Werbinich : Spucke auf der Glatze

Unser Leser Johannes Wildenhain weiß heute, wie man sich aus der Affäre zieht

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Am Gymnasium unserer Thüringer Kleinstadt Eisenberg, das ich ab 1931 besuchte, war die Prügelstrafe abgeschafft. Nach Hitlers Machtübernahme wurde unser beliebter Hausmeister entlassen, weil er seine SPDÜberzeugung nicht ablegen wollte. Sein Nachfolger, Mitte 40 und mit einer blitzblanken Glatze ausgestattet, war ein „alter Kämpfer“, ein überzeugter Nazi. Er betätigte die Pausenklingel dem Stand der Technik gemäß von Hand. Er war schon immer vor der Zeit im Flur neben der Treppe, wo sich der Knopf befand und starrte auf seine Uhr.

Einmal wartete unsere Klasse im zweiten Stock auf den Zeichenlehrer. Wir schauten über das Geländer, der kahle Schädel des Pedells leuchtete. „Da müsste man draufspucken“, murmelte ein Schüler. „Mach ich“, rief spontan Ludwig, unser Klassenjüngster, flink und schmächtig. Gerade als das Faktotum auf den Klingelknopf drückte, landete die Spucke zielsicher auf der Platte. Der Benetzte wischte das Indiz mit dem Ärmel ab und stürmte die Treppe hinauf.

„Es war Tuschwasser, Herr Hausmeister“, rief unser Klassensprecher gleich. Aber der Pedell packte den Delinquenten am Arm und schleppte ihn ins Lehrerzimmer. Hier erhob er schwere Anklage. Die anwesenden Lehrer beschwichtigten ihn, er würde Genugtuung erhalten, jetzt könne er gehen. Nun war aber der Rohrstock noch nicht gänzlich zu den Akten gelegt worden. Bei „grober Flegelhaftigkeit“ gab es 15 Stockschläge. Für die Ausführung war unser Klassenlehrer Lohmeyer, genannt Futsch, zuständig.

Am festgesetzten Tag warteten wir gespannt auf Ludwigs Rückkehr vom Strafvollzug. Lohmeyer kam aus der Jugendbewegung und hatte für vieles Verständnis. Nach der Strafaktion spazierte Ludwig ganz locker in unser Klassenzimmer, nicht geknickt oder verheult, wie wir erwartet hatten. „Der Futsch“, erzählte er, „hatte einen richtigen Rohrstock. Ich musste mich bücken, er holte aus, der Stock pfiff durch die Luft – und kurz vor meinen Arsch bremste er. Das machte er 15 Mal. Ich habe selbstverständlich ein bisschen geseufzt. Aber redet nicht darüber, sonst kriegt Lohmeyer bloß Ärger.“

„An deinem Studienrat kannst du dir ein Beispiel nehmen“, sagte mein Vater. „Auch du wirst einmal unangenehme Entscheidungen treffen müssen. Dann denke an den Futsch.“

Johannes Wildenhain ist 83 Jahre alt und hat als technischer Angestellter bei der AEG in Berlin gearbeitet.

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