Werbinich : Soldatenpferde in der Turnhalle

Unsere Leserin Christa Lipfert teilte ihre Schule mit der Roten Armee

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Stellen Sie sich das mal vor: Es ist Fliegerangriff, und 500 Schulkinder sollen in nur fünf Minuten in den Luftschutzkeller. Das geht doch nicht! 1943 wurden deshalb Zehntausende Kinder aus Berlin herausgeschafft. Wir vier Geschwister und unsere Mutter kamen nach Forst in der Lausitz. Da gingen wir mit Kindern aus dem Ruhrgebiet, Köln und Hamburg in die Schule. Unser Vater blieb in Berlin. Er war zum Glück nicht wehrtauglich.

Trotz der Bombenangriffe beschlossen meine Eltern Anfang 1945, dass wir zu meinem Vater zurückkehren. Sie dachten: „Wenn wir schon sterben müssen, dann lieber zusammen.“ Wir kamen heil in Berlin an. Schon Ende Februar ging ich mit meiner Mutter zur GertrudStauffacher-Oberschule in Mariendorf, denn ich wollte Abitur machen. Vor der Evakuierung hatte ich die Mittelschule besucht, weil da das Schulgeld geringer war. Meine neue Klasse bestand nur aus sieben Mädchen. Die erste Etage war voll gestellt mit Möbeln von ausgebombten Familien. Anfang April wurde die Situation aber so brenzlig, dass wir nicht mehr zur Schule gehen konnten. Kurz darauf besetzte die Rote Armee ganz Berlin. Ich aber wollte unbedingt zur Schule gehen, und so machte ich mich auf den Weg.

Als ich zur Stauffacher-Schule gelangte, sah ich schon im Hof, dass die Russen da waren: Überall standen große Mannschaftswagen, die Turnhalle diente als Pferdestall. Im Schulgarten waren sechs Volkssturmleute beerdigt. Wir Kinder mussten die Klassenräume säubern. Es stellte sich heraus, dass die Soldaten sogar die Schubladen des Landkartenschrankes für die Verrichtung ihrer Notdurft benutzt hatten. Auch auf den Fluren stießen wir auf solche „Haufen“, die wir mit Schaufeln wegschafften. Dann aber begann der Unterricht – nur mit Stift und Papier, bis neue Schulbücher da waren. Die Russen gingen, und die Amerikaner kamen. Nach einigen Wochen wurden die Toten aus dem Schulgarten umgebettet. Wir Kinder sollten nicht aus dem Fenster sehen. Alle hielten sich daran – wir hatten genug Schreckliches erlebt.

Aufgezeichnet von Susanne Vieth-Entus. Christa Lipfert ist 74 Jahre alt. Die Stauffacher-Schule ist im Eckener-Gymnasium aufgegangen.

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