Werbinich : Skeptisch ins neue Schuljahr

Vor den Ferien bleibt viel unklar: Schulen fürchten Lehrermangel und die neue „flexible Anfangsphase“

Susanne Vieth-Entus

„Zu Beginn der Ferien wird alles klar sein“, hatte Bildungsstaatssekretär Thomas Härtel (SPD) vergangene Woche dem überraschten Schulausschuss mitgeteilt, als die Abgeordneten ihn nach den fehlenden Lehrern für das kommende Schuljahr fragten. Inzwischen steht fest, dass Härtel zu optimistisch war: An den Schulen herrscht – Unklarheit. Und gestern hieß es auf Anfrage aus der Bildungsverwaltung, dass es tatsächlich nicht gelingen wird, allen Schulen vor Ferienbeginn die fehlenden Lehrer zuzuordnen. Schuld seien die Neueinstellung und Umsetzungen, die so lange Zeit brauchten.

Das aber ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die Schulen jetzt herumschlagen. Vielmehr wissen sie, dass sie auch dann noch zu wenig Lehrer haben werden, wenn alle Umsetzungen abgeschlossen sind. Denn die Vertretungsreserve, die ihnen noch zugestanden wird, tendiert gegen null. Deshalb wollen Eltern aus Tempelhof-Schöneberg morgen vor dem Roten Rathaus demonstrieren. Deshalb luden Frohnauer Eltern am Sonntag zu einem Protest-Fußballspiel. Und deshalb warnt der Spandauer Bezirkselternausschuss genauso vehement vor dem drohenden Lehrermangel wie der Landeselternausschuss und die von ihm mitgegründete Bildungspartei.

Besonders brisant ist die Lage zurzeit in den Grundschulen, die eine Reform nach der anderen bewältigen müssen. Vielen steckt noch der anderthalbfache Jahrgang der Erstklässler in den Knochen, die im Sommer 2005 erstmals mit fünfeinhalb Jahren schulpflichtig wurden. Im kommenden Jahr gibt es eine weitere Neuerung: Alle Grundschulen müssen mit der so genannten flexiblen Schulanfangsphase in den ersten Klassen beginnen. Dies bedeutet, dass diese Klassen nächstes Jahr geteilt und mit frischen Erstklässlern aufgefüllt werden. Erst- und Zweitklässler sitzen dann zusammen in einer Klasse. Und wenn Schüler am Ende dieser zwei Jahre noch nicht genug gelernt haben, können sie ein drittes Jahr in der Anfangsphase bleiben. Deshalb heißt sie „flexibel“.

Die Altersmischung wird an etlichen Modellschulen seit Jahren erfolgreich erprobt. Dennoch sind viele Kollegien skeptisch, ob sie funktioniert, denn bisher waren durchweg reformorientierte Schulen beteiligt, die die Mischung auf freiwilliger Basis und mit zusätzlichem Personal unterrichteten. Künftig wird diese anspruchsvolle Unterrichtsform aber kostenneutral und ohne Freiwilligkeit funktionieren müssen.

Am vehementesten meldet der Schöneberger Schulleiter Erhard Laube von der Spreewaldschule seine Bedenken an. Er hat zwar vor vielen Jahren – noch als GEW-Vorsitzender – einen Schulversuch zum so genannten jahrgangsübergreifenden Lernen mit angeschoben, weil er von der Idee überzeugt ist, dass sich Kinder verschiedener Lernniveaus gegenseitig gut beeinflussen können. Allerdings befürchtet er, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten mit diesem eher auf selbständigem Arbeiten beruhenden Unterrichtsprinzip nicht viel anfangen können. „Diese Kinder brauchen einen eher strukturierten Unterricht“, sagt Laube. Er fordert deshalb, das Ganze nur freiwillig einzuführen. Zudem müsse der Unterricht wissenschaftlich begleitet werden.

Manche Schulen teilen Laubes Sorgen, zumal sie fürchten, nicht genug Pädagogen für ein derart anspruchsvolles Projekt zu haben. Zunächst hatte man den Schulen versprochen, dass immer zwei Pädagogen in der flexiblen Anfangsphase sein sollten, um auf die verschiedenen Niveaus besser eingehen zu können. Inzwischen ist nur noch davon die Rede, dass maximal in der Hälfte der Stunden eine Erzieherin dabei sein kann. Aber auch das tröstet die Schulen kaum, die es mit vielen extrem schwierigen Kindern zu tun haben. Gerade erst haben die Sparzwänge dazu geführt, dass das Personal für lernbehinderte und verhaltensgestörte Kinder gekürzt wurde. Unter diesen Einsparungen leiden alle Grundschulen, auch unter den schwierigen Kindern.

Doch teilen nicht alle Rektoren die Bedenken Laubes im Hinblick auf die flexible Anfangsphase. Rosi Stetten, Leiterin der Kreuzberger Charlotte-Salomon- Grundschule, hat seit acht Jahren Erfahrungen mit der Jahrgangsmischung und konnte nicht feststellen, dass dieser Unterricht für die bildungsfernen Schichten ungünstig sei. Auch Karin Babbe von der Weddinger Erika- Mann-Grundschule ist nach anfänglicher Skepsis von dem Modell überzeugt. Aber auch sie empfiehlt, die Reform wissenschaftlich auswerten zu lassen. Und auch sie sagt, es sei „schädlich“, dass die Stunden für die Behindertenintegration gekürzt wurden. Und zudem ärgert es sie, dass das Bezirksamt ihr 24 Kinder in die Klassen „drückt“, obwohl der Bildungssenator empfohlen hatte, in den Ausländerbrennpunkten bei 21 Kindern Schluss zu machen.

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