Werbinich : Selbstgebastelte Fibeln für 85 Erstklässler

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Im Juni 1945 wurde ich sechs Jahre alt. „Dann kommst du in die Schule“, war mir gesagt worden. Doch jetzt bevölkerten russische Soldaten unsere schlesische Stadt Nimptsch, und es kamen Menschen dazu, die aus Ostpolen zwangsumgesiedelt worden waren. An einen geordneten Schulunterricht war nicht zu denken. Für meine Familie setzte der Kampf ums nackte Überleben ein.

Dann kam der Tag im Frühjahr 1946, an dem die Ausweisung aus Schlesien an den Litfaßsäulen angekündigt wurde. Wir waren bei einem der ersten Transporte, der uns nach wochenlanger Fahrt in ein Dorf im westfälischen Münsterland brachte. Weil nicht alle unser Hochdeutsch verstanden und wir aus dem Osten kamen, waren wir die „Polacken“.

Meine Mutter hatte darauf geachtet, meine Schiefertafel aus Schlesien mitzunehmen. Als ich nach Ostern 1946 eingeschult wurde, war ich besser dran als viele meiner Mitschüler. Tafeln gab es nicht, Hefte und Bücher ebenfalls nicht. Unsere Lehrerin Fräulein Weyer musste viel Mühe und Fantasie aufbringen, um uns das Lesen beizubringen.

Mit Ehrfurcht betrachte ich die von ihr hergestellte Fibel, die ich durch die Jahrzehnte gehütet habe. Sie hatte Papier zurechtgeschnitten, die Linien gezogen und alles mit einem Bindfaden in einen Karton geheftet. Außen prangt in Schönschrift der Name des Kindes, innen sind die Seiten erst mit einzelnen Buchstaben, dann mit Silben und Wörtern und schließlich mit ganzen Sätzen beschrieben.

In kann nur vermuten, wie viele Stunden für die Herstellung eines Fibelheftes, immerhin 108 Seiten, benötigt wurden. Und das sage und schreibe 85-mal. Es ist unglaublich, aber ich hatte in der ersten und zweiten Klasse 84 Klassenkameraden, wie das Klassenfoto beweist.

Die Schule platzte damals aus allen Nähten, denn die Einwohnerzahl des Dorfes hatte sich durch Ausgebombte und Vertriebene nahezu verdoppelt. Mir ist es heute unbegreiflich, wie es unserer Lehrerin gelang, unsere Klasse aus Berliner Großstadtgören, westfälischen Dickschädeln und preußischen Beamtenkindern zu unterrichten.

Unser Leser Klaus Schartmann, 66, war Pastor in Siegburg bei Bonn und lebt jetzt im Kreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt.

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