Werbinich : Sitzenbleiben tut gut

Unsere Leserin Marianne Drews glaubt an Wunder, seitdem sie eine Klasse wiederholte

-

Später, da war ich längst erwachsen, zersplitterte alles, was mir wichtig gewesen war. Meine Ehe scheiterte, die Kinder drohten mir zu entgleiten. Wahrscheinlich hätte ich mich aufgegeben – wenn nicht 1958, in der sechsten Klasse diese Geschichte passiert wäre:

Ich war zwölf Jahre alt, saß in unserem Keller und wünschte mir, dass ein Erdbeben das Haus und mich für immer begraben würde. Etwas Furchtbares war passiert: „nicht versetzt“ stand auf meinem Zeugnis. Aber so sehr ich auch hoffte, es bebte nur in mir. Schon zwei Jahre lang, seit der fünften Klasse hatte mich Fräulein Osthues gequält. Die Lehrerin mit den grauen Haaren und dem schwarzen Wollrock stellte mich vor der Klasse bloß, holte zum Beispiel immer mich an die Tafel zum Vorrechnen – und ich konnte es nicht. Die Mädchen in meiner Klasse, die sowieso schon auf mich herab schauten, wollten nun gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Und nun auch noch sitzen bleiben – welche Scham.

Als ich mich nach ein paar Stunden aus meinem Versteck im Keller heraustraute, reagierten meine Eltern gelassen: „Dann wiederholst du die Klasse eben.“ Damit war das Schlimmste noch nicht überstanden: Ich hatte furchtbare Angst vor dem ersten Schultag. Auf dem Schulweg traf ich eine meiner neuen Mitschülerinnen und sagte ihr mit klopfendem Herzen, dass ich jetzt in ihre Klasse gehe. „Fein, dann können wir zusammen sitzen“, sagte sie. Das war eine wirklich gute Überraschung. Aber die beste kam noch. Fräulein Osthues war wieder meine Klassenlehrerin. Aber anstatt mich weiter leiden zu lassen, zeichnete sie mich aus. Ich durfte zum Beispiel den Kakao vom Hausmeister holen. Dadurch konnte man früher aus dem Unterricht gehen, was eigentlich nur den Besten vorbehalten war. Ich blühte in der neuen Klasse auf, hatte viele Freundinnen, die Noten wurden besser und ich wurde selbstbewusst. Ob Fräulein Osthues ahnte, dass mir das Sitzenbleiben gut tun würde? Es ist mir ein Rätsel geblieben – eines, aus dem ich gelernt habe, nie die Hoffnung aufzugeben und wach zu bleiben für kleine Wunder.

Aufgezeichnet von Claudia Keller. Marianne Drews ist 57 Jahre alt und arbeitet als Pflegerin für psychisch Kranke.

Liebe Leser, wir möchten auch Ihre Schulgeschichte aufschreiben.

Erzählen Sie sie uns:

schule@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar