Werbinich : Schluss mit frustig

Dimitri kämpft im Boxklub gegen das eigene Abrutschen, Manuel will einfach nur loslassen. Unser Autor hat mit ihnen trainiert Disziplin ist alles: Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt raus.

Viktor Kewenig

Der Norden Schönebergs ist nicht gerade die angenehmste Gegend Berlins. Triste Häuserblocks, wenig Grün und auf den Straßen meint man, eine unterschwellige Aggressivität zu verspüren. Wen es hierher verschlägt, begegnet Menschen mit leeren Gesichtern, Leuten, die einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen. Normalerweise ist mir das egal, nur leider heute nicht, denn ich bin verabredet, habe aber vergessen, mir den genauen Weg aufzuschreiben. Und so stehe ich am U-Bahnhof Bülowstraße und weiß nur noch den Namen des Boxklubs, bei dem ich gleich ein Probetraining machen soll: „Wir aktiv. Boxsport und mehr“.

Aufgebaut wurde der Klub von Izzet Mafratoglu, er soll ein Schöneberger Urgestein sein. Vielleicht kennt den Namen jemand? Vor einer Dönerbude steht ein Jugendlicher, der finster dreinblickt. Als ich ihn anspreche, hellen sich seine Gesichtszüge schlagartig auf. „Ah ja, Izzet. Alle nennen ihn nur Izzy, ja! Kenn ich, gleich da vorne, wallah!“ Er deutet mit dem Zeigefinger in die Richtung. Der Eingang zum Klub an der Potsdamer Straße liegt etwas versteckt zwischen einem Lebensmittelmarkt und einem Elektronikgeschäft, über der Tür weist ein blaues Schild auf den Klub hin. Davor tummeln sich ein paar Menschen, die lautstark miteinander diskutieren.

Wer den Klub betritt, taucht in eine eigene Welt ein. In der Halle riecht es nach Schweiß, aus den Lautsprechern dröhnt amerikanische Rap-Musik, neben dem Ring stehen Fitnessgeräte. Sofort fühlt man sich erinnert an Boxfilme wie „Hurricane“, „Million Dollar Baby“ und – logisch! – „Rocky“. An den Wänden sind Bilder von Sylvester Stallone und Muhammad Ali in Kämpferpose. Trainingsbeginn ist eigentlich erst in einer halben Stunde, doch schon jetzt schlagen ein paar Jungs eifrig auf den Boxsack ein.

Ich ziehe mich um und beobachte, wie sich die anderen Teilnehmer gewissenhaft Bandagen um ihre Hände wickeln. Mädchen sieht man nicht. „Das liegt aber nicht daran, dass wir hier keine haben wollen“, erklärt mir Klub-Leiter Izzet Mafratoglu später. „Leider interessieren sich nicht so viele Mädchen fürs Boxen.“ Kurz bevor es richtig losgeht, kommen alle Anwesenden zusammen. Gut 30 Teilnehmer sind es heute, Jungs und Jugendliche zwischen sechs und 20 Jahren. Es folgt eine kurze Ansprache, eher ein Einschwören. „Disziplin ist das oberste Gebot“, sagt der Trainer und guckt jedem fest in die Augen. Dann beginnt das Training.

Liegestütze, Sit-ups, Kniebeuge. Laufen, sprinten, joggen. Schon das Aufwärmprogramm ist hart, und ich komme ins Schwitzen. Ohne Gnade treibt der Trainer uns an. Wer nicht mehr kann und anfängt zu schludern, wird aufgefordert, nicht schlappzumachen. Nur wer das Warm-up durchsteht, darf auch boxen.

Während einer kurzen Pause komme ich mit Dimitri ins Gespräch. Der 19-Jährige ist von der Statur her etwas fülliger, er trägt die Haare an den Seiten kurz und oben etwas länger. Ich frage ihn, warum er hierherkommt. Er lächelt und sagt: „Früher habe ich viel Unsinn gemacht.“ Er habe vor Aggression und Energie nur so gestrotzt, nicht mal seine Familie konnte ihn bändigen. Dann habe er durch einen Freund von diesem Boxklub erfahren, heute kämen sie gemeinsam hierher. „Nach einem schlechten Tag kann ich mir hier den Frust von der Seele boxen.“

Der 17-jährige Manuel sieht das ähnlich. Was gut sei am Boxen, will ich von ihm wissen. „Einfach mal loszulassen und alles zu vergessen. Außerdem lernt man, sein Gegenüber zu respektieren. Man muss sich in den Gegner hineinversetzen, gucken, was er machen will. Das ist schwer, aber macht richtig Bock.“ Dann fängt Manuel wieder an zu trainieren, denn Izzet betritt die Halle. Er trägt einen hellblauen Trainingsanzug und in der linken Hand einen Energydrink. Freundlich begrüßt er jeden Anwesenden persönlich, hält mit jedem einen kurzen Plausch. Seine Erscheinung hat etwas Majestätisches, man weiß sofort, dass er derjenige ist, der den Laden leitet. Die Jugendlichen schauen ihn bewundernd an. Manche lobt er, mit manchen macht er Späße. Einem Jungen bescheinigt er Talent, bemängelt aber zugleich, dass er viel zu faul sei. Ein Jugendlicher sagt: „Ich respektiere Izzy, er ist ein bisschen wie ein Vater. Er versteht, wie’s mir geht und gibt mir viele nützliche Tipps fürs Boxen.“ Allgemeine Zustimmung von den umstehenden Jugendlichen.

Izzet „Izzy“ Mafratoglu hat sich den Respekt verdient. Mit zwei Jahren kam er aus der Türkei nach Berlin, seither lebt er in Schöneberg. Er weiß, wie es ist, für schlechtes Deutsch ausgelacht zu werden. Er weiß, wie es sich anfühlt, nachmittags nach Hause zu kommen und nichts zu tun zu haben. „Einer fängt an mit dem Scheiß, zieht vielleicht ein paar Leute ab. Die anderen merken, dass es eine Beschäftigung ist und auch noch Geld einbringt. Und wer keine Leute abzieht, nimmt halt Drogen, um den ganzen Schwachsinn, den er erlebt, zu vergessen.“ Vielleicht kann er sich deshalb so gut mit den Jugendlichen identifizieren: weil er sie ernst nimmt. Er kennt ihre Familien, unterhält sich mit den Vätern, während die Söhne schweigend danebensitzen und zuhören. „Kein Lehrer kommt an mich ran“, sagt einer der Jugendlichen, „aber wenn ich hier nicht gehorche oder mich danebenbenehme, dann kann ich vielleicht nicht mehr mitmachen. Und außerdem würde ich Ärger mit meinem Vater bekommen.“

Um nicht abzurutschen, entscheiden sich viele für den Sport. Wer mehrmals wöchentlich zum Boxen geht, hat einfach keine Zeit, Drogen zu nehmen. Auch Izzy hat diesen Weg eingeschlagen und sich damit schnell einen Namen gemacht. Den Boxklub hat er vor sechs Jahren selbst auf die Beine gestellt, die Räume wurden ihm von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag zur Verfügung gestellt. Er hat sie alleine entrümpelt, gestrichen und eingerichtet, das benötigte Geld bekam er von der Gewobag und von vielen anderen Sponsoren. Inzwischen trainieren knapp 200 Jugendliche bei ihm.

Heute ist der Boxklub der einzige olympische Stützpunkt in Berlin. Die Jungs, die hier trainieren, verfolgen unterschiedliche Ziele. Die einen wollen nur etwas Sport machen, die anderen wollen sich abreagieren, für wiederum andere zählen die Erfolge. Allen gemein ist jedoch die Leidenschaft. Nur mit ihr kommt irgendwann auch die Anerkennung. „Hier kriegt keiner eine Extrawurst, alle haben die gleichen Voraussetzungen“, sagt Izzy. So sieht es auch Erwin Mesic, der diesjährige Sieger bei den deutschen Meisterschaften der Kadetten. Stolz erzählt er davon, wie gut es sich angefühlt habe, die Urkunde in der Hand zu halten. „Das ist eine komplett neue Erfahrung.“

Das Boxen selbst ist erheblich schwieriger, als gedacht. Um sich zu behaupten, braucht man nicht nur Kraft, sondern auch Technik und Ausdauer. „Wer darauf nicht achtet, hat keine Chance und kriegt auf’s Maul“, sagt ein Jugendlicher keuchend. Gerade kämpft er gegen einen anderen Teilnehmer. Das Training ist mittlerweile in vollem Gange, aber Izzy ist nicht zufrieden. Er trommelt alle zusammen und macht ein ernstes Gesicht. „Warum redet ihr? Wenn ihr redet, weiß ich, dass ihr nicht trainiert. Ist das Training nicht anstrengend genug? Soll es härter werden? Hört auf zu reden, sonst strengt ihr euch nicht an.“

Sofort ist es mucksmäuschenstill in der Halle. Die Botschaft ist angekommen. Man hört jetzt nur noch angestrengtes Atmen und das dumpfe Geräusch der Boxhandschuhe, wenn sie den Sandsack treffen. Izzy scheint nun zufrieden zu sein, er nippt an seinem Energydrink. Demnächst will er im Boxklub eine zweite Etage eröffnen.

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