Werbinich : Schicht im Schacht

Sie klettern in U-Bahntunnel und werden von der Polizei gejagt. Wir haben uns mit Sprühern getroffen

André Görke

Die Kamera schwenkt über den erleuchteten Kurfürstendamm, ein Taxi fährt vorbei, vorn brennen die blauen Lichter des U-Bahnhofs „Uhlandstraße“. Es ist Nacht in Berlin, die BVG macht Betriebspause. Am Bürgersteig lässt sich eine kleine Tür öffnen, normalerweise von innen und nur mit einem Schlüssel. Es ist der Personalausgang der U-Bahn-Fahrer. Hinab geht es in die Betonröhren, in denen die BVG ihre gelben Züge abstellt. Was die Verkehrsbetriebe „Betriebsbahnhof“ nennen, bezeichnet die Graffiti-Szene „Lay-up“.

Im Schacht bleibt es still, muss es still bleiben. Sprüher befestigen Magnete unter ihren Dosen, damit die kleine Kugel im Innern der Büchse nicht hin und her springen kann beim Schütteln. Die Kamera im Schacht hält drauf: wie die Männer Dosen hervorholen, gelbe, blaue, rote. Wie sie erst helle Linien auf die Bahn malen, dann dunkle. Zischen, rascheln, nach fünf Minuten ist das Amateurvideo vorbei, auf den Zügen stehen die Künstlernamen „Burn“ und „Fied“. Die Männer klettern aus dem Schacht, öffnen das Gitterrost, aus dem im Winter immer warme Luft strömt, und stehen auf dem Mittelstreifen des Ku’damms. Ein Taxi fährt wieder vorbei, vorn brennen die blauen Lichter des U-Bahnhofs Uhlandstraße. Als wäre nichts passiert.

Szenen wie diese, „Dokumentarfilme“ genannt, sind auf der neuen DVD „Berlin Stylewriting – Power of Style“ zu sehen, die für knapp 30 Euro legal in Läden wie dem „Overkill“ in Kreuzberg angeboten werden. Seit Jahren behaupten sich Magazine wie „Backspin“ oder „Stylefile“, im August findet beim Hip-Hop-Festival „Splash“ eine Art Europameisterschaft statt. „Write4gold“ nennt sich der Wettkampf, bei dem die Finalisten aus allen Ländern an einer Wand gegeneinander antreten und malen. Vor zwei Jahren hat die GFA-Crew aus Berlin den Titel gewonnen, die „Glorious Five Artists“.

Es gibt in der Stadt eine so große Graffiti-Gemeinde, die man jedoch genauso selten sieht wie die der Rapper. Deren Szene feiert morgen Abend im Palast der Republik bei einem Hip-Hop-Festival, das sich „Red Bull BC One“ nennt. Die beiden Stile – Rap und Graffiti – sind eng verflochten, doch anders als die Rapper gehören die Sprüher schon seit Jahrzehnten zu den bekanntesten in Europa. Ihre Bilder sind in Kopenhagen, Wien, Prag, auch in Sydney oder New York zu sehen. „Alle sagen, wir würden randalieren, alles zerstören“, sagt ein Sprüher, der zum Kern der rund 60 „Zugmaler“ in Berlin gehört und der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Kein Alter, kein Bezirk, völlige Anonymität. Er ärgere sich über die Klischees, sagt er. Gewalt, Hass, Zerstörungswut, das sei kein Thema. „Wir denken über die Darstellung von Buchstaben nach, über Farben, über Dynamik in den Bildern, ja, auch wenn es keiner hören will: Wir reden von Kunst.“

Nun gibt es Menschen, die sich über beschmierte Wände nicht freuen und die wenig Lust verspüren, ihre Hauswand reinigen zu lassen. Die BVG und die S-Bahn klagen über Graffiti-Schäden, die im Jahr knapp sechs Millionen Euro betragen. Innenminister Otto Schily hat sogar Hubschrauber mit Wärmebildkameras eingesetzt, die zwar auf den Dächern kaum Sprüher entdeckt haben, deren Einsatz aber viel Wirbel verursacht hat.

Und trotzdem: Es gibt nun einmal auch eine andere Seite in dieser Geschichte. Nach der Wende stieg die Zahl der Sprüher massiv an. Stundenlang stehen sie allein unter Bahnbrücken und malen und zeichnen und mixen. Farben, Stile, Schattierungen, Botschaften, dargestellt in Kunstwerken. „Ich habe nie einem Kind was getan, ich werde aber gejagt wie ein Schwerkrimineller“, sagt ein anderer bei einem Treffen irgendwo in Berlin.

Die Bahntrasse nahe der Yorckstraße, wo alles zugewuchert ist, sei das Zuhause seiner Jugend gewesen, hat ein Sprüher auf der DVD gesagt und fast zärtlich in seinem Fotoalbum geblättert. Dunkle Farben, wenn er traurig oder wütend war, später mal helle, knallige, lebendige. Und immer sehen die Buchstaben anders aus, mal hart und kantig gezeichnet, mal in großen Bögen oder verschnörkelt.

Den Geruch von Farbe in Tunnelröhren oder unter Brücken kennt auch die Ermittlungsgruppe der Polizei. „Graffiti in Berlin“ (GIB) nennt die sich und definiert Graffiti auf ihrer Internetseite so: „Wenn die Erlaubnis des Eigentümers zum Besprühen fehlt, handelt es sich um eine Sachbeschädigung, die strafrechtlich (...) verfolgt wird.“ Und: „Auch bei der U- und S-Bahn kann es teuer werden, besonders, wenn ein Waggon nicht gereinigt werden kann, sondern neu lackiert werden muss. Das alles muss der verurteilte Sprayer bezahlen!“ Wenn ein Sprüher heute kein Geld habe, könne er noch in 30 Jahren zur Kasse gebeten werden. So lange steht der Vermerk in der Akte.

Ja, diese Strafen kennen sie, sagen Sebastian und Michael, die aus dem Ostteil der Stadt kommen, Mitte zwanzig sind und seit den frühen 90er Jahren sprühen. Jeder wisse, dass Sprühen eine Straftat sei, das sei Steinewerfen am 1. Mai allerdings auch, „mit dem Unterschied, dass wir niemanden verletzen.“ Es gibt viele, die sagen, dass die Graffiti- Szene früher aggressiver und gewalttätiger war.

Die „B.Z.“ hat neulich ein anderes Bild dargestellt und ein Foto aus einem Szenevideo abgedruckt, auf dem Sprüher die Kacheln des U-Bahnhofs Lichtenberg beschmieren. Darüber stand: „Schock Fotos aus der U-Bahn. Sie haben Messer und Pistolen. Wer stoppt den Wahnsinn?“ Der Film ist nicht sehr aktuell, er wurde 2002 aufgenommen. Es gibt Sprüher, die sagen: „Der Bahnhof war noch nicht saniert.“ Und es gibt andere, die behaupten: „Restaurierte Fassaden sind genauso tabu wie Autos oder Kirchen.“ Die würden nicht besprüht.

Ging es früher um Kunst, geht es heute auch um Protest. Um Trotz. Auf der DVD hat einer über sein Bild den kleinen Spruch gesprüht: „We never sleep“. Die Überwachung hat zugenommen, es gibt Hausdurchsuchungen, hohe Geldstrafen, und dennoch immer noch viele Sprüher in Berlin, die ihrer Leidenschaft seit mehr als einem Jahrzehnt nachgehen. Dass einst legale Graffitiwände wie die im Mauerpark verschwinden, wird schweigend hingenommen. Und warum einst bunt bemalte Brücken und Zufahrtsrampen an der Stadtautobahn grün gestrichen wurden, will niemand mehr wissen. Früher standen dort riesige Buchstaben bekannter Crews wie „GHS“ aus dem Westen Berlins, hinter deren Kürzel sich das Wort „Ghettostars“ verbarg. „Der Lebensraum für Kreativität wird kleiner“, sagt einer und meint damit einfarbige Wände. Monoton nennen es die einen, Sauberkeit die anderen.

Früher war Sprühen einfacher, heute ist es „Extremsport“, wie einer sagt. Ein Zug, den man auf einem Betriebsbahnhof besprühen will, wird tagelang zur gleichen Uhrzeit beobachtet. Wann ist Schichtwechsel? Wann kommt der Wachmann? Wo sind die Kameras und Bewegungsmelder? Und am Morgen kann man nur hoffen, dass die BVG den Zug rausschickt und nicht in die Waschanlage.

Schriftzüge werden gemalt und wieder überpinselt. Es ist ein ewiges Spiel. Zu den bekannten alten Gruppen gehört in Berlin die RCB-Crew. Nahe dem Regierungsviertel hatten sie mal die Worte „Religion called bombing“ an eine lange Betonmauer gemalt, wobei das Wort „Bombing“ nichts anderes bedeutet als „sprühen“. Die Wand wurde abgerissen. Später malte die Crew am S-Bahnhof Savignyplatz den Schriftzug „Reality crashes my brain.“ Weil in der Realität kein Platz ist für Graffiti, wurde auch das übermalt. An exakt gleicher Stelle grinsen heute drei Cowboys, mit Pistole und USA-Fahne in der Hand. Die Buchstaben auf ihren Bäuchen lauten: „RCB“, sie stehen für Reagan, Clinton und Bush. Die Jungs sind hartnäckig, und manchmal sehr kreativ.

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