Werbinich : Solo Samacha

Wenn der 17-Jährige Klavier spielt, dann gleich stundenlang. Und alle fragen sich: Woher hat er dieses Talent?

Johanna Lühr

Samacha, der unscheinbare Samacha, sitzt auf dem Klavierhocker, die Hände im Schoß gefaltet, und gleich wird eine Verwandlung passieren. Plötzlich schlagen seine Finger die Tasten herunter, der Raum explodiert von seinen Tönen, in seinem Gesicht bewegt sich fast nichts. Das Unscheinbare an ihm ist verschwunden. „Gut“, sagt der Dirigent neben ihm, der heute gekommen ist, um Liszts 1. Klavierkonzert in Es-Dur zu hören. Mit ihm wird Samacha Lamphong sein erstes Solokonzert mit Orchester spielen.

Wunderkinder gibt es nur für die anderen. Weil sie etwas haben, das man nicht hat, weil sie davon völlig ausgefüllt scheinen und weil man nicht weiß, woher es kommt. Samacha Lamphong ist so einer. Ein Klavier-Wunderkind, das lieber nicht so genannt werden will. Letztes Jahr hat er den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ in der Kategorie „Solo Klavier“ gewonnen, da war er 16. Mit fünf hat er begonnen, Mozart zu spielen und ein paar Monate danach gab er sein erstes Bach-Konzert. Seitdem spielt und spielt er, sechs Stunden am Tag, in den Ferien länger.

Samacha sitzt zu Hause im Wohnzimmer-Sessel, er trägt Jeans, Pullover, Turnschuhe, ein ziemlich normaler Junge, nicht cool, aber auch nicht von gestern. An den Wänden Regale voller Platten, CDs und Noten, auf dem Flügel steht ein Käsekuchen, die Mutter bringt Tee, der Vater erzählt. Er habe gleich bemerkt, dass der Junge Talent hat, sagt der Vater. Mit welcher Leichtigkeit er seine Bewegung nachgeahmt hätte. Er war selber Pianist, arbeitete als Musikdozent und übernahm auch den Unterricht seines Sohnes. Die Mutter ist Thailänderin. „Wir haben ihn zu nichts gedrängt“, sagt der Vater. Er kennt die Vorwürfe an die vermeintlich ehrgeizigen Eltern. Seit der Grundschule habe er Probleme mit Lehrern, die das Talent seines Sohnes nicht sähen und Samacha nicht genügend Zeit zum Üben gäben. Samacha steht morgens um sechs Uhr auf, um eine Stunde vor der Schule zu spielen, mit Kopfhörern wegen der Nachbarn. Wenn er um zwei wieder nach Hause kommt, geht es weiter. Um neun sei er meistens fertig. Für anderes bleibt nicht viel Zeit. Ob er etwas vermissen würde? „Nein, ich will spielen“, sagt Samacha. Er sagt das so, als ob das ganz selbstverständlich sei. Manchmal würde er auch Billard spielen oder auf eine Party gehen, aber meistens würde er sich dabei langweilen. Und nachher ärgern, dass ihm die Zeit fürs Klavier fehle. Nach anderen Interessen, anderer Musik gefragt, muss er lange nachdenken. „Wir haben ein paar alte Platten von Elvis zu Hause“, sagt der Vater.

„Die Erlebnisse, die die am Klavier haben, sieht man nicht“, sagt Thomas Just, Musikdozent an der Hanns-Eisler-Hochschule und seit drei Jahren Samachas Lehrer. „Die“ das sind seine Jungstudenten, die „Wunderkinder“, auch er mag den Begriff nicht gebrauchen, weil das klinge, als sei einfach ein bisschen Talent vom Himmel gefallen. Dabei gehe es auch in der Musik vor allem um handwerkliches Können. Ohne Technik könne man sich nicht äußern. Samacha, sagt er, habe eine manuelle Begabung und einen guten Instinkt fürs Klavier. Und er will üben, nur mit Druck würde das keiner durchhalten. Vielleicht liegt das Wunder da: in der Beschränkung auf eine einzige Sache. Nichts zu vermissen, während Gleichaltrige durch die Straßen ziehen, quatschen und sich verlieben.

„Was würde ich darum geben, einmal so spielen zu können wie Sie!“, soll ein Bewunderer des berühmten Violinisten Isaac Stern nach einem Konzert ausgerufen haben. „Auch zwölf Stunden üben täglich?“, habe der darauf zurückgefragt. Der Weg zum Solomusiker ist anstrengend. Das sei wie Bergsteigen, sagt Thomas Just, und die Kraxler werden immer jünger. Viele von ihnen kämen aus China oder Korea, wo die Begeisterung für europäische Musik groß sei und sie hätten eine intensive Ausbildung hinter sich. Die Technik sei perfekt, nur die Emotionalität brauche etwas mehr Zeit, um sich zu entwickeln. Aber woher kommt der Ausdruck der Gefühle, wenn man nur in seiner Musik lebt, sich alles Erleben nur im Kopf abspielt?

Orchester muffen irgendwie. Nachmittägliche Klavierstunden und Flötespielen riechen nach Spießertum und Bildungsbürger-Zuhause und in die Philharmonie gehen nur Rentner. So denken die einen. Die anderen haben solche Musik noch nie gehört.

Die Aufführung, für die Samacha übt, ist nächste Woche in der Oppenheim-Oberschule in Wilmersdorf. Das ist eine Haupt- und Realschule, und Samacha ist hier Schüler. „Samacha gibt den anderen Schülern Selbstbewusstsein“, sagt der Direktor der Schule, Helmut Dettmer-Besier. Denn daran mangele es in der Hauptschule. Die meisten haben wenig, worauf sie stolz sein könnten. In einem halben Jahr hat Samacha den Realschulabschluss. Für das Studium an einer künstlerischen Hochschule reicht das. Sein Ziel? Musik studieren, Solokonzerte geben und einmal in der Carnegie Hall spielen, da ,wo alle berühmten Pianisten aufgetreten sind. Und wenn es nicht klappt mit der Karriere? Wenn er irgendwann nicht mehr spielen kann? Der Vater kann sich das nicht vorstellen, der Sohn auch nicht.

Das Orchester, mit dem er spielen wird, heißt „Tonika“, darin sitzen Musikhochschüler, Studenten, junge Berufsmusiker und Soldaten des Musikkorps. Die Idee, in der Schule zu spielen, sei dem Orchester gekommen, weil sie die Musik heraus aus der Philharmonie und hin zu den Jugendlichen bringen wollten, sagt der Dirigent Moritz Onken, 28 Jahre alt ist er. Ihr erstes Konzert spielten sie in der Turnhalle der Oppenheim-Schule, da saß das Publikum auf Matten und ein paar sogar mitten im Orchester. Dass ihr nächster Solist von dieser Schule kommen wird, hätte Moritz Onken nicht gedacht.

Um so mehr habe es ihn gefreut. Wenn die Distanz zum Orchester aufgehoben wird, wenn Musiker kaum älter sind als Zuhörer, schwinde die Berührungsangst. „Und plötzlich hört man etwas, das bis nach innen vordringt und uns nicht bloß von außen die Ohren verstopft“. Er glaubt, dass es eine Sehnsucht gebe, wieder richtig zu fühlen. „I just want to feel“, das singt auch Robbie Williams.

Bei ihrem ersten Turnhallen-Konzert mussten die Musiker der „Tonika“ sich an das Gequatsche und Gerufe im Saal und das Anfeuern beim Fortissimo gewöhnen. Ein paar Schüler fanden es nachher doch „ganz ok“. So, wie sie Samacha ok finden, ihn, der doch eigentlich ein Exot unter ihnen ist. Der in den Pausen oft Klavier übt, beim Sportunterricht auf seine Hände aufpassen muss und ganz genau weiß, was er mal werden will. Vielleicht bewundern sie ihn für dieses Anderssein. Vielleicht ist er auch einfach zu weit entfernt von ihrem Leben.

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