Werbinich : Streiten wie die Alten

Seit fünf Jahren arbeiten Senioren als Mediatoren an Berlins Schulen. Ein Besuch im Ausbildungskurs

Ariane Bemmer

Als Ute B. Kind war, hat die Mutter ihr Spielzeug einfach weggegeben. Ohne zu fragen. Ute B., heute 55 Jahre und Rentnerin, ärgert sich immer noch darüber. Und das war gerade ein Problem. Ute B. sollte nämlich einen Streit schlichten, in dem es darum ging, dass der eine dem anderen etwas weggenommen hat. Ute B. neigt da zur Strenge. Experten nennen das: eigene Konfliktprägung.

Bodo M., zwei Kinder, drei Enkel, eine gediegene Erscheinung mit Streifenhemd und Jackett, war lange für IBM in Amerika, hatte ein Unternehmensberatungsbüro. Lösungen waren sein Beruf. Nun soll er da sitzen und so lange Fragen stellen, bis die Streitenden selbst eine Lösung finden. Er wird ungeduldig.

Für Ute B., Bodo M. und sechs andere ist dies der dritte Tag. Sie wollen Mediatoren werden und Streit unter Kindern und Jugendlichen schlichten. Dazu machen sie eine 80stündige Ausbildung bei dem Verein SiS: „Seniorpartner in School“. Den gibt es seit fünf Jahren. Inzwischen sind an 14 Berliner Schulen 73 Seniorpartner mit eigenen Büros und festen Sprechzeiten vertreten. Derzeit absolviert die sechste Gruppe ihre Ausbildung.

Wer heutzutage in Rente geht, langweilt sich oft. Der hat Energie und weiß nicht, wohin damit. Der kann Erfahrung weitergeben, aber weiß nicht, an wen. Diese „dritte Lebensphase“ mit Sinn füllen, das wollte Christiane Richter, als sie SiS gründete. Der Verein als „Brücke zwischen Alt und Jung“, das steht auf dem Briefpapier. Sie ist 70 Jahre alt, von denen man ihr die letzten zehn nicht ansieht. Täglich vier bis fünf Stunden ist sie im SiS-Büro. Sie ächzt. SiS wächst, in drei Bundesländern gibt es Ableger.

Der Verein teilt sich im Rathaus Friedenau ein paar Zimmer mit dem Jugendamt. Im Schulungsraum sitzen die Senioren im Kreis um ein Blumengesteck herum. Als Erstes wurden die Hausaufgaben verglichen: Die Senioren sollten Sätze, böse, gemeine, dumme Sätze, die Schüler sagen, wenn sie streiten, umformulieren und Gefühle und Bedürfnisse aufschreiben, die sie darin erkennen. Ein Satz ist: „Das stimmt alles nicht, der lügt.“ Ein anderer: „Der Idiot hat mich wieder beim Hausmeister verpfiffen.“ Vielleicht redet so kein Mensch, aber es geht ums Prinzip: Wenn der Mediator die Vorwürfe ohne die bösen Worte wiederholt, klärt er, dass er das Problem ernst nimmt und entschärft es dabei. Allerdings gab es Verwirrung. Wessen Gefühle und Bedürfnisse? Des Schimpfenden, des Beschimpften?

Die anderen im Kurs: Annette B., pensionierte Grundschullehrerin, die aus ihrer Angst vor der Mediatoren-Arbeit kein Hehl macht. Helga W., langjährige Vorstandssekretärin und noch immer von gewisser Eleganz umweht. Die schmallippige Renate S., die nach eigener Aussage früher immer Klassenclown war. Die mädchenhafte Edith M., die schon drei Jahre als Telefonseelsorgerin gearbeitet hat, Friedhelm T., der Architekt. Kirsten M., Typ Ulknudel, die jüngste. Sie hat eine halbe Stelle im SiS-Büro und will sehen, was man hier lernt. Alle wollen mit der freien Zeit etwas Vernünftiges anfangen und noch etwas lernen. Es geht durchaus um Egoismus.

In kleinen Gruppen debattierten die Senioren ihre Lösung. Ernsthaft, teils verbissen. „Also, wenn Du, Ute, das zu mir sagst, fühle ich mich hilflos und wütend“, sagte Helga W. und zupft an ihrem Halstuch. Ute B. spürt Aggression. Alle wollen es richtig machen. Sie rufen nach den Kursleiterinnen. Ist meins richtig oder ihres? Die sagen, es gebe nicht die eine richtige Lösung. Man einigt sich auf ein Bedürfnis: Aufrichtigkeit.

Bevor die Senioren den Kurs machen, führt Christiane Richter Gespräche mit ihnen. Ihre erste Frage sei dabei: Wie lang ist Ihr Geduldsfaden? Neue Mediatoren gehen an neue Schulen, und es kann dauern, bis die streitende Schülerschaft bei den Alten um Rat nachfragt. Außerdem fragt sie nach eigenen Erfahrungen in der Schule oder der Schulzeit der Kinder.

Im Kurs sind sie jetzt beim Rollenspiel. Einer gibt den Mediator, zwei sind die Streitenden, einer soll beobachten. Der Inhalt des Streits steht auf einer Karteikarte: Annika hat von Bernd eine CD geliehen und gibt sie nicht zurück, Bernd läuft ihr deshalb hinterher, was Annika nervt.

Bodo M. spielt Bernd. Kirsten M. Annika. Ute B. die Mediatorin. So, sagt sie, wer möchte anfangen zu erzählen? Bodo- Bernd motzt: Die gibt mir meine CD nicht zurück. Kirsten-Annika keift: Der rennt mir dauernd hinterher. Ute B. stockt, merkt, dass alles, was auf ihren Lernbögen steht, weit weg ist. Die richtigen Fragen, die richtigen Abfolgen. Phase I: Problem definieren, Phase II: Situation erhellen, Gefühlshintergrund schildern. Hier streiten zwei, aber sie hat keine Ahnung, wie sie das lösen soll. Sie sagt: Willst du mir erzählen, was du aus deiner Sicht erlebt hast? Bodo-Bernd wiederholt: Ich habe Annika meine CD geliehen, und sie gibt die nicht wieder her. Und wie geht es dir, wenn du deine CD nicht zurückbekommst? Das ist eine Frage aus Phase II. Die kommt zu früh. Bodo-Bernd guckt Mediatorin-Ute irritiert an. Später tauschen sie die Rollen. Man kann sich fragen, ob es solche Konflikte gibt. Klar wird: Es ist schwer, sie zu lösen. Die Kursleiterinnen sagen: „Das ist hier kein Zuckerschlecken.“

SiS schließt Verträge mit den Schulen. Darin ist geregelt, welche Räume die Senioren bekommen, oder welche Stunden Schüler fehlen dürfen, wenn es größere Streitigkeiten zu schlichten gibt. Die meisten Probleme sind aber klein.

Als Gegenleistung für den Kurs, den der Verein bezahlt, verpflichten sich die Senioren, mindestens 18 Monate lang ein Mal pro Woche für SiS zu arbeiten.Bodo M. will später zu den älteren Jugendlichen in die Oberschulen. Wo die entscheidenden Weichen gestellt werden, wie er sagt. Die Frauen wollen an die Grundschulen.

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