Werbinich : Schwierige Kinder in große Klassen?

Susanne Vieth-Entus

Sie sind eine Erfolgsgeschichte, aber abgewickelt werden sie trotzdem: Die sonderpädagogischen Förderklassen – besser bekannt als „Dehnklassen“ – soll es nicht mehr geben. In der vergangenen Woche berichteten wir auf der Schulseite darüber, dass sich Lehrer und Eltern damit noch immer nicht abgefunden haben. Sie können sich nicht vorstellen, wie es gelingen soll, in Grundschulklassen mit bis zu 28 Schülern diejenigen zu integrieren, die durch Wahrnehmungsstörungen und eine verzögerte Entwicklung eingeschränkt sind. Eltern weisen darauf hin, dass es in den kleinen und förderintensiven „Dehnklassen“ der Sonderschulen gelungen ist, rund 80 Prozent dieser benachteiligten Kinder innerhalb von zwei bis drei Jahren fit für die Grundschule zu machen.

Etliche Leser riefen in diesen Tagen an und setzten sich für die Erhaltung der kleinen Lerngruppen ein. Lediglich ein Sonderschulrektor ist anderer Meinung: Er hält es für besser, wenn die personellen Ressourcen, die in den „Dehnklassen“ stecken, in die Grundschulen wandern, damit alle Kinder zusammen unterrichtet und gefördert werden können.

Diesen Weg befürworten auch die Fachleute in der Bildungsverwaltung. Sie argumentieren damit, dass es international keineswegs üblich ist, problematische Kinder in Sonderschulen oder speziellen Förderklassen zu separieren.

„Stimmt“, heißt es jetzt von Seiten der Berliner Kinderärzte. „Es wäre schön, alle Kinder zusammen zu unterrichten“. Dann aber müssten die Grundschulklassen viel kleiner sein, sagen sie. Sie befürchten, dass die kleinen Kinder mit den großen Schwierigkeiten in den großen Grundschulklassen einfach untergehen werden, weil niemand mehr richtig Zeit haben wird, sich um ihre komplizierten Störungen zu kümmern. Und sie sagen voraus, wohin das führen kann: Die Kinder scheitern und landen – verängstigt und frustriert – nach drei Jahren auf der Sonderschule.

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