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Nach der Wende verpönt, jetzt wiederentdeckt: Wie Berliner Schulen Elite-Sportler drillen wollen

Steffen Hudemann

Die Morgensonne scheint durch die Milchglasscheiben in die Turnhalle. Schon jetzt, um acht Uhr, ist es warm und stickig. Im Radio, aus dem leise Musik dudelt, werden für diesen Tag kurz vor den Sommerferien über 30 Grad angesagt. Es ist keine gewöhnliche Schul-Turnhalle, diese hier ist etwa 2500 Quadratmeter groß. Der Schultag hat für Paulo Lando, Marvin Pokroppa und Edgar Steineger schon vor einer halben Stunde begonnen. Die Achtklässler üben Salti und Überschläge. Daneben absolvieren Drittklässler Kraftübungen.

Rund 1000 Jugendliche aus ganz Deutschland lernen hier, an der Werner-Seelenbinder-Schule inmitten des Sportforums Hohenschönhausen. Hier ist der größte Olympiastützpunkt in Deutschland. Die Schüler wollen nicht nur einen Schulabschluss erwerben, sondern 2008 oder 2012 an den Olympischen Spielen teilnehmen – wie auch Paulo Lando. Um die Voraussetzungen dafür zu verbessern, wird die Werner-Seelenbinder-Schule ab kommendem Schuljahr mit dem Coubertin-Gymnasium in Prenzlauer Berg zu einer neuen „Eliteschule des Sports“ fusionieren. Der Fusionsprozess soll bis 2009 erfolgen, währenddessen die Schülerzahl sukzessive verringert wird. Künftig darf dort nur noch zur Schule gehen, wer Leistungssport betreibt. „Wir wollen uns stärker auf das Eigentliche konzentrieren“, sagt Seelenbinder-Direktor Gerd Neumes.

Schon jetzt ist das Programm hart. Zu 25 oder 30 Stunden Unterricht kommen oft 25 Stunden Training pro Woche hinzu, manchmal mehr. Das ist schwer, mit einem normalen Stundenplan zu vereinbaren. „Die Schüler finden hier eine Struktur, die ihnen die Koordination von Schule und Sport abnimmt“, sagt Neumes. Dazu gehört auch, dass die Kinder oft wochenlang im Trainingslager sind und den Unterricht verpassen.

Um halb zehn ist das Morgentraining beendet, eine halbe Stunde später sitzen Paulo, Marvin und Edgar frisch geduscht mit den anderen Schülern im Unterricht. Sie trainieren verschiedene Sportarten, lernen aber dasselbe. Erst steht Musik auf dem Stundenplan, anschließend Physik. Klassenlehrerin Beate Vogt muss sich immer wieder auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Schüler einstellen. Die Schwimmer etwa waren gerade für einige Wochen im Trainingslager auf Lanzarote. Auch wenn die Lehrer ihnenAufgaben mitgeben, müssen sie den Stoff doch noch einmal wiederholen, wenn alle wieder da sind.

Das kann ermüdend sein. Dennoch ist Beate Vogt zufrieden, den es sei angenehm, mit diesen Jugendlichen zu arbeiten. „Durch das Training sind sie leistungsbereiter, ausdauernder, fair zu Mitschülern und sie erkennen Regeln an.“ Außerdem könnten sie sehr gut im Team arbeiten und gut mit Niederlagen umgehen. „Wenn eine schlechte Note gerechtfertigt ist, akzeptieren sie das und fangen nicht an, darüber zu diskutieren“, sagt Schulleiter Neumes.

Er ist überzeugt, dass „viele Probleme, die andere Schulen haben, hier nicht existieren“. Tatsächlich fällt beim Gang über den Schulhof auf, dass es keine übergewichtigen Kinder gibt und keine Raucher. Das Rauchen haben sie hier schon vor vielen Jahren verboten. „Unsere Schüler kommen ohne größere Gefährdungen durch die Pubertät“, sagt Neumes. Wer sechsmal in der Woche trainiert, hat eben wenig Zeit für anderes.

An den Wänden hängen die sportlichen Erfolge. 33 Medaillen bei Olympischen Sommerspielen haben Schüler und Absolventen seit 1992 gesammelt. Die Radprofis Jan Ullrich und Andreas Klöden sowie Turner Andreas Wecker sind hier ebenso zur Schule gegangen wie Schwimmerin Franziska van Almsick und Rad-Weltmeister Robert Bartko (siehe Schulzeit). Ihre Erfolge haben sie für die Bundesrepublik erzielt, die Ausbildung haben sie in der DDR bekommen.

Im Westen wurden die Sporteliteschulen aus dem Osten zunächst kritisch betrachtet. Denn der hohe Stellenwert, den der Sport dort hatte, war auch politisch motiviert. Die Sportler waren „Diplomaten in Trainingsanzügen“, die das Image des Landes verbessern sollten. Weil eine gute Nachwuchsförderung dafür allein nicht ausreichte, wurde oft mit Doping nachgeholfen. Das brachte das gesamte System des Leistungssports in Verruf – auch die Sportschulen. „Der erste Gedanke war, diese Schulen müssen weg“, sagt Neumes. Doch auch die Bundesrepublik freut sich über olympisches Gold. Und das wird immer seltener, je länger das Ende der DDR zurückliegt.

Deshalb werden die Schulen jetzt wieder zu Eliteeinrichtungen ausgebaut. In Zukunft soll der Leistungssport stärker als bisher im Vordergrund stehen, wie früher in der DDR. „Wir werden nur durch systematische Talentförderung in den Eliteschulen weiterkommen“, sagte der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, nach den Olympischen Spielen in Athen vor einem Jahr. Zu diesem Konzept gehört auch die Neuordnung der Berliner Sportschulen. Schüler, die nicht mehr als Leistungssportler gelten – weil sie die geforderten Zeiten nicht mehr schaffen oder weil die Freundin wichtiger ist – müssen in Zukunft die Schule verlassen. Auch die Rahmenbedingungen an der Ganztagsschule sollen zum Beispiel durch sportgerechte Ernährung verbessert werden. An diesem Mittag gibt es Pizza mit Ketchup. Das soll nicht mehr vorkommen.

Neumes kann sich noch weitergehende Maßnahmen vorstellen: Dass sich Schüler für bestimmte Zeiten auf die Kernfächer konzentrieren oder auch mal in den Ferien unterrichtet werden. Dass die Kinder zu sehr gedrillt werden, glaubt Neumes nicht. „Die machen das ja freiwillig“, sagt der Schulleiter. „Was gibt es Schöneres, als dass jemand etwas aus Leidenschaft betreibt?“

Nach dem Mittagessen sind Paulo, Marvin und Edgar wieder in der Turnhalle. Heute turnen sie bis 16 Uhr an den Geräten, oft sind sie bis 19 Uhr hier. Draußen sind die Temperaturen inzwischen so gestiegen, dass es Hitzefrei gibt. Die Schüler in der Turnhalle beeindruckt das nicht. Sie trainieren weiter.

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