Werbinich : Schule fühlen – und sich erinnern

Annette Kögel

Man kann über Schule diskutieren, streiten – und man kann sie fühlen. Wie bei der Verleihung der Förderpreise für praktisches Lernen von „Plus e. V.“ vergangene Woche im Berliner Rathaus. Ausgezeichnet wurden wieder Schulen für besonders lebensnahe Projekte. Jugendliche der Bühring-Schule nutzten das Thornton-Wilder-Stück „Unsere kleine Stadt“ als Vorlage, um eigene Texte und Musikstücke zu schreiben. Die Aufführung habe ihr dabei geholfen, selbstbewusster vor anderen aufzutreten, die Stimme für eigene Bedürfnisse zu erheben, sagte eine Schülerin begeistert.

Jugendliche der Riesengebirgs- Schule unterhielten sich mit Zeitzeugen. War das nicht mitunter langweilig, dauernd alte Weltkriegsgeschichten zu hören? Aber nein, antworteten die türkisch- und arabischstämmigen Schüler: Manchmal mussten sie die alten Leute, denen angesichts der Erinnerungen die Tränen kamen, selbst um ein Taschentuch bitten.

Oder die Marmeladenkocher der Greenwich-Schule. Ingwer, Birne, Pflaume – ob ihnen das nicht ein wenig altertümlich vorgekommen sei, einzukochen? Aber nein, sagte eine Schülerin. Jetzt gebe es bei Treffen mit der Oma mehr Gesprächthemen. Die Antworten kamen von Herzen, nicht mit Kalkül, um bei der Jury zu punkten.

Da schoss der Jurorin etwas durch den Kopf. Damals, in den Achtzigern, kämpfte sie ganz praxisnah in der AG „Mutter Erde“ an der Albert-Schweitzer-Schule mit anderen dafür, den Parkplatz vor dem Schultor an der Karl-Marx-Straße in einen Park zu verwandeln. Noch heute steigt ihr beim Vorbeifahren an der Grünfläche der Duft von frisch gemähtem Rasen in die Nase, den sie einst in Säcken sammelte. Sogar zelten durften die Schüler über Nacht auf der selbst erkämpften Grünfläche. Schade, dass es damals noch nicht den Förderpreis für praktisches Lernen gab.

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