Werbinich : Selbsterfahrung mit Herrn K.

Unser Autor wollte nur den Führerschein. Doch schon der Erste-Hilfe-Kurs raubte ihm den Atem

Julius Wolf

Endlich 18, endlich den Führerschein machen. Also los und eine Fahrschule suchen. Möglichst nah. Möglichst billig. An dem Kriterium scheiterten bereits zwei der drei Fahrschulen in meiner Nähe. Die dritte dagegen wirbt mit einem Angebot. Ich zahle 50 Euro und bekommt ein „Ticket“. Dieses Ticket beinhaltet die Grundgebühr, den Theorieunterricht und alle Sonderfahrten. Insgesamt spart man ganze 448 Euro. Toll!

Leider hat sich das Projekt Führerschein von Anfang an ein wenig kompliziert gestaltet. Das Einzige, was bis jetzt okay war, war der Augentest. Die Erste-Hilfe-Schulung war schrecklich. Die meisten haben sich gelangweilt und auf die Pause gewartet. Und nach der Pause auf das Ende. Bis auf einen: Harald hat 1968 seinen Führerschein bestanden und damals seinen ersten Erste-Hilfe-Kurs besucht. Jetzt wollte er nur seine Kenntnisse noch mal auffrischen. Sagte er. Meiner Meinung nach war das auch schwer nötig. Aber Harald hat alles schon gesehen, alles schon erlebt, und sowieso kann Harald alles besser als die anderen. Harald kann nicht einen Augenblick schweigen. Harald muss alle ununterbrochen an seinem enormen Wissen teilhaben lassen. Wie soll man da in Ruhe dösen?

Als es an die stabile Seitenlage ging, konnte Harald leider nicht mitmachen, Harald hat was mit dem Rücken. Kurz vorher hatte Harald uns noch erzählt, wie er ungezählte Leben auf der Autobahn nach einem Massencrash gerettet hat. Wenn er selbst mal in einen Crash verwickelt wird, wird es allerdings schwierig. Den Rautengriff, um ihn eventuell aus einem Auto zu befreien, konnte man mit ihm nicht üben. Sein Rücken. Und außerdem, sagt Harald, sei er viel zu schwer. Richtig.

Viel hat Harald gesehen. Überfahrene und andere Schwerverletzte. Und immer hat er sich aufgeregt über die Gaffer. Diese widerwärtigen Gaffer. Harald hat natürlich nie gegafft, bei allem was er so gesehen hat, hat er nur geguckt. Harald hatte auch keine Chance, sein Können zu beweisen, als wir üben sollten, einem verletzten Motorradfahrer den Helm abzunehmen. Der arme Kerl wäre gestorben, es ist schon schlimm, wenn man’s im Kreuz hat. Bei seiner Arbeit als Schweißer hat Harald aber dafür einmal einem Kollegen das Leben gerettet, als der einen epileptischen Anfall hatte und dessen Schweißgerät ihn beinahe angebrannt hatte. Erzählt Harald.

Nächster Termin, das Bürgeramt. Meine Eltern haben ein Haus in Brandenburg, einen Acker mit Ruine, da bin ich polizeilich gemeldet. Dort habe ich dann auch bei der Führerscheinstelle angerufen und gefragt, ob ich trotzdem in Berlin meinen Führerschein beantragen kann. „Ja klar, kein Problem“, hieß es. Wunderbar. Ich bin zum Bürgeramt, hab’ zwei Stunden gewartet und dann war ich dran. Die freundliche Frau sagt lächelnd: „Tut mir Leid, Sie sind nicht in Berlin gemeldet, da kann ich nichts für Sie tun.“ Danke, Deutschland. Dann habe ich eine Bekannte aus Brandenburg kontaktiert, die in einem Amt arbeitet und sich auskennt. Sie sagte mir dann, dass sie mir das gleich hätte sagen können. Allerdings wäre es kein Problem, jemanden mit einer Vollmacht auszustatten und diese Person den Führerschein beantragen zu lassen und so weiter … Dann war aber doch irgendwann alles erledigt.

Das heißt, den Fahrlehrer kann man sich nicht aussuchen. Ich bekam Herrn S. zugewiesen. Von Freunden weiß ich, dass Fahrlehrer zurückhaltend sein können. Herr S. war es nicht. Für Herrn S. war es selbstverständlich, dass wir uns duzen – also er mich, aber ich nicht ihn. Herr S. spricht Dialekt, also ich meine, es ist toll, dass sich Deutschland kurz nach meiner Geburt wiedervereint hat, aber hätte man dabei nicht diesen sächsischen Dialekt per Grundgesetz verbieten können? Herr S. spricht sächsisch. Auf Sächsisch wurde mir also verkündet, dass sein Hund, die Pudeldame Biene, mitfährt. Mit Hunden kann ich allgemein nicht gut. Biene – ein Hund, der Biene gerufen wird, kann wohl nichts dafür, aber muss es dann gleich eine verwöhnte und dauerbellende Töle sein?

Zwischen Bienes neurotischem Bellen hat Herr S. versucht, mir Autofahren beizubringen. Die erste Fahrstunde dauerte 90 Minuten. Herr S. hat mich mit dem Auto vertraut gemacht und mir erklärt, wie alles geht. Dann habe ich anfahren geübt. Immer nur anfahren. Die zweite Fahrstunde dauerte auch 90 Minuten: Ich habe anfahren geübt. Schon wieder nur anfahren. Ich kann jetzt anfahren, weiß Gott. Ich fahre immer noch exakt so an, wie nach den ersten Minuten der ersten Stunde. Die beiden Stunden kosteten 99 Euro.

Dann kam die dritte Stunde. Herr S. und Biene brachten mir jetzt wirklich Autofahren bei. Biene bellte, Herr S. bediente die Pedale, Herr S. schaltete. Ich, der Autofahrschüler blinkte und durfte ab und zu mal lenken. Nach fünf Fahrstunden hab ich den Fahrlehrer gewechselt. Das klingt jetzt so einfach. War es aber überhaupt nicht: Meine sechste Fahrstunde wäre ausgefallen (Herr S. war krank), hätte Herr K. sich nicht dazu bereit erklärt, für Herrn S. einzuspringen. Nach der Fahrstunde wollte ich also wechseln. Bei Herrn K. darf man nämlich allein Auto fahren. Auch wird man bei Herrn K. nicht von in sächsischem Dialekt vorgetragenen Geschichten über Leib und Leben belästigt. Also sprach ich mit Herrn K., mit der Fahrschulleiterin Frau V. und mit Herrn S.. Frau V. und Herr S. fragten natürlich, warum ich denn wechseln wolle. Ich habe darauf geantwortet, dass es natürlich nicht an Herrn S. liege und auch nicht an seinem liebreizenden, wohlerzogenen Hund, sondern daran, dass ich bei ihm schlicht nichts lerne. Frau V. und Herr S. waren einverstanden und ich durfte den Fahrlehrer wechseln. Dachte ich. Als ich meine erste Fahrstunde mit Herrn K. machen wollte, war der abgemeldet und eine verwunderte Frau V. behauptete, ich hätte meinen Wunsch, den Fahrlehrer wechseln zu wollen, doch zurückgezogen. Auch alle anderen Fahrlehrer, sogar die, die gar nicht am Gespräch teilgenommen hatten, versicherten mir, dass ich genau das getan hätte. Auch konnte die arme Frau V. gar nicht verstehen, wie ich den armen Herrn S. als Lügner bezeichnen könne. Er wisse doch wohl, was er gehört habe. Und sie selbst könne ich erst recht nicht an der Nase herumführen, sie habe ein Gedächtnis wie ein Elefant und Augen im Rücken.

Augen im Rücken! An diesem Punkt ist mir das erste Mal der Kragen geplatzt. Meinem Vater allerdings auch. Er ging zur Fahrschule und sah Frau V. tief in die Augen. Als er aus der Fahrschule wieder raus kam, hatte ich einen neuen Fahrlehrer. Frau V. sagte dann zu mir, dass man das doch auch wie Erwachsene hätte regeln können. Und komischerweise werde ich seitdem von Frau V. ausgesucht höflich behandelt. Nicht immer, aber immer dann, wenn sie sich gerade daran erinnert, dass man doch alles wie Erwachsene regeln kann. Einen Tag später hat Herr S. mich in der Tür angerempelt und reden wollte er von da an auch nicht mehr mit mir. Ich war 250 Euro los, die Fahrschule konnte endlich beginnen. (Ich hatte ein paar Phantasien, was ich mache, wenn ich den Führerschein habe und Biene, nicht angeleint …)

Mich hat neulich jemand gefragt, ob ich nicht Angst habe. Nein, ich denke ich habe keine Angst. Ich bin eher froh die Herren S. und K. los zu sein.

In lockerer Folge schreibt Julius an dieser Stelle über seine Fortschritte. Das nächste Mal besteht er die theoretische Prüfung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben