Sommer : Auf heißen Kohlen

Die einen werfen Gemüsespieße auf den Grill, andere ertränken ihr Steak in Jägersauce: Eine Typologie

Elena Senft
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Foto: pa/gms

DER PROFI

Mit schwerem Gerät erreicht er etwas zu spät die Grillstelle im Park. Er trägt eine Multifunktionshose, an der ein Taschenmesser befestigt ist. Er setzt seinen prall gefüllten Trekking-Rucksack neben den bereits Grillenden ab, hält einen mit Speichel benetzten Finger in die Luft und sagt: „Sorry, aber bei den Windverhältnissen geht hier gar nichts!“ Alle müssen umziehen. Er ölt sein Grillbesteck und verteilt die Aufgaben. Herrisch kommandiert er Leute zum Glutfächern und Kohleauffüllen ab. Schwitzend und mit Asche im Haar steht er mit seinem Wendewerkzeug am Grill. Seine Wortbeiträge beschränken sich auf nüchternes „Würstchen dauern noch fünf Minuten“. Hungrig geht er am Ende nach Hause, denn natürlich blieb zum Essen keine Zeit, weil er auch noch allein das Volleyballfeld aufbauen musste.

DAS MÄDCHEN

Sie hat aus den vorigen Sommern gelernt und weiß, dass in Alufolie eingewickelte Kartoffeln grundsätzlich immer auf dem Grund des Grills vergessen werden, um hinterher gemeinsam mit der Kohle als ebensolche in den Müll geschüttet zu werden. Daher hat sie seit den frühen Mittagsstunden Spieße aus Zucchini, Zwiebeln und Paprika zusammengesteckt und einige Hähnchenbrustfilets in einer Marinade aus mediterranem Schnickschnack eingelegt. Sie kommt mit Picknick-Trolley mit abwaschbarem Emaillegeschirr und einer großen Decke. Alle, die keinen eigenen Trolley dabei haben, machen sich über sie lustig, um dann aber hinterher bräsig auf ihrer Decke zu liegen und ihren Korkenzieher für den Rotwein auszuleihen. Der Kartoffelsalat aus der Plastikdose ist ihr zu fettig, und ihre Spießchen schmecken nach dem Holzfällersteak, das unachtsam auf ihrem Grillgut zwischengelagert wurde. Sie ist erst wieder versöhnlich gestimmt, als einer seine Gitarre auspackt und „Blowing in the wind“ anstimmt. Das Aufräumen bleibt am Ende natürlich an ihr hängen. Schließlich hat sie als einzige blaue Müllsäcke dabei.

DER SCHNORRER

Er hat mal wieder nur sich selbst mitgebracht. Das sei aber nicht verwerflich, betont er, denn er habe eh keinen Hunger und auch sowieso nur ganz kurz Zeit. Nach fünf Minuten macht er sich mit einem schüchternen „Das sieht aber gut aus …“ bei seinem Nebenmann bemerkbar und rückt näher. Auf Nachfrage lässt ihn der Bedrängte probieren, und der Schnorrer sackt mit einem orgiastischen Augenrollen in sich zusammen, so dass ihm niemand mehr einen eigenen Teller und Besteck verwehren kann. Am Grill bietet er sich aufdringlich als Hilfe und Sprücheklopfer an, und wer den ganzen Abend anderen Leuten Steaks zubereitet hat, wird ja wohl einen Happen mitessen dürfen. Sobald jemand auch nur kurz seinen Pappteller abstellt, um einen Schluck zu trinken, ist der Inhalt mit einem scheinheiligen „Na bevor’s wegkommt …“ im Mund des Schnorrers verschwunden. Alle sind genervt, sagen das aber nicht laut. „Unheimlich trocken, das Baguette“, ruft der Schnorrer fröhlich. „Reicht mir mal jemand ein Bier, bitte?!“

DER KERL

Schon ab Mitte März trägt er mit seinen fünf Kumpels jeden Samstag zwanzig Sixpacks Billigbier in den Park, von denen bereits fünf unterwegs geleert werden, und singt „Zehn kleine Jägermeister“ von den Toten Hosen. Im Supermarkt hat er sich mit rauen Mengen an Schweinekamm und in Zigeunersauce marinierten Nackensteaks aus der Kühltheke eingedeckt. Das ganze Fleisch wird gleichzeitig auf den billigen Tankstellengrill gewuchtet. Fettig tropft die Marinade in die Kohlebriketts und stinkt bestialisch. Jeder der Kumpels hat anfangs behauptet, ein großes Grilltalent zu sein. Nachdem jedoch jeder fachmännisch eine ganze Flasche Bier in die Glut gegossen und anschließend zugegeben hat, dass keiner weiß, wozu das mit dem Bier überhaupt gut sein soll, ist die welpenhafte Anfangserregung verflogen, und man wendet sich dem Nudelsalat mit Fleischwurst, Dosenmais und Mayo zu. Am Ende ist das Fleisch verbrannt, wird aber dennoch vollständig in Jägersauce ertränkt und gegessen. Ein bodenständiger Abend. Das Exotischste ist der Curryketchup.

DER ELEKTROGRILLER

Er ist tagsüber gegen Pollen und abends gegen Mücken allergisch, deswegen gibt es für ihn nie den richtigen Zeitpunkt, um in einem Park auf dem Boden neben einem Grill zu sitzen, der tagsüber dafür sorgt, dass man unattraktiv glänzt und schwitzt, und abends, dass man vorne schwitzt und sich hinten die Nieren verkühlt. Außerdem kann er sich nicht vorstellen, dass Lebensmittel, die in dunklem Rauch über tiefschwarzer Kohle gelegen haben, nicht auf der Stelle Krebs oder Schlimmeres verursachen. Er selber besitzt einen George-Foreman-Gedächtnisgrill, dessen Grill-Feeling in etwa so hoch ist wie das eines Sandwichtoasters, und einen Balkon, der so klein ist, dass sich alle darauf einigen, am Tisch zu essen. Er ist der heimliche Lieblingsgastgeber der weiblichen Grillgesellschaft, denn jedes Mädchen weiß, dass Lagerfeuerromantik dann ihr jähes Ende findet, wenn man das erste Mal aufs Klo und anschließend mit bepinkeltem Hosenbein wieder am Grill Platz nehmen muss.

DER AVANTGARDIST

Er war der Erste, der damals mit Tofu angefangen und sein eigenes Vegetariertum durch die Zubereitung eines Tofuburgers „Gyros-Art“ konterkariert hat. Er freut sich auf die Grillsaison. Denn in keiner anderen Zeit trifft man sich so oft zum Essen und kann so hemmungslos und ungefragt zur Schau tragen, wie kosmopolitisch und erfindungsreich man ist. Während die anderen schnöde Würstchen auf den Rost drücken, hat er ein Pangasiusfilet im Bananenblatt dabei. „Im Prinzip kann man ja alles grillen“, wird er am Abend noch fünf Mal sagen. Nachdem er seinen eigens schon frühmorgens in Rostock gefangenen Dorsch in die Mitte des Grills gelegt und mit toskanischem Olivenöl bestrichen hat, riecht die ganze Grillage wie der Hamburger Hafen . Er hebt sein osteuropäisches Bier zum Anstoßen in die Luft. „Na zdraví!“, sagt er altklug wie die Stimme in der „Sendung mit der Maus“, und „das war tschechisch.“

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