Werbinich : Sommer, Sonne, Schmusekurs

Angeblich ist die Urlaubsliebe die unkomplizierteste Beziehung von allen. Das stimmt. Aber nur bedingt. Nach den Ferien ist der Zauber oft verflogen.

PREADOLESCENCE Foto: picture-alliance / 6PA/MAXPPP
Foto: picture-alliance / 6PA/MAXPPP

Neulich habe ich ein Foto gefunden. Auf dem Bild ist ein wirklich grässlicher Junge mit einem im Sommerwind spielenden Oberlippenflaum zu sehen. Der Junge trägt knielange Badeshorts, steht an einem Strand im Sonnenuntergang und guckt sehr ernst. Er ist traurig. Meinetwegen. Das wirklich schockierende Erlebnis für mich persönlich war beim Betrachten des Bildes allerdings nicht die vergessene Tatsache, dass ich mal mit Jungs mit Schnauz verkehrt habe, sondern die Oberflächenstruktur des Bildes, die vermuten ließ, dass das Foto einst zerknüllt und anschließend wieder glatt gestrichen wurde. Auch ich war traurig. Wegen eines Jungen mit Oberlippenbart.

Der Junge auf dem Foto ist meine erste Urlaubsliebe, ich lernte ihn auf einem Zeltplatz an der spanischen Atlantikküste kennen. Und der Bart, mein Gott, das trug man da halt so. Der Urlaub war großartig und ich war verliebt. Irgendwie ganz anders verliebt, als ich es von zu Hause kannte. Unbeschwerter verliebt, aufregender verliebt, romantischer verliebt. Ich erinnere mich dunkel, dass wir beide – der Junge und ich – zum Abschied sogar geweint haben, was im Nachhinein betrachtet vielleicht etwas übertrieben war.

Zu Hause wollte es einfach nicht besser werden. Ich dachte immer noch an den Schnurrbart-Jungen. Meine Freundinnen sagten, es seien doch nur zwei Wochen gewesen und ich würde den ja eigentlich eh gar nicht kennen und außerdem der sei ja sowieso immer betrunken gewesen.

Ich glaubte ihnen nicht, obwohl ich jeder von ihnen schon mal das Gleiche erzählt habe. Ich dachte, bei ihm und mir sei es vielleicht etwas anderes. Sonst wäre es ja nicht so anders gewesen. Trotzdem beendete er unseren Kontakt. Am Telefon. Er könne nicht anders, sagte er. Die Entfernung. Ich zerknüllte sein Bild.

Das ist die Tücke an Urlaubslieben: Sie hat etwas Fatalistisches, dazu etwas sehr Romantisches. Sie klingt nach einem „Es geht nicht“ anstelle eines „Es klappt nicht mit uns“. Die Umstände sprechen gegen die Liebenden, sie dürfen nicht zusammen sein, obwohl die Gefühle angeblich so stark sind und die Zeit so schön. Die Urlaubsliebe fühlt sich so schön und so besonders an, weil das Ende schon immer mitschwingt. Wenn man heimlich die Tage zählt, die einem noch bleiben und dann wiederum panisch überlegt, was man alles noch unbedingt in diesen Tagen mit der Urlaubsliebe erleben muss. Zum Nachdenken hat man keine Zeit. Natürlich kennt man sich nicht. Vor allem, weil in den zwei Wochen auch nicht so viel geredet wurde und das gemeinsame Vokabular mit einem sizilianischen Bademeister sich nach einem semi-informativen Smalltalk und der Versicherung, dass man schöne Augen habe, weitgehend erschöpft hat. Aber das macht alles nichts. Die Urlaubsliebe ist ja eben so bedingungslos toll, eben weil man sich nicht kennt und wahrscheinlich auch nie kennen lernen wird.

Die kurze Zeit hingegen, die man miteinander verbringen darf, ist das Gegenteil von dem, was man oft von seinen Beziehungen zu Hause kennt: Die Urlaubsliebe ist unkompliziert, sie macht keinen Stress. Mit ihr ist man entspannt, fühlt sich wohl und ungemein leichtfüßig. Mit niemandem war es so großartig wie mit der Urlaubsliebe. Und wenn man zu Hause ist, vermisst man genau dieses Gefühl. Leider vergisst man dabei auch oft die Tatsache, dass es nicht unbedingt nur an der Person lag, dass die letzten Wochen so schön waren, sondern dass man sich nun mal gerade im Urlaub befand, der ja nun mal nicht zur stressigsten Zeit des Jahres gehört.

Die Urlaubsliebe ist ein Teil des Urlaubes und mit einer normalen Liebe einfach nicht zu vergleichen. Natürlich vergisst die Urlaubsliebe nicht, den Müll runter zu bringen. Die Urlaubsliebe macht keine Eifersuchtsszenen, wieso sollte sie auch? Und uneingeschränkt toll findet man die Urlaubsliebe doch vor allem deswegen, weil man im Urlaub halt nicht überprüft, ob die betreffende Person sich später auch ein Leben mit Kindern und ob man selbst sie sich auch bei Mama und Papa an der Kaffeetafel vorstellen kann. Die Urlaubsliebe darf gerne denken, dass Mailand in Spanien liegt und darf auch gerne blondierte Strähnchen tragen. Sie wird nicht hinterfragt, man findet sie bedingungslos wundervoll.

Es gibt nur ein Mittel dafür, diese Glorifizierung wieder aufzuheben: Das Wiedersehen mit der Urlaubsliebe. Jeder, der schon mal plötzlich einen tunesischen Animateur vor der Tür stehen hatte, weiß, wovon ich spreche. Eine hochromantische Urlaubsliebe bleibt nur dann eine solche, wenn man sie eben nicht wiedersieht. Wirklich kennen lernen möchte man seine Ferienbekanntschaft nicht.

Wir waren mal zu viert in Griechenland. Wir lernten vier Engländer kennen. Nadine verliebte sich in John. John verliebte sich in Nadine. Nach unserer Rückkehr nach Berlin war mit Nadine nichts mehr anzufangen. Wir dachten, es würde sich irgendwann legen, bis sie anfing, Urlaubsfotos in Größe DIN A 3 mit Tapetenkleister an ihrer Wand zu drapieren. Zu ihrem Geburtstag schließlich ließen wir alle vier Engländer einfliegen. Es war schlimm und wir wussten es alle, sobald wir sie sahen: Vor uns standen vier furchtbare, betrunkene Proleten, die Sonnenbrand hatten, in Bristol scheinbar moderne Vokuhilas trugen und deren Interesse an der deutschen Kultur sich mit dem von ihnen ständig wiederholten Wort „Oktoberfest“ zusammenfassen ließ. Warum hatten wir uns nicht einfach noch mal eingehend die Urlaubsbilder angeguckt und nachgedacht, bevor wir uns so was ins Haus holen? Es wurde ein sehr langes Wochenende. Auch die Engländer fanden uns nicht mehr so toll, sondern spießig und unlocker. Nadine knutschte aus Höflichkeit noch mal mit John und er machte aus Höflichkeit mit. Keiner von uns acht hat danach noch einmal den Kontakt gesucht.

Das Gefühl aus Griechenland ließ sich nicht mal in Ansätzen und nach viel Alkohol wieder herstellen. Die Urlaubsliebe heißt nun mal deswegen so, weil sich die Liebe nur auf den Urlaub beschränkt. Sie braucht einen Ort, weit weg von zu Hause, sie braucht ein unbeschwertes Gefühl, in dem man bereit ist, auch mal das ein oder andere Auge zuzudrücken und man selber braucht das Gefühl, sich von zu Hause unbeobachtet zu fühlen, weil Urlaubsflirts nun mal auch oft Menschen sind, die man zu Hause nicht auf seiner Geburtstagsfeier haben will. Man liebt sich, natürlich. Im Urlaub.

Ich musste lange nach dem vollständigen Namen meiner ersten Urlaubsliebe überlegen. Dann habe ich ihn gegoogelt und gefunden. Er ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Uni. Er ist Architekt. Der Bart ist ab. Er sieht gut aus. Kurz überlege ich, ob ich mich mal melden sollte. Lieber nicht.

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