Spielsucht : Wir sind Superhelden

Sie flüchten sich in eine bunte Welt: die Fans der Yu-Gi-Oh!-Spiele. Manche verlieren sich fast darin und bekommen Probleme mit ihrem realen Leben.

Daniela Martens
227193_0_50badfb9
Sie wollen doch nur spielen. Kartenspiele sind ihr Ding - und Sieger wären sie auch gerne.Foto: Uwe Steinert

Der Großmeister der sechs Samurai macht ein klatschendes Geräusch. "Mach", sagt Matthias. Wieder klatscht eine Karte auf den Tisch. "Okay, mach", sagt sein Kontrahent, ein dunkelhaariger Junge mit Bartflaum. Klatsch, ein anderer Samurai fliegt auf den Tisch. Matthias' Gesicht ist ausdruckslos. Mit Fingerbewegungen so schnell, dass man ihnen nicht folgen kann, schnippst er seine Spielkarten in der Hand hin und her. Nervös? "Nein, ich will den Gegner verunsichern." Klatsch. Beide reden nicht viel. Und dann hat plötzlich der andere mit einer "Spezialbeschwörung" gewonnen. Beide beginnen mit gekonnten Bewegungen ihre bunten Karten neu zu mischen. "Ich hatte kein Monster, das stark genug war", sagt Matthias bedauernd. Dabei spielt er doch mit seinen "Samurai-Karten" und der "Großmeister" war sozusagen sein "Trumpf".

Matthias Dirksen ist 18 und einer von etwa 30.000 Yu-Gi-Oh!-Spielern in Deutschland. An einem verregneten Sommersonntag spielt er in einem großen Zelt vor dem Tempodrom. An langen Tischen sitzen dort ein paar hundert Kartenspieler und "duellieren" sich. Die meisten sind Jungs zwischen zehn und 25. Erst auf den zweiten Blick sieht man auch ein paar Mädchen. Es ist ein Turnier außer Konkurrenz am Rand der Yu-Gi-Oh!-Weltmeisterschaft im Tempodrom.

Yu-Gi-Oh! - benannt nach einer japanischen Manga-Cartoon-Fernsehserie, in der die Hauptfiguren auch immerzu Karten spielen, allerdings springen die Monster da aus der Pappe heraus. Mit der Serie fing bei Matthias vor sechs Jahren alles an. Inzwischen ist er 18. "Und dann habe ich mir ein Stardeck geholt." Wie bitte? Yo-Gi-Oh-Spieler haben eine Art eigene Sprache, voller Abkürzungen für Insider: "Stardeck" steht für "Starterdeck", erklärt Matthias. Aha. "Na, ein Kartenset für Anfänger." Ach so. Und manchmal wird der Insider-Slang zum Kauderwelsch: "Wenn eine Spezialbeschwörung beschworen wird, kann man den Gegner zerstören", versucht Matthias eine der vielen Spielregeln zu erklären. Na dann. Zum Wettkampf hat er einen schweren Rucksack voller Karten mitgeschleppt. 40 braucht man für ein Spiel, aber es gibt insgesamt mehr als 6000 zu kaufen. Matthias hat etwa 2000 gesammelt, vier dicke Alben voller "Gladiatorenungeheuermonster", "Spezialbeschwörungen" und "Fallen" - in Lila, Blau und Grün. Einige sind nur 50 Cent wert, andere 50 Euro. Es gibt sogar sehr seltene Karten, die 1000 Euro wert sind, aber nicht in seiner Sammlung.

50.000 Euro habe er in den vergangenen sechs Jahren für Karten ausgegeben. Mindestens aber 40 Euro pro Woche: das Taschengeld von der Oma. "Früher war's 'ne Sucht", sagt er ziemlich leise. "Da war mir das Geld lange nicht so wichtig wie die Karten." Außerdem brauche man so viele Karten, um "ganz vorne mit dabei zu sein". Und das ist ihm wichtig. Ein paar Turniere hat er schon gewonnen. Aber meistens nur ein paar wertvollere Karten als Preis bekommen. Siegen gebe ein "gutes Gefühl". Aber "was drauf einbilden", könne man sich erst als Deutscher Meister. Das sei ein "kleiner Traum" - so zu sein wie der ebenfalls 18-jährige Vittorio Wiktor. Der hat die Deutsche Meisterschaft gewonnen und kommt gerade etwas verschlafen auf Matthias zugeschlendert. Er spiele nur noch, "wenn es sich lohnt", sagt er. Also, wenn es Laptops oder Geld zu gewinnen gibt. Leben kann er davon aber nicht.

Die Yu-Gi-Oh-Spieler leben anscheinend in einer Parallelwelt und die ist ziemlich klein: Während des Spiels besteht sie aus Deck, Hand, Feld und Friedhof. "Auf den Friedhof gehen" heißt, Karten aus dem Spiel zu nehmen. Damals, mit zwölf, verlegte Matthias diese Parallelwelt ins Klassenzimmer und spielte mit ein paar Mitschülern jede Pause, manchmal auch in der Stunde. Bis die Lehrer das Spiel aus der Schule verbannten. In der Schule fühlte er sich sowieso schon nicht besonders wohl: "Die Schüler haben immer nur rumgeschrien und die Lehrer nichts so richtig rübergebracht." Also konzentrierte er sich lieber aufs Spiel.

Bis heute geht er vier Mal pro Woche in einen der Läden, in denen man die Karten kaufen kann, zum Spielen. "Ich seh die Karte und weiß, was sie kann", sagt er stolz. Bei allen 6000 keine schlechte Leistung. Aber in der realen Welt leider nicht unbedingt zu gebrauchen. "Ich bekomme keinen Ausbildungsplatz", sagt Matthias an dem verregneten Sonntag und es klingt ziemlich resigniert. Seit eineinhalb Jahren schreibe er nun Bewerbungen -"Gut es sind nur vier pro Monat. Mit dem Führerschein ist er auch noch nicht fertig geworden. Ein paar Tage später erzählt er, jetzt habe ihn das Arbeitsamt vorgeladen und ihm ein Praktikum vermittelt: zehn Monate in der Lagerwirtschaft. Vielleicht wird danach eine Ausbildung daraus.

Übersetzt aus dem Japanischen heißt Yu-Gi-Oh! "König der Spiele". Vittorio Wiktor, der "Sieger", ist in dieser Parallelwelt tatsächlich eine Art König, Matthias dann vielleicht so etwas wie ein Graf. Ganz anders als im richtigen Leben: Obwohl Matthias aus Neukölln stammt, redet er wesentlich "hochdeutscher" als der Charlottenburger Vittorio, der so breites Neukölln-Zischlaut-Kreolisch spricht, dass man ihn manchmal kaum versteht. Auch er hat wie Matthias vor einem Jahr den erweiterten Hauptschulabschluss bestanden, sucht seitdem einen Ausbildungsplatz, hat wie Matthias vergeblich versucht, den Realschulabschluss nachzuholen. Beide haben einen 400-Euro-Job. "In Amerika kann man vom Kartenspielen leben", sagt Vittorio. 4000 Euro Gewinn gebe es manchmal.

Und da fahre er demnächst hin. Matthias guckt ihn an, im Blick eine Mischung aus Bewunderung und Skepsis. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein, trotz des ähnlichen Lebenslaufs. Vittorio, der noch nicht mal einen Anflug von Bartflaum auf den glatten Pausbacken hat, ist tief gebräunt und trägt ein breites Armband mit Dolce-und-Gabbana-Logo, ein quietschgrünes T-Shirt und ein Basecap auf dem Hinterkopf.

Matthias ist wesentlich blasser und größer. In seinem schwarzen Polyestersakko zur schwarzen beuteligen Jeans mit Comic-ähnlichen unlesbaren Buchstaben auf dem Hosenbein und mit der hochgegelten Frisur mit blondierten Spitzen passt er gut zu den drei Pappfiguren, die in einer Ecke des Zelts stehen: Yugi Muto und die anderen Protagonisten aus der Serie. Die guckt Matthias aber schon lange nicht mehr, weil sie so schlecht geworden ist und gar nichts mehr mit dem Spiel zu tun hat." In den neuen Folgen spielen die Helden beim Motorradfahren Karten. Fernsehen ist sowieso nicht sein Ding: "Wenn ich Stress hab', komm ich beim Spielen runter."

1 Kommentar

Neuester Kommentar