Werbinich : Schwein gehabt

Wie sich unsere Leserin Marlies Gehle blamierte

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Wenn ich an Schule denke, dann immer an die Sache mit dem Schwein. 1965 war das, ich war zwölf Jahre alt und besuchte das Städtische Mädchengymnasium Detmolds.

Unsere Musiklehrerin wollte mit uns „Hans im Glück“ als Musical einstudieren. Da sie von mir begeistert war – ich konnte Klavier und Flöte spielen und singen – wählte sie mich für die Hauptrolle. Wie es das Stück erforderte, musste ich ein Schwein haben. Die Lehrerin kaufte ein aufblasbares, rosarotes, fettes Schwein. Dann wurde ich mit einer DreiviertelHose, kariertem Hemd und Hut ausgestattet und war nun ein Hans.

Die Proben zogen sich über Wochen hin, dann kam der große Tag der Premiere. Die Aufführung sollte in der Aula unserer Schule stattfinden, Eltern, Lehrer und Mitschüler wollten kommen. Wir Akteure mussten zur Generalprobe am Nachmittag erscheinen, alles klappte gut. Ich konnte meinen Text und sang richtig, aber mein Partner, das Schwein, ließ mich plötzlich im Stich. Es behielt die Luft nicht mehr. Ein Loch. Was tun?

Die Geschäfte waren zu. Es war nichts zu machen. Aber ohne Schwein war ich nur ein halber Hans. Unsere Lehrerin flickte also meinen Begleiter mit Tesafilm, und die Luft hielt wieder. Das Loch schien doch nicht so groß zu sein.

Die Aufführung begann, beruhigt ging ich auf die Bühne. Alles ging gut – bis zu der Textpassage, in der ich singen musste: „Seht nur dieses dicke, fette Schwein…“. Da hatte ich nur noch einen platten Plastikfreund im Arm, der schlaff herunterhing. Die Zuschauer johlten vor Vergnügen, dachten das sei eine besondere Einlage. Mir war das alles nur furchtbar peinlich. Noch tagelang sprach man an unserer Schule vom „Hans mit dem dicken, fetten Schwein“ – und in unserer Familie bis heute.

Marlies Gehle ist 52 Jahre alt, Sozialpädagogin und lebt in Bad Salzuflen.

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