewaltvorkommnisse ruchbar werden. Zusätzlich angeheizt wird die Debatte noch durch eine ZDF-Dokumentation aus der Charlottenburger Pommern-Hauptschule.

Inzwischen hat sich die Lage an der Rütli-Schule beruhigt. Die Stelle eines neuen Schulleiters ist ausgeschrieben. Mit dem Abstand von drei Monaten kann man sagen, dass an der Rütli-Schule vieles zusammenkam: Eine ungünstige Zusammensetzung der Schülerschaft, vakante Leitungspositionen, eine willkürliche Zuweisung von Lehrern ohne Blick auf die besondere Problemlage der Schule, ein zu langes Wegschauen des Bezirksamtes und ein Versagen der Schulaufsicht, die – so heißt es in der Schule – nicht einmal ein ermutigendes Wort für die Kollegen gehabt haben soll – ganz zu schweigen von konkreter Hilfestellung.

UNBESCHULBARE SCHÜLER

29. Mai 2006

Dass die Probleme der Hauptschulen eine Vorgeschichte haben, wird besonders drastisch klar, als ein zwölfjähriger Grundschüler in Kreuzberg eine Lehrerin zusammenschlägt. An diesem Fall entzündet sich eine Diskussion über die Frage, ob man schwierige Schüler wirklich nur von Schule zu Schule verweisen kann. Bildungssenator Klaus Böger hat angekündigt, nach Alternativen zu suchen.

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