Werbinich : Sicher zur Schule

An der Wilmersdorfer Robert-Jungk-Schule hängt Berlins erster Kondomautomat. Und jetzt?

Ulf Lippitz

Eine 17-Jährige schreibt ihre Geschichte auf – und wird zur Skandalautorin. Die Italienerin Melissa Panarello verkaufte dieses Jahr mehrere Millionen Exemplare ihres Tagebuches „Mit geschlossenen Augen“. Auch 150 000 deutsche Leser wollten wissen, worüber noch im Sommer ganz Italien redete: Sex in der Schule. Niemand regte sich ernsthaft darüber auf, dass eine Schülerin Sex hatte – aber Melissas larmoyanter Ton und ihre schonungslose Art, mit der sie ihre vielen Männergeschichten beschreibt, schockierten die Kritiker.

Es war fast so, als hätte bis dahin niemand gewusst, dass Schüler freien Zugang zum Internet haben, sich in Chatrooms registrieren, einander Bilder zuschicken und gemeinsam Sexseiten anschauen. Dass es in den Hiphop-Clips, die die Musiksender zeigen, größtenteils nicht unbedingt nur ums Händchenhalten geht. Aber was fängt ein Zwölfjähriger damit an, wenn er nicht mal weiß, wie man ein Kondom benutzt? Woher weiß ein 13-jähriges Mädchen, was es beim ersten Mal wirklich beachten sollte? Abgeklärt geben sich die meisten, aufgeklärt handeln wenige.

Marcel bestätigt den Verdacht. Der Wilmersdorfer Schüler ist 16 Jahre alt, trägt blondes langes Haar, das an den Seiten kurz rasiert ist. Er berichtet, wie ein Freund kürzlich mit einem Mädchen geschlafen hat ohne zu verhüten. „Das finde ich überhaupt nicht okay“, sagt er und schüttelt den Kopf, dass die langen Haare fliegen. Er hat auf der Schulkonferenz der Robert-Jungk-Gesamtschule dafür gestimmt, dass ein Kondomautomat im Erdgeschoss, direkt hinter dem Schülercafé, angebracht wird. Ende November kamen Mitarbeiter der Firma Fixpunkt und schraubten einen weißen Metallkasten an die Wand, den eine rote Schleife wie ein Geschenkband ziert. Es ist der erste Kondomautomat an einer Berliner Schule.

Die Direktorin der Schule, Ruth Garstka, nennt das ganz fachmännisch ein „niedrig-schwelliges Angebot“. Sie glaubt, dass zwar viele Jungen ein Kondom in der Brieftasche tragen – „als Statussymbol“. Aber sie hat auch beobachtet, wie peinlich ihren Schülern die Kondombeschaffung ist. In der Schule falle eine „Erniedrigung“ wie im „Rossmann“ um die Ecke oder in der Apotheke weg, aber die Unsicherheit bliebe, meint Ruth Garstka. Marcel erzählt, dass die Jungs gruppenweise zum Automat gehen und Kondome ziehen.

In einer Studie des Kondomherstellers Durex wurden 350 000 Teilnehmer aus 41 Ländern über ihr sexuelles Verhalten befragt. Heraus kam: Das erste Mal passiert immer früher, besonders die Isländer beeilen sich. Auf der Atlantikinsel verliert man im Durchschnittsalter von 15,7 Jahren die Unschuld. Danach kommen auch schon die Deutschen, die mit 16,2 Jahren zum ersten Mal Sex haben – in Vietnam muss man sich erst mit 19,8 Jahren Gedanken über Verhütung machen. Forscher denken, dass die besseren Lebensbedingungen und die Ernährung daran schuld sind, dass man früher miteinander schlafen will.

Berliner Jugendliche genießen den Ruf, noch früher Sex zu haben als Schüler in anderen Städten Deutschlands. Im September letzten Jahres hat das Gesundheitsamt in Lichtenberg herausgefunden, dass Jungen und Mädchen in Berlin mit knapp 14 Jahren das erste Mal miteinander schlafen. Die Befragung ergab allerdings auch: Viele wissen ziemlich genau, wie man Kinder zeugt, aber nicht, wie man Verhütungsmittel benutzt. In ganz Berlin haben im vergangenen Jahr 1400 junge Frauen unter 20 Jahren einen Schwangerschaftsabbruch machen lassen – obwohl hier Lehrer bereits in der Grundschule aufklären. Das ergab jedenfalls ein Anruf bei der Senatsverwaltung. Ganz anders läuft es in den USA. Dort setzt die Bush-Regierung auf Enthaltsamkeit. Sie unterstützt Aufklärungsprogramme, die für Unter-18-Jährige Enthaltsamkeit propagieren. Nur so könnten Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften eingedämmt werden, glaubt die Regierung. Untersuchungen zufolge halten sich tatsächlich mehr und mehr Jugendliche an das No-Sex-Gebot.

Bei uns klären Mama und Papa ihr Kind im Durchschnitt auf, wenn es elf Jahre alt ist. Oft genug gibt es Streit, wer wem was sagen soll. Und dann wird es meistens peinlich. Dann fragt man doch lieber Freunde oder informiert sich im Internet. Kann man Aids über Zungenküsse übertragen? Stimmt es, dass man beim ersten Mal nicht schwanger werden kann? Das sind einige der häufig gestellten Fragen in der Sexualberatung. Nachzulesen auf der sehr guten Website www.loveline.de – das ist eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geschaltete Informationsplattform.

Helfen weder Eltern noch Freunde, schlägt die Stunde von Dr. Sommer. Das Beratungsteam der „Bravo“ leistet seit über 30 Jahren allen Wissbegierigen Beistand. Auf der Website gibt es reihenweise nackte Fakten: Fotos illustrieren die schönsten Stellungen, Experten beantworten persönliche Fragen. Hunderte Anfragen laufen wöchentlich in München auf. „Bei uns geht es mehrheitlich um Fragen, die mit Gefühlen zu tun haben“, sagt Eveline von Arx, die das fünfköpfige Team leitet, „aber auch um körperliche Veränderungen in der Pubertät.“ Mädchen und Jungs erwarten Antworten, warum Mitschüler bereits weiter entwickelt sind – oder was genau sie eigentlich beim ersten Mal tun müssen. „Jede Generation stellt sich ähnliche Fragen zum Thema Sexualität“, sagt von Arx. Sie glaubt nicht an eine größere Aufklärungsrate als vor zehn Jahren. „Die Allgegenwart von Sexualität und Nacktheit in den Medien bedeutet nicht, dass Jugendliche aufgeklärter sind“, meint sie.

Marcel von der Wilmersdorfer Schule kann über Dr. Sommer nur lachen. „Die wollen einem vorschreiben, dass man mit 13 Jahren seinen ersten Zungenkuss haben soll“, sagt er. Marcel liest keine Aufklärungskolumnen. Er hält sich für informiert – seit er in der dritten Klasse in der Grundschule „so einen lustigen Film“ gesehen hat. An der Jungk-Schule hat er mit Hilfe eines „Verhütungskoffers“ gelernt, dass es Spirale, Pille und Kondom gibt. In einer Übung muss jede Schülerin und jeder Schüler einem Styroporpenis ein Präservativ überziehen – „damit die Schüler ein Kondom überhaupt mal in der Hand haben“, erklärt Schuldirektorin Ruth Garstka.

Die Berührungsängste verschwinden, die Missverständnisse zwischen Jungs und Mädchen bleiben. Esther ist 15 Jahre und besucht auch die Jungk-Schule. Sie trägt ihren Zopf straff nach hinten, guckt ihr Gegenüber beim Reden in die Augen und verzieht genervt den Mund, wenn ihr eine Meinung falsch vorkommt. „Die Jungs geben natürlich gerne an“, sagt sie. „Sie unterhalten sich, ob sie es beim Sex gebracht haben und ob das Mädchen gekommen ist.“ Esther macht eine kleine Pause. „Ich frage mich, woher sie das wissen wollen.“

Eveline von Arx sagt: „Man kann nie davon ausgehen, dass alle aufgeklärt sind.“ Das muss sie auch sagen, denn sonst wären sie und ihre Mitarbeiter arbeitslos. Ruth Garstka, die Schuldirektorin, stimmt ihr aber zu. Sie ist optimistisch, weil die Schüler nicht nur um den Automaten herumschleichen, sondern auch Münzen reinwerfen. Kürzlich kam ein Junge aus der siebten Klasse – „so ein Harry-Potter-Typ“ – zu ihr und beschwerte sich, zwei der fünf Kondomsorten seien bereits ausverkauft.

Auch Esther findet den Automaten richtig. „Aber animieren wir mit so einem Automaten die Siebtklässler nicht zu Sex“, fragt sie. Marcel glaubt das nicht. Man kann mit Verhütung nicht früh genug anfangen, sagt er.

In einem Punkt sind sich beide einig: Auch an ihrer Schule ist Sex schon längst Alltag geworden.

www.loveline.de

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